Thomas Häßler: Weltmeister im Dschungelcamp 2017

Weltmeister im Dschungelcamp : Eine Karriere nach der Karriere hat Häßler nicht gehabt

1990 steht Thomas Häßler als Fußballprofi am Zenit. Er ist ein Millionär, ein Weltstar. 27 Jahre später macht er beim RTL-Fremdschämen mit.

Es heißt, das Internet vergesse nichts. Das ist schön, weil es noch immer weiß, dass Thomas Häßler einmal ein ganz großer Fußballspieler gewesen ist. Es ist nicht so schön, weil es zu wissen vorgibt, dass ihn noch immer eine Kölner Agentur vertritt. Die Firma Humanagement aber befindet sich seit gut einem Jahr in Auflösung, so dass Fragen an den berühmtesten ihrer Klienten ins Leere laufen. Zum Beispiel die: Warum geht ein Weltmeister ins Dschungelcamp?

So weit ist es nämlich gekommen mit dem Mann, den alle nur "Icke" nennen, weil es seine Mitspieler beim 1. FC Köln so nett fanden, wie der kleine Kerl (1,66 Meter) berlinerte, den ihr Manager Karl-Heinz Thielen aus der seinerzeit berühmten Jugendabteilung der Reinickendorfer Füchse an den Rhein geholt hatte.

1984 war das, und der Effzeh war damals eine große Nummer im deutschen Fußball. Häßler war nicht nur klein, sondern auch schüchtern. Das gehörte sich so, gerade mal 19-Jährige hatten die Netze mit den Bällen zu tragen und ansonsten artig zuzuhören, wenn die Alphatiere wie Torwart Harald "Toni" Schumacher von der großen weiten Fußballwelt erzählten.

Häßler sollte die allerdings noch kennenlernen, er prägte sie sogar. Denn er war eine herausragende Begabung. Er konnte fast so unwiderstehlich dribbeln wie der große Maradona, und er schoss Freistöße, die selbst Schumacher bei allem Ehrgeiz im Training nicht erreichte. Den Kollegen in der Bundesliga ging es bald nicht anders. Aus dem kleinen "Icke" wurde der Mann, der 101 Länderspiele machte, dessen Tor zum 2:1-Endstand im Qualifikationsspiel gegen Wales die Nationalelf erst zum WM-Turnier nach Italien brachte und der maßgeblich dazu beitrug, dass die DFB-Auswahl zum dritten Mal Weltmeister wurde.

Ist Häßler eine verkrachte Existenz?

Häßler lief für Juventus Turin und AS Rom auf, er machte als Mittelfeldspieler den Karlsruher SC und München 1860 zu Dauergästen in der oberen Bundesliga-Etage. Er war ein Millionär, ein Weltstar. Ein ganz anderer Star als jene, die RTL für seine Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" braucht. Dem Sender geht es um die Nabelschau auf verkrachte Existenzen, um das leise Gruseln des Publikums darüber, wie jemand tief genug sinken kann, dass er sich vor Millionen Zuschauern durch ein Heer von Kakerlaken dribbelt oder schlimme Dinge isst. Eine weitere Frage, die bei Humanegement ins Leere geht, lautet deshalb: Ist Häßler eine verkrachte Existenz? Häßler beteuert, seine Mitwirkung in anderen TV-Formaten wie "Let's Dance" (RTL) oder "Ewige Helden" (VOX) habe schon mal nichts mit Geldsorgen wegen der teuren Scheidung von seiner ersten Ehefrau Angela zu tun, wie die "Bildzeitung" voller Mitleid vermutet. "Ich bin 50 Jahre alt, da komme ich gar nicht mehr in die Verlegenheit, mich über irgendwelche Gerüchte aufzuregen", sagte er vor "Let's Dance".

Eine Karriere nach dem Leben als Spieler hat Häßler nicht gehabt. Er hatte ein paar kurzfristige Engagements als Trainer-Assistent, und beim 1. FC Köln schufen sie ihm die Stelle des Techniktrainers - ein bisschen Dankbarkeit für 149 Bundesligaspiele. Die Dankbarkeit hatte freilich Grenzen. Cheftrainer Stale Solbakken hatte nicht viel übrig für gelebte Vereinsgeschichte. Er ließ Häßler wegschicken.

Das hat den einstigen Weltklasse-Spieler tief getroffen. Er war sicher, dass er jungen Leuten einiges beibringen könnte. Und er hatte ein großes Herz für den Klub, bei dem er zum Hauptdarsteller wurde und in dessen Stadion er 2005 seine von Wehmut umflorte Abschiedsvorstellung gab. Er war überzeugt davon, dass so viel Zuneigung ausreichende Basis für eine Zusammenarbeit sein müsste. Der 1. FC Köln von 2011 war das nicht. Später hat Häßler seinen Schmerz öffentlich gemacht. "Man kann über die Bayern sagen, was man will", erklärte er dem Portal "fussball.news", "aber sie haben es bis heute toll gemacht mit Spielern, die in Not waren oder einen Job wollten. Die Verantwortlichen helfen solchen Spielern immer wieder. Schade, dass es so etwas nicht beim 1. FC Köln gibt." Von "Not" hat er gesprochen.

"Es gibt nichts Schlimmeres, als monatelang zu Hause rumzusitzen"

Vielleicht meinte er nicht einmal finanzielle Not. Vielleicht meinte er nur die schwer erträgliche Situation, in ein Randdasein ohne Beschäftigung geraten zu sein. Als er vor einem Jahr als Trainer des Berliner Achtligisten Club Italia vorgestellt wurde, sagte er: "Es gibt nichts Schlimmeres, als monatelang zu Hause rumzusitzen und die Wände anzustarren."

Seinen neuen Klub hat er bei der ersten Cheftrainer-Stelle zur Halbzeit der Saison auf Platz zwei geführt, der am Ende zum Aufstieg in die Landesliga reichen würde. Ist das genug für einen, der Menschenmassen verzauberte mit seinem Spiel? Eine klare Antwort umspielt er lieber. "Was soll man groß lamentieren?", fragte Häßler zum Amtsantritt.

Über seine Träume spricht er nicht. Wer die kennenlernen will, muss sich die Bilder anschauen, die seine ehemalige Agentur im Netz hinterlassen hat. Da steht ihr Klient in einem VIP-Raum des Kölner Stadions und unterschreibt Autogrammkarten. Auf diesen ist das Foto des Tores, das er immer noch "mein wichtigstes" nennt: das 2:1 gegen Wales, erzielt am 15. November 1989 in Köln, natürlich in Köln. Auf einem anderen Bild jongliert er den Ball in einer Fernsehshow. Häßler ist ein Fußballer geblieben, der in einem mittlerweile hochinflationär benutzten Wort "einfach nur spielen will". Genau wie vor gut 32 Jahren, als er still am Rand in der Kölner Kabine saß. Es ist eben auch ein Glück, dass das Internet nichts vergisst.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Thomas Häßler

(pet)
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