Thomas Müller ist beim FC Bayern München nur noch Ergänzungsspieler

Nur noch Ergänzungsspieler : Thomas Müller sucht beim FC Bayern seine Rolle

Durch die Verpflichtung von Philippe Coutinho ist der ehemalige Nationalspieler Thomas Müller beim FC Bayern München nur noch zweite Wahl. Noch nimmt er die Rolle charmant und mit Teamgeist an.

Also sprach der große Aloysius Paulus Maria Louis van Gaal, Ritter im Orden von Oranien-Nassau, Erfinder des Fußballs und Trainer des FC Bayern München, im Jahre des Herrn 2009: „Müller spielt immer.“ Müller, Vorname Thomas, seinerzeit gerade mal 20 Jahre alt, war soeben der Amateurmannschaft des Rekordmeisters entronnen, weil van Gaal ihn zu den Profis hochbefohlen hatte. Sein unorthodoxes Spiel gefiel dem alten Meister aus Holland. Es gab den Bayern und bald auch der Nationalmannschaft einen Schuss Unberechenbarkeit. Und weil Müller so gut wie nie verletzt war, stimmte van Gaals großer Satz zehn Jahre lang.

Im frühen Herbst 2019 stimmt er nicht mehr. Bundestrainer Joachim Löw hat den stürmenden Mittelfeldspieler gemeinsam mit dessen Kollegen Mats Hummels und Jerome Boateng auf höchst seltsame Art aufs Abstellgleis geschoben. Und der FC Bayern hat Philippe Coutinho verpflichtet. Dadurch ist Müllers Lieblingsposition in der Mitte hinter den Spitzen blockiert. Für die weiteren Arbeitsplätze in der Offensive ist er ebenfalls nur als Vertreter eingeplant. Müller ist nun dauerhaft Gast auf der Ersatzbank. Und seine Wegbegleiter fragen sich, ob er auch in dieser Rolle der charmante Gesprächspartner und Mannschaftsspieler bleibt, als den ihn Deutschland in der zurückliegenden Dekade kennengelernt hat.

Erste Antwort: Ja. Müller läuft nicht beleidigt davon, wenn er mal wieder nur ein paar Minuten auf dem Platz gestanden hat. Er plaudert weiterhin gelöst und locker in den Begegnungszonen der Stadien. Und er hat zum Konkurrenzkampf mit Coutinho nur Dinge zu sagen, die ihn als Mensch mit großem Teamgeist ausweisen. „Er hat super Fähigkeiten“, erklärte er der „Süddeutschen Zeitung“, „da müssen wir nicht drüber reden. Aber wir drehen uns ja seit Wochen im Kreis. Ich muss sagen, wie super Philippe ist, und der Philippe muss sagen, wie super ich bin. Das kann nicht unsere Aufgabe sein. Deswegen ziehen wir alle an einem Strang, deswegen sind wir in einem Team.“

Das heißt aber noch lange nicht, dass beide gemeinsam auf dem Platz stehen müssen. In die taktischen Pläne ihres Trainers Niko Kovac passt diese Idee jedenfalls nicht. Als ehemaliger defensiver Mittelfeldspieler ist Kovac ein erklärter Anhänger vernünftiger Absicherung – manchmal so sehr, dass Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bereits die Allmachtsansprüche seines Klubs und den stets eingepreisten Geist der Dominanz gefährdet sah. Zwei Freigeister im vorderen Mittelfeld ist für Kovac einer zu viel.

Dass er Coutinho den Vorzug gibt, hat mit Änderungen der bayerischen Fußball-Strategie zu tun. Nach dem Abgang der berühmten Flügelzange Arjen Robben/Franck Ribéry erinnert sich der Meister an die Schönheiten eines anmutigen Kombinationsspiels durch die Mitte, das ihn zu Zeiten des Fußball-Kaisers Franz Beckenbauer und der Torfabrik Gerd Müller so unwiderstehlich machte. Coutinho ist der Mann, der das Spiel durch die Mitte treiben kann – mit Pässen oder mit Dribblings, mit seiner Fähigkeit, den Ball gegen viele Abwehrbeine zu behaupten. Kovac schwärmte bereits davon, dass der Brasilianer die Bayern in eine andere Dimension bringe.

Müllers Qualitäten liegen woanders. Weil er die Kunst beherrscht, auf seinen slaksigen Beinen immer dort aufzutauchen, wo sich plötzlich Gefahrenmomente fürs gegnerische Tor auftun, hat ihn ein kluger Betrachter mal einen „Raumdeuter“ genannt. Müller ist weniger Initiator von Spielsituationen, er ist eher ihr Vollender. Und er kann mit seiner demonstrativen Laufbereitschaft viel Schwung in seine Mannschaft bringen.

Das ist allerdings die typische Eigenschaft eines Einwechselspielers, der eine verfahrene Lage durch seine Art wieder auflockern kann. Wie locker Müller als zwölfter Mann des Bayern-Teams auf Dauer bleibt, ist noch nicht heraus. Sicher aber ist, dass Kovac keine bessere Zweitbesetzung für die Stellen in der Abteilung Angriff finden kann. Es liegt an Müller, ob er in dieser Rolle die berufliche Erfüllung sieht. Dann wird er zwar nicht immer, aber doch häufig spielen – nur nicht so lange.

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