Der SC Paderborn will seine Achterbahnfahrt mit dem Aufstieg beenden

Plötzlich Aufstiegskandidat : Ganz Paderborn fährt Achterbahn

Vor nicht einmal zwei Jahren war der SC Paderborn sportlich und finanziell am Ende. Nun haben es die Ostwestfalen am letzten Spieltag selbst in der Hand erneut in die Bundesliga aufzusteigen.

Jedes Jahr ab dem letzten Wochenende im Juli findet in Paderborn das Libori-Fest statt. Einwohner und Auswärtige feiern dann neun Tage lang die Ankunft der Gebeine des heiligen Liborius, die im Jahr 836 in einer feierlichen Prozession von Le Mans nach Paderborn getragen wurden. Dazu wird auf dem Liboriberg mitten in der Innenstadt eine große Kirmes aufgebaut.

Wie viele Fans des SC Paderborn die Fahrgeschäfte noch besuchen, ist statistisch leider nicht erfasst. Gut möglich aber, dass den meisten sowieso schon schlecht ist. Denn Paderborner Fußballanhänger fahren seit fünf Jahren ununterbrochen Achterbahn. Mit dem erneuten Aufstieg in die Fußball-Bundesliga würde diese Fahrt einen erneuten Höhepunkt erreichen.

Die Paderborner besiegten am Sonntag den eigentlichen Aufstiegsfavoriten Hamburger SV. Weil Verfolger Union Berlin gleichzeitig gegen den 1. FC Magdeburg gewann, steht der SCP zwar noch nicht als Aufsteiger fest, hat als Zweiter am letzten Spieltag aber den Aufstieg selbst in der Hand. Gewinnen die Ostwestfalen in Dresden, steigen sie sicher auf. Zudem könnte Schützenhilfe aus Bochum helfen, denn der VfL empfängt am letzten Spieltag Union. Verliert Paderborn und Union gewinnt, geht es für den SCP in die Relegation, denn Tabellenplatz drei ist Paderborn bereits sicher.

Dass die Achterbahn des SC Paderborn noch einmal in solch ungeahnte Höhen aufsteigen konnte, ist eine Sensation. Denn die Wagen der Achterbahn waren eigentlich schon auf dem Weg Richtung Schrottplatz.

Die Fahrt beginnt vor fast genau fünf Jahren. Am 11. Mai 2014 steigt der SCP erstmals in die Bundesliga auf. Am fünften Spieltag fuhr der „krasseste Außenseiter der Geschichte“ (Trainer André Breitenreiter) sogar als Tabellenführer zum FC Bayern. Doch danach ging es mit dem Verein bergab. Der SCP wurde direkt von der Ersten in die Dritte Liga durchgereicht.

Am 20. Mai 2017 brach die Welt in Paderborn dann völlig zusammen. Durch ein 0:0 gegen den VfL Osnabrück stieg der SCP sogar in die Regionalliga ab. Es war der Tag, an dem die Achterbahn völlig entgleiste und am Boden zerschellte.

„Der SC Paderborn war auf dem Weg zum Bestatter“, sagte Geschäftsführer Martin Hornberger. Der Verein war sowohl sportlich als auch finanziell am Ende. Doch dann kam die unerwartete Rettung: Durch den Lizenzentzug von 1860 München durfte der SCP doch in der Dritten Liga bleiben.

Da passte es auch, dass der vor wenigen Monaten verstorbene Präsident Wilfried Finke schon kurz vor dem Abstieg jemanden eingestellt hatte, der sich gut mit Achterbahn-Reparaturen auskennt. Markus Krösche kam als Geschäftsführer Sport zurück in den Verein, für den er selbst 13 Jahre lang die Schuhe schnürte.

Der 38-Jährige brachte das mit, was dem SCP nach dem Bundesliga-Abstieg abhandengekommen war: ein Auge für Talente und einen klaren Plan. Krösche wollte in Paderborn attraktiven Offensiv-Fußball sehen. Mit Steffen Baumgart verpflichtete er auch gleich den passenden Trainer.

„Schneller, offensiver Fußball mit großer Konsequenz“, beschreibt Baumgart seine Spielphilosophie selbst. Gemeinsam mit Krösche baute der ehemalige Bundesliga-Stürmer den SCP zu einer wahren Offensiv-Maschine um. Mit 90 geschossenen Toren feierten die Paderborner im vergangenen Sommer den souveränen Aufstieg in die Zweite Liga. Die Achterbahn war wieder in der Spur und auf dem Weg nach oben.

Und auch in der Zweiten Liga ist Paderborn seinem Plan treu geblieben. Mit 75 geschossenen Toren stellt der SCP die zweitbeste Offensive der Liga hinter dem 1. FC Köln. Und auch die Defensive hat Baumgart im Verlauf der Saison stabilisiert. Dazu kamen hervorragende Einzelspieler wie Mittelfeldstratege Philipp Klement, Sechser Sebastian Vasiliadis und Flügelspieler Bernard Tekpetey, aber vor allem eine große mannschaftliche Geschlossenheit. Ganze elf Mal konnte der SCP zum Beispiel in dieser Saison nach Rückstand noch punkten.

Wie es mit der Paderborner Achterbahnfahrt nun weitergeht – ob mit oder ohne Aufstieg – ist jedoch unklar. Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Markus Krösche soll laut Medienberichten im Sommer zu RB Leipzig wechseln. Auch Trainer Steffen Baumgart ist immer wieder Teil von Spekulationen. Und auch Spieler sollen bei mehreren Bundesligisten auf der Liste stehen.

Die Paderborner Fans werden sich wahrscheinlich nur eines wünschen: Schluss mit der Achterbahnfahrt. Sie würden gerne aussteigen und von oben die Aussicht genießen. Irgendwo runtersausen kann man schließlich auch ganz gut auf Libori.

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