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Tod von Uwe Seeler: Torjäger, Volksheld und Idol -Abschied von einem großen Fußballer

Zum Tod von Uwe Seeler : Torjäger, Volksheld und Idol – Abschied von einem großen Fußballer

Mit Uwe Seeler ist einer der letzten großen deutschen Fußball-Helden der Nachkriegszeit gestorben. Dem Hamburger SV blieb er auch nach seiner Karriere treu. Ein Millionen-Angebot aus Italien lehnte er ab. In Erinnerung bleibt er aber nicht nur wegen seiner Tore.

Der letzte große Volksheld des deutschen Fußballs ist tot. Uwe Seeler, „uns Uwe“ nicht nur, aber besonders für die Hamburger, ist im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen. Der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft wurde 85 Jahre alt.

Langsamer war er im Laufe der vergangenen Jahre geworden, und er ging ein bisschen gebeugt. Uwe Seeler brauchte einen Gehstock, und so ganz sicher stand er schon lange nicht mehr auf den Beinen. Schwächeanfälle und Stürze begleiteten seine letzten Jahre. „Alt werden ist nix für Feiglinge“, sagt er in einem ARD-Film, „aber du kannst ja nicht davor weglaufen.“ Weggelaufen ist er auch nie.

Nicht einmal vor einem Amt in seinem Klub, dem Hamburger SV, dem er viel länger als ein Fußballleben treu blieb. 1995, wieder mal steckte der HSV in einer tiefen Krise, da überredeten ihn Vereinsmitglieder, sich zum Präsidenten wählen zu lassen. Seeler war zu freundlich, abzusagen, und er war wahrscheinlich viel zu naiv. Jedenfalls bemerkte er nicht, wie viel ohne sein Wissen getrickst und geschummelt wurde. Nach gut drei Jahren trat er zurück. „Hätte ich mal auf meine Frau Ilka gehört“, sagte er später. Sie hatte ihm von Anfang an abgeraten. Und es war selten, dass er nicht auf ihren Rat vertraute.

Anfang der 1960er tat er es. Er bekam ein geradezu märchenhaftes Angebot von Inter Mailand. Der Startrainer Helenio Herrera unterbreitete es stilsicher im vornehmen Hamburger Hotel Atlantic. Einen Koffer stellte er auf den Tisch, und er versicherte, der Koffer werde mit Geld gefüllt. Eine Million Mark wollte Inter zahlen, dazu bot der Klub ein Jahresgehalt von einer halben Million, einen Dienstwagen und eine Villa. Im Durchschnitt verdiente ein deutscher Arbeitnehmer 1960 rund 6000 Mark - im Jahr.

Seeler kam ins Grübeln. Drei Tage lang erörterte er mit seiner Ilka die Lage. Dann sagte er ab. Herrera verstand die Welt nicht mehr. Aber Seeler erklärte im Rückblick: „Wir waren doch glücklich und zufrieden. Am Ende habe ich nichts bereut.“

Unter dem Beifall des Fußballvolks blieb „uns Uwe“ im Lande. Millionen scheffelte er nicht. Aber er nährte sich vergleichsweise redlich. Tagsüber fuhr er mit einem dicken Mercedes (immerhin) als Generalvertreter für den Sportausrüster Adidas durchs Land, abends trainierte er. „Ich bin stinknormal, und das bin ich auch geblieben“, stellte er fest.

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Der stinknormale Seeler spielte Fußball, wie er es in der Nachkriegszeit auf der von Autos weitgehend freien Straße vor der elterlichen Wohnung gelernt hat. „Da haben wir geballert, herrlich!“, sagte er. Er entwickelte Kampfgeist, Behauptungswillen, ein für seine 1,68 Meter erstaunliches Kopfballspiel, und seine Fallrückzieher wurden zum Markenzeichen. Im Verein schoss er Tore am Fließband. Da wurde der ruhige und freundliche Kerl zum ehrgeizigen Torjäger, der es nicht so richtig verträgt, wenn seine Mitspieler ihn mal übersehen oder wenn sie seinen hohen Ansprüchen nicht gerecht werden. „Auf dem Platz hat er ununterbrochen geredet und geschimpft“, sagte Franz Beckenbauer, der die Bühne des Fußballs betrat, als Seeler die letzten großen Kapitel seiner Laufbahn schrieb.

1966 führte er die Nationalmannschaft als Kapitän ins Endspiel um die Weltmeisterschaft gegen Gastgeber England. Deutschland verlor unglücklich mit 2:4, es kassierte in der Verlängerung das vorentscheidende dritte Tor, das als Wembley-Tor in die Geschichte einging. Der Ball sprang nach einem Schuss von Geoffrey Hurst an die Unterkante der Latte und von da, wie die Deutschen bis heute schwören, vor der Torlinie ins Feld. Nur Linienrichter und Schiedsrichter sahen das anders. Seeler hielt seine Mitspieler allerdings von allzu heftigen Protesten ab, „schließlich saß doch die Königin auf der Tribüne“, und er fügte sich mit großer Fairness in eine Niederlage, die ihm ungerecht vorkam. Historiker sind überzeugt, dass die deutsche Mannschaft durch ihre Haltung viel für das Ansehen ihres Landes in der Welt getan hat. Für Seeler war Fairness bei allem Ehrgeiz selbstverständlich.

Er konnte sogar zurückstehen, wenn es um mannschaftliche Belange geht. 1970 bei der WM in Mexiko spielte er mit 34 Jahren sein letztes großes Turnier. Weil Gerd Müller inzwischen noch mehr Tore schoss als „uns Uwe“ und damit der Platzhirsch in der Sturmmitte war, wurde Seeler sein Zuträger aus dem offensiven Mittelfeld. In der dünnen und heißen Höhenluft von Mexiko schuftete der Hamburger wie ein Junger, und er erzielte sein berühmtestes Tor. Nach einer Flanke von Karl-Heinz Schnellinger beförderte er im Viertelfinale gegen England den Ball mit dem Rücken zum Tor und mit dem Hinterkopf zum zwischenzeitlichen 2:2-Ausgleich ins Netz. Deutschland gewann das eine von zwei nervenaufreibenden K.o.-Spielen mit 3:2. Im Halbfinale unterlag die DFB-Auswahl den Italienern mit 3:4. Die Sportbücher führen die Partie als „Jahrhundertspiel“.

Seeler trat zwar ohne großen internationalen Titel ab, und er gewann mit dem HSV auch nur einmal die deutsche Meisterschaft, aber das Fußballvolk verehrte ihn. Er blieb ein Idol, obwohl, vielleicht weil er sich selbst nie auf einen Sockel stellte. Noch auf den 85-Jährigen gingen wildfremde Menschen zu und bedankten sich für seine Leistungen. Seeler nahm sich für jeden Zeit, lächelte bei Autogrammwünschen geduldig und freute sich über die Anerkennung. Da ist er ganz Sohn seines Vaters Erwin. Der arbeitete im Hafen, spielte ebenfalls sehr ordentlich Fußball und hatte für seine Kinder diesen Auftrag: „Anständig bleiben, hart arbeiten, die Mitmenschen respektieren. Wenn ihr verrückt spielt, dann kriegt ihr ein paar an die Ohren.“

Seeler hat nie verrückt gespielt, auch das ist ein Grund für seine ungebrochene Popularität. „Das Schönste“, erklärte er, „ist normal zu bleiben. So bin ich.“ Dann lächelte der „Dicke“, wie ihn die Mitspieler nannten, still in sich hinein. „Ich bin zufrieden, und das verdanke ich meiner Frau“, sagt er im Film zum 85. Geburtstag. Und seine Hand sucht ihre. Ein schönes Bild.

Hier geht es zur Infostrecke: „Wer Seeler nicht ins Herz geschlossen hat, bei dem läuft was falsch“