Real Madrid: Ronaldo-Abgang nicht verkraftet - kommt Mourinho zurück?

Welt-Verein in der Krise : Real Madrid sucht Entwicklungshelfer

Real Madrid ist in der Champions League früh ausgeschieden. Der Klub hat den Abgang von Cristiano Ronaldo nie verkraftet. Nun ist Jose Mourinho als möglicher neuer Trainer im Gespräch.

Wahrscheinlich fängt das ganze Drama in dieser Mai-Nacht von Kiew an. Real Madrid hat 2018 gerade zum dritten Mal in Folge die Champions League gewonnen. Nach dem 3:1-Erfolg über den FC Liverpool wirkt der Jubel ein wenig einstudiert, wie ein routinierter Pflichtbeitrag. Als Cristiano Ronaldo mit dem Henkelpott unter dem Arm in ausweichenden Antworten auf die Fragen nach seiner Zukunft andeutet, dass diese Zukunft nicht unbedingt in Madrid liegen werde, spitzen bereits einige die Ohren.

Hellhörig werden sie spätestens ein paar Tage darauf, als Trainer Zinedine Zidane seinen Rücktritt einreicht. „Ich habe die Entscheidung getroffen, dass ich nächstes Jahr nicht weitermachen werde“, sagte der Franzose, „ich denke, dass die Mannschaft einen Wechsel braucht.“ Und dann sagte er noch: „Ich habe nicht klar gesehen, dass wir weiter gewinnen werden.“

Der große Spieler und hochdekorierte Trainer darf sich für seine Weitsicht noch im nachhinein beglückwünschen. Denn Real hat wirklich nicht weiter gewonnen. In der Meisterschaft nicht, da ist der alte Rivale FC Barcelona spätestens seit dem 1:0-Sieg im sogenannten „Clasico“ von Bernabeu unerreichbar enteilt. Im spanischen Pokal nicht, da scheiterte Real ebenfalls an Barcelona (0:0 in Katalonien, 0:3 in Madrid). Und in der Champions League nicht. Da schied der Titelverteidiger nach einer kleinen Vorführung und einem 1:4 gegen Ajax Amsterdam aus. Die Wirklichkeit hat Zidane auf eine Weise bestätigt, wie er sie selbst wohl nicht erwartet hatte.

Schwerer als den hellsichtigen ehemaligen Trainer muss der offenkundige Niedergang eines Teams, das so viel gewonnen hat, den Präsidenten treffen, der das alles für sein Werk hält und der fest von weiteren Triumphzügen überzeugt war. Florentino Perez, der schwerreiche Baulöwe, setzte gegen zumindest leise vorgebrachte fachliche Einwände seine Überzeugung durch, Real werde auch ohne Ronaldo seine führende Position in Europa behaupten können.

Deshalb ließ er den divenhaften Portugiesen ohne erkennbares Bedauern und ohne große Bemühungen, ihn zum Bleiben zu veranlassen, zu Juventus Turin ziehen. Sein Günstling Gareth Bale, den er 2013 für die damalige Rekord-Ablösesumme von 100 Millionen Euro verpflichtete (was wiederum Ronaldo tief beleidigte, der fortan kein Rekordspieler mehr war), werde die Lücke schon schließen, glaubte der Präsident. Auch hier sollte er irren. Niemand war in der Lage, die märchenhaften Torquoten von Ronaldo zu erreichen. Weltfußballer Luka Modric erklärte vor ein paar Wochen fachkundig: „Der Klub hat darauf gesetzt, dass andere die Tore schießen. Das müssen nicht 50 sein, vielleicht 25, 20 oder auch 10. Diese Leute haben wir aber nicht.“

Ronaldos Abgang ist deshalb ein wesentlicher Grund für den Abschwung einer großen Mannschaft. Ihre Statik stimmt nicht mehr. Das Spiel war auf den Endverwerter aus Portugal abgestimmt, die Passwege und der Aufbau hatten Ronaldo zum Ziel. Noch heute trägt Real seine Angriffe über die Außen so vor, als stünde der große Torjäger zur Abnahme bereit. Doch ganz häufig ist im Strafraum: nichts.

Karim Benzema verabschiedet sich in der löblichen Absicht, den Kollegen beim Kombinationsspiel zu helfen, gern aus der Spitze. Und die Feingeister aus dem Mittelfeld kurven lieber um den Sechzehnmeterraum herum, als an jene sprichwörtlichen Stellen zu gehen, in denen es weh tun könnte und meistens auch weh tut.

Der fürs Wehtun zuständige Abteilungsleiter hat sich ausgerechnet in diesem Jahr eine Krise genommen. Kapitän Sergio Ramos hat weder die Wucht noch die Zuverlässigkeit vergangener Tage. Das Wehtun beherrscht er noch. Es fällt allerdings manchmal sehr offensichtlich und übertrieben auf.

Im Mittelfeld hat Modric die Nachwirkungen der anstrengenden WM immer noch nicht aus den müden Knochen geschüttelt. Und sein Strategie-Kollege Toni Kroos macht in einer Saison so viele Abspielfehler wie wahrscheinlich in der gesamten Karriere zuvor nicht. Der (einstige?) brasilianische Weltklasse-Verteidiger Marcelo hängt so daneben, dass Trainer Santiago Solari ihn auf der Ersatzbank versteckt. Und Solari selbst kam erst ins Amt, als das Team unter seinem Vorgänger Julen Lopetegui zu Saisonbeginn richtig von der Rolle rutschte.

Eine durchgreifende Änderung hat auch Solari nicht hinbekommen. Deshalb ist es sicher nicht ausgeschlossen, dass Perez im Sommer erneut den Daumen senken und mit einem neuen Trainer nach der Trendwende suchen wird. Sein erklärter Wunschkandidat ist Jose Mourinho. Der Portugiese wurde in dieser Saison bei Manchester United entlassen, und er fühlt sich durch das Interesse Reals selbstverständlich sehr geehrt. „Ich würde ohne Probleme zurückkehren. Es macht einen stolz, dass ein Verein, bei dem man bereits gearbeitet hat, dich zurück haben will“, erklärte der 56-Jährige bei beIN Sports. Seine Bedingung: Madrid müsse sich von Bale, Marcelo und dem ewigen Talent Isco trennen und dafür Eden Hazard von Chelsea London holen.

Der Belgier wird auf einen Marktwert von 150 Millionen Euro geschätzt. Weil auch Real nach den Uefa-Gesetzen einen ausgeglichenen Haushalt von Ein- und Verkäufen hinlegen muss, darf Perez so einen Wechsel nicht allein finanzieren. Er könnte es aber. Um sich gegen lästige Konkurrenz zu schützen, hat er nach Recherchen des „Kicker“ in die Klubregeln schreiben lassen, dass Präsidentschaftskandidaten mindestens 20 Jahre Vereinsmitglied sein und 15 Prozent des Klubvermögens (100 Millionen) Euro mit dem Privatvermögen abdecken. Fans, die nach der Niederlage gegen Ajax nach seiner Demission riefen, werden sich also gedulden müssen.

Mehr von RP ONLINE