Rheinische Post Fußball-Gipfel 2018: Rudi Völler, Max Eberl und Friedhelm Funkel zu Gast

Fußball-Gipfel 2018 : „Bei Özil hat sich keiner mit Ruhm bekleckert“

Der RP-Bundesliga-Gipfel 2018

Beim Bundesliga-Gipfel der RP haben unsere Redakteure mit Rudi Völler, Max Eberl und Friedhelm Funkel über die Entwicklungen im deutschen Fußball gesprochen. Manche Dinge könnten besser laufen, befanden die Experten.

Der lauteste Applaus brandet für Rudi Völler auf, als er den Konferenzraum der Rheinischen Post betritt. Zum „gefühlt 100. Mal“ ist der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen beim RP-Fußball-Gipfel zu Gast. Doch auch Fortuna Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel und Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, werden von mehr als 120 Lesern im Publikum wärmstens begrüßt. Die Vorfreude auf die Bundesliga, sie ist bereits riesig. Funkel nimmt das Lob einiger Fortuna-Fans entgegen, die dankbar sind, dass „wir“, also Fans und Klub, wieder erstklassig sind. Zwei Wochen vor dem Ligastart stellen sich die Fußballexperten den Fragen der RP-Sportredakteure Robert Peters und Gianni Costa.

Wir haben durch den Aufstieg der Fortuna erstmals einen echten Bundesligagipfel, Herr Funkel. Wie fühlt sich das an?

Funkel Obwohl wir nicht zu den Aufstiegsfavoriten gehört haben, haben wir es dieses Jahr souverän geschafft. Es fühlt sich toll an. Und wir freuen uns alle riesig auf den Bundesligastart.

Der Aufsteiger wird immer als erster Abstiegskandidat gehandelt. Was braucht Fortuna, um drinzubleiben?

Funkel Wir müssen hart arbeiten, wir brauchen das Quäntchen Glück und müssen sehr motiviert sein. Wir müssen wissen, dass wir weniger Spiele gewinnen als vergangene Saison und müssen auch mutig sein. Aber das wissen wir auch. Das habe ich den Jungs vermittelt. Wir wissen, dass auf der anderen Seite teilweise Weltklassespieler stehen. Wir gehen mit viel Spaß und Engagement in das Abenteuer erste Liga.

Mönchengladbach hat andere Ambitionen, als nur drinzubleiben. Wie wollen Sie den Ansprüchen gerecht werden?

Eberl All das, was Friedhelm sagt, brauchen wir auch. Die Ansprüche an uns sind aufgrund der Erfolge der letzten Jahre gewachsen, damit haben wir zu kämpfen. Das ist kein Selbstläufer. Wir haben eine Mannschaft entwickelt, Abgänge aufgefangen. Wir wollen unsere Philosophie beleben, junge Spieler zu entwickeln, und das tun wir. Jetzt wird mehr erwartet, dem versuchen wir gerecht zu werden. Träumen müssen wir, und träumen wollen wir. Mein großer Traum bleibt es, etwas mit dem Klub in den Händen zu halten.

Was möchten Sie mit Leverkusen in den Händen halten, Herr Völler?

Völler In einer Liga mit Bayern München tut man gut daran, beim Spiel gegen sie alles zu versuchen, um sie zu schlagen. Es wird schwierig sein, mit den Bayern eine Saison lang Schritt zu halten. Bei uns ist es seit Jahren das Gleiche. Wir wollen wieder international spielen. Trotz der Dreifachbelastung versuchen wir, unter die ersten Vier zu kommen.

Der Transfermarkt in England schließt. Greifen Sie am Deadline Day noch ein?

Eberl Ich nicht, das wäre auch ein bisschen knapp, um 12 Uhr noch anzurufen und zum Medizincheck für 18 Uhr zu bitten. Rudi scheint auch entspannt zu sein.
Völler Unser Sportdirektor Jonas Boldt schaut auf den Bildschirm, aber wir sehen das jetzt sehr gelassen und sind mehr oder weniger mit den Transfers durch.

Würde ein einheitliches Transferfenster für die europäischen Ligen Sinn machen?

Eberl Es bringt nichts, wenn wir uns den Engländern anschließen und kurz vor dem Saisonstart das Transferfenster schließen. Das würde für die Bundesliga einen Nachteil bedeuten. Beim früheren Transferschluss müssten alle fünf Top-Ligen an einem Strang ziehen. Die Spanier wollen nicht, also ist das für uns in Deutschland einfach kein Thema.

Völler Ich finde es prinzipiell richtig, wenn mit dem Saisonstart die Transferperiode endet und es dann im Winter noch einmal eine kurze Transferperiode gibt.

Der teuerste Torwart ist für 80 Millionen Euro zum FC Chelsea gewechselt. Was halten Sie von solchen Transfersummen?

Eberl Die Ablösesummen sind einfach utopisch. Dieser Deadline Day, das ist teilweise absurd für mich, dass da 80, 90, 100 Millionen kurz vor knapp noch von links nach rechts geschoben werden.
Völler Natürlich können wir alle mit den Köpfen schütteln, aber das ist halt der Markt. Wir ertappen uns ja auch, dass wir Summen ausgeben, die vor drei, vier Jahren nicht möglich gewesen wären. Das ist halt Profigeschäft. Trotzdem muss man versuchen, schwarze Zahlen zu schreiben. Das ist ja das Pfund in Deutschland, dass wir größtenteils Klubs haben, die gesund sind.

Viele Spieler bekennen sich zum Verein, stellen sich im Nachsatz aber doch auf den Markt.

Völler Das ist jedenfalls ehrlicher, als nach einem Tor das Emblem zu küssen. Das haben wir früher auch nicht gemacht, oder Max?
Eberl Stimmt, aber ich habe ja auch kein Tor geschossen.

Mit großen Transfersummen haben Sie bei der Fortuna weniger zu tun.

Funkel Das hat natürlich den Grund, dass wir in 20 Jahren nur einmal in der Bundesliga waren. Wir müssen uns viele Dinge erst wieder erarbeiten, das hat bei uns ganz andere Dimensionen. Wir haben aber trotz allem eine Mannschaft zusammengestellt, mit der ich zufrieden bin. Man muss sich den Gegebenheiten des Vereins anpassen, wir und unsere Fans gehen mit viel Demut in die erste Bundesliga. Und trotzdem glauben wir an unsere Chance.

Über die Vorzüge der englischen Liga wird oft geredet. Was ist dagegen der besondere Wert der Bundesliga?

Eberl Wenn ich die Premier League nehme, dann habe ich Klubs, die viele Topspieler zusammenkaufen. In der Bundesliga haben immer junge Spieler die Chance, Schritte zu gehen. Wir feiern einen Leon Bailey, wir feiern einen Michael Cuisance. Da ist die Bundesliga ein Aushängeschild. In fast allen Klubs ist es so, dass junge Spieler eine Chance bekommen.

Junge, deutsche Nationalspieler gibt es vor allem in Leverkusen. Spüren Sie da eine besondere Verantwortung?

Völler Klar arbeitet man dafür, manchmal ist es aber auch ein bisschen Glück. Bei Julian Brandt und Jonathan Tah zum Beispiel, die in der Jugend schon gut ausgebildet wurden. In Kai Havertz haben wir, obwohl ich das Wort nicht gern benutze, ein absolutes Juwel. Der hat alle Möglichkeiten eine Wahnsinns-Karriere zu machen. Das ist für jeden Klub der Traum, einen Spieler aus der eigenen Jugend hervorzubringen.

  • Rudi Völler, der Sportgeschäftsführer von Bayer
    Jetzt bewerben! : Bundesliga-Gipfel der Rheinischen Post mit Eberl, Funkel und Völler
  • Porträt in Bildern : Das ist Friedhelm Funkel

Herr Funkel, glauben Sie, dass sich Florian Neuhaus in Gladbach gut weiterentwickelt?

Funkel Ich bin ja immer sehr realistisch. Max und Dieter (Hecking, Anm. d. Red.) haben mir früh signalisiert, dass sie ihn zurückholen wollen. Flo hat eine überragende Entwicklung bei uns genommen, das hatte so keiner vermutet. Ich auch nicht. Borussia hat ihm nicht umsonst einen Fünfjahresvertrag gegeben. Das ist ein Spieler, der noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Ich bin überzeugt, dass er sich bei der Borussia durchsetzen wird. Ob das diese Saison passiert, kann ich nicht beurteilen. Ich habe keine Hoffnung, dass er im Laufe des Jahres zu uns zurückkommt, weil er Fähigkeiten hat, die andere in Gladbach nicht haben, zum Beispiel die Torgefährlichkeit.

Von Euphorie war in Gladbach zuletzt nicht viel zu spüren. Müssen sich die Spieler anders verhalten? Gibt es eine Flucht nach vorne?

Eberl Der Fußball generell war kein einfaches Umfeld. Wir hatten in der Rückrunde Spiele, die teilweise einfach schlecht waren. Dass nach Platz neun keiner „Hurra“ ruft, ist mir klar. Flucht nach vorne, nein. Wir versuchen Schlüsse zu ziehen aus dem, was passiert ist. Wir brauchen Spieler, die zu hundert Prozent fokussiert und engagiert sind. Es geht bei null wieder los. Was wir schlechter gemacht haben, wollen wir wieder besser machen. Wir wollen Spiele gewinnen. Wir wollen engagiert sein und zeigen, dass wir gewinnen wollen.

Max Eberl hat die Unruhe im Fußball angesprochen. Das kam auch durch technische Neuerungen wie den Videobeweis. Muss sich der Fußball wieder besinnen?

Völler Das kriegen wir ja jedes Jahr wieder hin. Selbst nach einer langen WM bekommt man Entzugserscheinungen und man will wieder Fußballspiele sehen. Der Videobeweis war extrem neu. Ich war immer sehr skeptisch, wurde dann auch bestätigt in der Vorrunde, die meiner Meinung nach katastrophal war. Die Rückrunde war klar besser. Ich war begeistert, wie der Videobeweis bei der WM umgesetzt wurde.

International hat es geklappt. In der Liga sahen wir dagegen alt aus.

Völler Es wird nicht mehr aufzuhalten sein. Der Fußball ist auch gerechter geworden. Aber es braucht eine gewisse Zeit. Als Fernsehzuschauer ist das toll. Im Stadion ist das ein Stimmungs-Killer. Wenn ein Tor fällt, gucke ich immer zuerst auf den Linienrichter, jetzt schaut man, ob sich der Schiedsrichter ans Ohr greift.

Der Videobeweis hat bei der WM funktioniert. Das Spiel der DFB-Elf nicht. Woran lag das?

Eberl Für mich ist diese WM ein Spiegelbild dessen, dass kleine Probleme in Summe zu viel werden. Wir hatten keine Euphorie, kein Verhältnis zum Spiel. Man sieht es an Südkorea oder Mexiko, die haben alle Entwicklungen genommen. Du schlägst keine Nation mehr einfach so. Boateng spielt seit zwei Jahren nur ein Drittel der Spiele, ein Manuel Neuer hat ein Jahr lang gar nicht gespielt, ein Sami Khedira hat ein Jahr lang gar nicht gespielt. Wie soll man da Weltmeister werden? Hinzu kam Überheblichkeit. Wir hatten Top-Spieler, die bei der WM nicht auf Top-Niveau waren.
Völler Ich finde es gut, dass Jogi Löw weitermacht. Es wird einen größeren Umbruch geben.

Man hatte beim DFB das Gefühl, dass kopflos agiert wurde, ohne eigenen Wertekompass.

Völler Das habe ich im Geschäft gelernt: Im Moment des sportlichen Misserfolgs, kannst du das Ding nicht mehr retten. Es wird alles gegen dich verwendet. Im Fall Özil war das schnell klar. In der ersten Woche hat es der DFB verpasst, Stellung zu beziehen. Da haben sich beide Seiten nicht mit Ruhm bekleckert. Da gibt es auch kein Rezept, wie es zu lösen ist. In der Bundesliga ist das oftmals so. Wenn man sich von Trainern trennen will, sieht das von außen immer dilettantisch aus.

Sind Sie von Ihren Vereinen immer respektvoll behandelt worden, Herr Funkel?

Funkel In meiner langen Karriere ist mir gegenüber immer Wertschätzung gezeigt worden. Auch ich hatte teilweise Verständnis, weil es Situationen gibt, da gibt es keine andere Lösung mehr. Da muss man einen Impuls setzen. Das ist kein Prozess, der kurzfristig kommt, sondern über Wochen geht. Wichtig ist, dass man sich danach noch in die Augen schauen kann. Mir ist das bisher immer gelungen. Vielleicht bin ich deshalb schon so lange im Geschäft.

Wenn Sie als aktiver Trainer auf die Nationalelf blicken, haben Sie bei der ein oder anderen Entscheidung gezuckt?

Funkel Ich bin überzeugt, dass gewisse Warnsignale vor der WM nicht ernst genommen wurden. Die Qualifikationsspiele, die Testspiele, wo auch klar Fitness zu bemängeln war. Als Trainer hätte man sich einen Spieler wie Leroy Sané gewünscht, der Tempo gebracht hätte. Über Sandro Wagner kann man diskutieren. Aber du hast immer die Diskussion über Spieler, die du zu Hause lässt. Die Mannschaft war aus meiner Sicht auch nicht so stark wie vor vier Jahren, weil überragende Persönlichkeiten gefehlt haben wie Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Miro Klose oder Lukas Podolski.

Hat der DFB ein Strukturproblem?

Völler Wir waren in den vergangenen zehn Jahren gerade im Juniorenbereich überragend. Alles unter der U21 hat nachgelassen, da ist es dünner geworden. Das ist immer ein Alarmzeichen. Die Engländer haben jahrzehntelang keine Rolle im Jugendbereich gespielt, die haben uns überholt. Da müssen wir uns in Deutschland Gedanken machen. Wir werden aber auch in den kommenden Jahren eine gute Nationalmannschaft haben. Dafür haben wir genug talentierte Spieler.

U21-Trainer Stefan Kuntz hat unter anderem die fehlende Selbständigkeit junger Spieler beklagt.

Funkel Den Spielern wird mittlerweile fast alles abgenommen. Ich erwarte von meinen Spielern, dass sie auf dem Feld eine gewisse Selbstständigkeit an den Tag legen. Als Trainer kannst du trotz Videoanalyse und Spielsystemen nicht alles vorgeben. Situationsbedingt kann ich nicht alle Dinge, die im Spiel passieren, vorhersehen. Wenn wir die Spieler überfrachten mit Informationen, dann geht Selbstständigkeit verloren. Das versuchen wir bei uns in Grenzen zu halten. Wer geht heute noch ins Dribbling? Die kannst du an einer Hand abzählen.

Herr Eberl, was wünschen Sie sich für die kommende Saison?

Eberl Ich wünsche mir, dass Bayern nicht Meister wird. Das würde auch den Bayern gut tun.

Erfahren Sie hier mehr über Max Eberl.

Gianni Costa und Robert Peters führten das Gespräch.