VfB Stuttgart: Einsatz von Anabolika in den 1970er Jahren?

Anabolika-Einsatz beim VfB Stuttgart : Schwere Dopingvorwürfe gegen Profifußball

Ein Mitglied einer Untersuchungskommission spricht unter anderem von Anabolika-Einsatz beim VfB Stuttgart in den 1970er Jahren.

Andreas Singler schreibt Klartext. "Anabolikadoping in systematischer Weise lässt sich anhand der neuen Aktenbestände erstmals auch für den Profifußball in Deutschland sicher beweisen", erklärt der Sportwissenschaftler in einer Mitteilung an die Medien. Seit zweieinhalb Jahren ist er Mitglied der Evaluierungskommission, die die Doping-Vergangenheit an der Universität Freiburg aufarbeitet, aber bislang keinen Abschlussbericht vorgelegt hat. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren sei beim Bundesligisten VfB Stuttgart "im größeren Umfang" und "wenn auch nur punktuell nachweisbar" beim damaligen Zweitligisten SC Freiburg Anabolikadoping vorgenommen worden.

Singler beruft sich auf Akten aus einem 1989 beendeten Betrugsverfahren gegen Prof. Armin Klümper, den damaligen Leiter der Sporttraumatologischen Spezialambulanz an den Universitätskliniken Freiburg. Klümper wurde damals zu einer Geldstrafe verurteilt. Der 79-Jährige lebt zurückgezogen in Südafrika.

Dass Singler von Doping mit muskelaufbauenden Präparaten "in fast flächendeckender Manier" im bundesdeutschen Radsport zu dieser Zeit berichtet, ist beinahe eine Randnotiz. Die Vorwürfe besagen, dass der Bund Deutscher Radfahrer Doping finanziert habe. "Dabei ist derzeit nicht auszuschließen, dass auch Minderjährige Dopingmittel erhalten haben könnten."

Singler soll die Vorwürfe ohne Rücksprache mit seinen Kollegen und gegen den Willen der Kommissionsvorsitzenden Letizia Paoli veröffentlicht haben. Die ansonsten als Mafia-Expertin bekannte Paoli von der Uni im belgischen Leuven bestätigte aber: "Die von Dr. Singler aus den bei Prof. Dr. Armin Klümper im Zuge der Ermittlungen 1983 und 1984 beschlagnahmten Unterlagen erhobenen Dopingvorwürfe gegen Klümper, dem Bund Deutscher Radfahrer, dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg sind nach meiner Kenntnis durch die Akten belegt."

Der VfB Stuttgart äußerte sich gestern zurückhaltend zu den Vorwürfen: "Der von der Evaluierungskommission angegebene Zeitraum liegt mehrere Jahrzehnte zurück. Entsprechend schwierig ist es zum jetzigen Zeitpunkt für den VfB Stuttgart, damalige Abläufe und eventuelle Behandlungen durch externe Mediziner nachzuvollziehen." Jürgen Sundermann, VfB-Trainer von 1976 bis 1979 und von 1980 bis 1982, bezeichnete die Anschuldigungen als "absurd".

Im genannten Zeitraum hatten die Schwaben eine aufstrebende Mannschaft mit namhaften Profis wie Hansi Müller, den Förster-Brüdern, Karl Allgöwer und Dieter Hoeneß. Der heutige Bundestrainer Joachim Löw spielte von 1978 bis 1980 sowie von 1982 bis 1984 beim SC Freiburg, 1980/81 beim VfB. Stuttgarts Präsident war in dieser Phase der spätere DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder.

Klümper steht im Mittelpunkt der Vorwürfe. Er "respektierte im Lauf der Jahre weder Dopingregeln noch Gesetze. Klümper erwarb im Laufe der Jahre im Spitzensport bei Athleten und Funktionären den Ruf eines Gurus", heißt es in einem Zwischenbericht der Evaluierungskommission. "Für mich war es wie eine Wallfahrt, dort hinzureisen", sagt der frühere Weltklasse-Diskuswerfer Alwin Wagner, der heute Vorträge hält und Jugendliche vom Doping abhalten möchte, im Gespräch mit unserer Redaktion, "mit Medikamenten waren sie dort sehr freigiebig. Da gab's natürlich auch Anabolika und den Klümper-Cocktail, über dessen Bestandteile wir nichts erfuhren." Athleten aus vielen Sportarten seien nach Freiburg gefahren. "Beckenbauer, Hoeneß und wie sie alle hießen waren da. Sie mussten wie alle anderen im Wartezimmer warten."

Eine von Klümpers Patientinnen war die Leichtathletin Birgit Dressel, die 1987 an multiplem Organversagen starb. Sie hatte sich von mehreren Ärzten gleichzeitig behandeln lassen und 78 verschiedene Medikamente eingenommen, darunter Anabolika. Klümper hatte ihr angeblich in 16 Monaten 400 Spritzen verabreicht.

In den 1990er Jahren gründete Sportler - darunter Hansi Müller, Karlheinz Förster und der ehemalige Turner und heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Eberhard Gienger - einen Verein zur finanziellen Unterstützung von Klümpers Arbeit.

Zu Klümper und seinem im Jahr 2000 verstorbenen Kollegen Joseph Keul pilgerten in den 70er, 80er und 90er Jahren Topathleten in Scharen. "Wenn's Spitz auf Knopf ging, da haben wir gesagt: ,Mensch Professor, ich muss am Samstag wieder ran.' Da hat man auch mal was Unvernünftiges gemacht", hatte Karlheinz Förster zuletzt in einer Dokumentation des SWR gesagt.

(RP)
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