Zehn Jahre Red-Bull- Leipzig: Wieso RB erfolgreich ist – und dem Fußball schadet

Analyse vor dem Pokal-Finale : Weshalb RB Leipzig dem Fußball schadet

Es ist die sportlich erfolgreichste Saison der noch jungen Klubgeschichte. Zum zehnjährigen Geburtstag steht RB Leipzig im Pokal-Finale. Doch die Leistungen dürfen nicht davon ablenken: das Leipziger Modell ist eine Gefahr für den Fußball.

Der Jubel war groß am Tag danach: rund 200 Fans von RB Leipzig waren mittwochs zum Trainingsgelände gekommen, um die Mannschaft nach ihrem 3:1-Sieg im Halbfinale beim Hamburger SV zu feiern. Schon im Stadion selbst hatten knapp 4500 Leipziger den Gästeblock fast komplett gefüllt und nach dem Schlusspfiff ausgiebig gefeiert. Anschließend wurde das Team um Sportdirektor und immer-wieder-Trainer Ralf Rangnick auch medial ausgiebig beklatscht.

Die Anerkennung der sportlichen Leistung ist legitim. Anders als der HSV mit Investor Michael Kühne oder 1860 München mit seinem Scheich Hasan Ismaik wird das Geld in Leipzig sportlich kompetent eingesetzt. Schon zur Gründung im Jahr 2009, als man dem Leipziger Viertligisten SSV Markranstädt für eine unbekannte Summe das Startrecht abkaufte, stellte RB eine hochpreisige Mannschaft zusammen. Sieben Jahre später stieg man in die Bundesliga auf. Dort qualifizierten sich die Sachsen in dieser Spielzeit als Drittplatzierter souverän für die Champions-League. Der Einzug ins Endspiel um den DFB-Pokal gegen Bayern München am kommenden Samstag (20.15 Uhr) ist der bislang größte Erfolg in der jungen Geschichte des RasenBallsport Leipzig e.V. und seiner RasenBallsport Leipzig GmbH.

Das Fußball-Geflecht Red Bull

Die GmbH gehört zu 99 Prozent der Red Bull GmbH, genauso wie die „New York Red Bulls“ aus der ersten US-Liga und seit April 2019 auch der brasilianische Zweitligist CA Bragantino. Natürlich wird dieser Name schon bald Vergangenheit sein, ab 2020 gibt es nur noch „Red Bull Bragantino“. Dafür opferten die RB-Planer ihr bisheriges Projekt in Brasilien: der 2007 gegründete Viertligist „Red Bull Brasil“ wurde aufgelöst.

Ähnliches befürchteten kurzzeitig auch die Fans in Österreich. Der dortige Erstligist Red Bull Salzburg war 2005 das Pionierprojekt des Energiegetränke-Herstellers gestartet und gehörte bis 2016 ebenfalls zur GmbH. Mit dem Leipziger Aufstieg zog sich der Getränkehersteller auf dem Papier zurück. Heute ist Red Bull lediglich noch Namens-, Trikot- und Werbebandensponsor sowie Namensgeber des Salzburger Stadions.

Ganz ähnlich steht es um den österreichischen Zweitligisten FC Liefering. Außerdem unterhielt Red Bull zwischen 2008 und 2014 einen Klub in Ghana.

Sein Fußball-Netzwerk nutzt der Konzern unter anderem um Spieler vom einen Red Bull-Klub zum nächsten zu verschieben. Laut dem Internetportal „transfermarkt.de“ gab es in den vergangenen Jahren insgesamt 84 Spielerbewegungen (Wechsel oder Leihen) zwischen dem Quintett aus Salzburg, Liefering, Brasilien, New York und Leipzig:

  • 32 zwischen dem Salzburg und Liefering,
  • 23 zwischen Salzburg und Leipzig,
  • 6 zwischen Salzburg und New York,
  • 5 zwischen Salzburg und RB Brasil,
  • 7 zwischen Liefering und Leipzig,
  • 8 zwischen Liefering und RB Brasil,
  • 1 zwischen Liefering und New York und
  • 2 zwischen New York und Leipzig.

Aus der aktuellen Leipziger Erfolgsmannschaft kamen sechs Spieler direkt von anderen RB-Vereinen nach Sachsen. Allen voran die Wechsel aus Salzburg sorgten dabei für manch aufsehenerregendes Geschäft. So kam beispielsweise der vor der Saison für 60 Millionen Euro zum FC Liverpool gewechselte Naby Keita ursprünglich für rund 30 Millionen Euro aus Salzburg. Seit dem Bundesliga-Aufstieg 2016 holte „Rasenballsport“ sieben Akteure aus Österreich, dafür sollen laut „transfermarkt.de“ insgesamt 85 Millionen Euro von Leipzig nach Salzburg geflossen sein – von der linken in die rechte Tasche sozusagen. Im Sommer kommen nochmal zwölf Millionen hinzu, dann wechselt Mittelfeldspieler Hannes Wolf von RB zu RB. Der 20-Jährige ist insgesamt Spieler Nummer 16, der von Salzburg nach Leipzig kommt.

Auch der heutige Frankfurter Verteidiger Martin Hinteregger sollte 2016 von Salzburg ins neue Brause-Hauptquartier wechseln. Der damals 23-Jährige sagte den „Roten Bullen“ jedoch ab, mit der Begründung: „Die Art und Weise, wie Leipzig Salzburg kaputt macht, ist nicht schön anzuschauen. Ich finde das schade, denn im Endeffekt sind es zwei verschiedene Vereine, aber es wird alles aus Leipzig regiert, alles nur zu Leipziger Gunsten. Salzburg wird komplett links liegen gelassen."

Dazu passt, dass Leipzigs Cheftrainer Ralf Rangnick zwischen 2012 und 2015 als Sportdirektor in Salzburg tätig war, zunächst gleichzeitig den Aufschwung des neuen „Projekts“ begleitete und schließlich vollends in Leipzig übernahm. Salzburg dominiert heute auch ohne Rangnick die österreichische Liga, vergangenes Jahr schaffte es die Mannschaft von Trainer Marco Rose sogar ins Halbfinale der Europa-League. Rose, der Salzburg im Sommer Richtung Mönchengladbach verlässt, wird übrigens durch Jesse Marsch ersetzt, aktuell noch Co-Leiter des New Yorker Red Bull-Ablegers.

RB Leipzig als Vorbild für Manchester City

Der Brausehersteller, mit dem Gründer Dietrich Mateschitz Milliarden verdient, hat sich eine fußballerische Holdinggesellschaft geschaffen, deren Gebaren – soweit bekannt – moralisch zweifelhaft ist, aber den geltenden Regeln entspricht. Anders als beispielsweise bei Manchester City und dessen aus Abhu Dhabi und China kontrollierte „City Football Group“. Diese kauft sich weltweit in Vereine ein, um junge Talente vor Ort zu entdecken oder abzuwerben. Je nach Entwicklung werden die Spieler dann frühzeitig und kostengünstig nach Manchester weitergereicht und so die Transferregeln von FIFA und UEFA umgangen. Enthüllungen der Plattform „Football Leaks“ im Magazin „Spiegel“ machten das Modell öffentlich. Gegen Manchester City wird deshalb aktuell von der UEFA ermittelt – im Raum steht ein Startverbot für die Champions League.

Auch Red Bull stand vor der Saison 2017/2018 im Fokus der UEFA. Nicht, weil RB Leipzig in den vergangenen fünf Jahren ein bundesweites Rekord-Transferminus von 157 Millionen Euro zusammenkaufte. Oder weil RB Leipzig seinem Gesellschafter – der Red Bull GmbH – mittlerweile 134 Millionen Euro schuldet und der Gesamtschuldenstand nach dem Geschäftsjahr 2017 bei 164 Millionen Euro lag.

Da verwundert es wenig das Geschäftsführer Oliver Mintzlaff jüngst dem MDR sagte: „Es wird immer wieder kolportiert: 'Wann wollen sie sich denn von Red Bull lösen?' Im Gegenteil, wir wollen uns gar nicht von Red Bull lösen, wir sind froh, dass wir sie haben und sie auch so stark bei uns verankert sind.

Die UEFA wollte, oder besser musste, nach der Leipziger Vize-Meisterschaft 2017 jedoch prüfen, ob mit Salzburg und Leipzig zwei Klubs mit augenscheinlich demselben Investor am internationalen Wettbewerb teilnehmen dürfen. Ein Fall, der gegen die Regeln des Kontinentalverbands verstoßen hätte. Nach „gründlicher Prüfung des Sachverhalts und nachdem die beiden Vereine bedeutende Management- und strukturelle Änderungen (hinsichtlich Unternehmensfragen, Finanzen, Personal, Sponsoring usw.) vorgenommen haben“, kam die UEFA schließlich zu der Erkenntnis, „dass keine natürliche oder juristische Person mehr entscheidenden Einfluss auf mehr als einen an einem UEFA-Klubwettbewerb teilnehmenden Verein hat.“

Leipzigs Vorstandsvorsitzender Oliver Mintzlaff (l) und Cheftrainer Ralf Rangnick. Foto: dpa/Jan Woitas

RB Leipzig trat in der Folge als RB Leipzig in der Champions-League an (mit zwei Bullen im Wappen), Red Bull Salzburg als FC Salzburg in der Champions-League-Qualifikation (mit einem Bullen im Wappen). In der Saison 2018/2019 trafen die Klubs schließlich in der Gruppenphase der Europa-League aufeinander, wobei Leipzig letztlich beide Duelle verlor und sichtlich unmotiviert ausschied. Rune Bratseth, Vorstandsmitglied von Rosenborg Trondheim, eines damaligen Gruppengegners beider Red Bulls, sagte der Sportschau damals: „Was juristisch recht ist, heißt nicht, dass es moralisch richtig ist. Vom Gefühl ist es nicht gut."

RB Leipzig und die Zuschauerprobleme

Ebenfalls „nicht gut“ steht es um den Zuschauerzuspruch beim einzigen Bundesligisten der neuen Bundesländer. Beschäftigte sich die Klubführung nach dem Aufstieg 2016 noch mit der Idee eines Stadion-Neubaus für bis zu 80.000 Fans, so füllt man mittlerweile nicht mal mehr ansatzweise die aktuelle Arena und ihre 43.000 Plätze. Kamen in der ersten Bundesliga-Saison durchschnittlich noch 41.500 Fans bis heute auf rund 38.400. Zu den drei Gruppenspielen in der Europa-League kamen nur rund 26.000 Anhänger. Voll wird es in Leipzig nur noch bei Topspielen. In der aktuellen Saison waren nur fünf von 17 Heimspielen ausverkauft, im Bundesliga-Ranking liegt RB damit auf Platz 11, knapp vor Absteiger Hannover 96. Kaum verwunderlich, dass sich der letztlich beschlossene Stadionausbau auf bis zu 57.000 Plätze verzögert, offiziell aufgrund „deutlich gestiegener Baukosten“, so Oliver Mintzlaff im Herbst 2018. Für eine höhere Stadionauslastung sollen in der kommenden Saison nun günstigere Ticketpreise sorgen. Diese hatte RB nach dem Aufstieg um teilweise mehr als 50 Prozent erhöht.

Noch deutlich trister sieht es bei Auswärtsspielen der „Roten Bullen“ aus. So wurden beispielsweise für das Gastspiel in Düsseldorf zu Beginn des Jahres gerade mal 437 Tickets verkauft, ähnlich sah es bei Spielen in Augsburg, Frankfurt oder Mönchengladbach aus. Selbst in München war der Gästeblock nur halbvoll (3500). Während die Anhänger von Eintracht Frankfurt in dieser Saison jedes Europacup-Auswärtsspiel zur Pilgerfahrt machten – und unter anderem mit 20.000 Menschen nach Rom oder 3000 nach Zypern reisten – folgten RB Leipzig weniger als 30 Anhänger ins rumänische Craiova. Die Ankündigung Ralf Rangnicks aus dem Jahr 2015, Leipzig werde nach Dortmund und Schalke die meisten Fans zu Auswärtsspielen mitbringen, muss rückblickend als schlechter Scherz betrachtet werden.

Wer sich aber tatsächlich als Fan aktiv für das Brausekonstrukt einsetzt hat es ebenfalls nicht einfach. Der eingetragene Verein steht Fans nur durch eine „Fördermitgliedschaft“ offen, Mitspracherecht wie die 17 (!) ausgewählten vollwertigen Vereinsmitglieder haben sie nicht.

RB Leipzig: Kritik von Gästen und Heimfans unerwünscht

Fans von Bayern München brachten am 33. Spieltag ihren Unmut über RB Leipzig zum Ausdruck. Foto: dpa/Jan Woitas

Dennoch haben sich im Laufe der zehn Jahre mittlerweile mehrere größere Fangruppen gebildet, die auf den Sitzplätzen der Red Bull-Arena den Ton angeben. Insbesondere mit diesen Gruppen – die größtenteils nicht als „Offizielle Fanclubs“ von RB anerkannt sind – kommt es immer wieder zu Streitigkeiten. So wurden Ermittlungen gegen die eigenen Anhänger angestrebt, nachdem diese im Rahmen eines Auswärtsspiels der zweiten Frauenmannschaft bei Roter Stern Leipzig – in Absprache mit den Gastgebern – Pyrotechnik gezündet hatten. Schon vorher mussten Spruchbänder im Stadion penibel angemeldet werden, kritische oder angeblich politische Botschaften (darunter „Stop Racism“) wurden konsequent verboten. Man wolle keine Politik im Stadion, hieß es in der Begründung.

Außerdem entließ der Verein nach nur einem halben Jahr im Dienst den beliebten Fanbeauftragen Timm Merten – schon zuvor hatten innerhalb kürzerer Zeit zwei Fanbeauftrage den Klub verlassen. Auch aus dem unabhängigen Fanprojekt Leipzig kamen wiederkehrend Klagen über die Zusammenarbeit mit Klubverantwortlichen. Zu Beginn der Rückrunde protestierten deshalb Teile der Fans, verzichteten auf Unterstützung und verließen frühzeitig das Stadion. „Ermittlungen gegen eigene Fans, Meinungen verbieten, echte Fachkräfte rauswerfen. Eure Fanarbeit ist ‚bullenstark'“, stand auf einem Spruchband, das nur vor dem Stadion entrollt werden durfte.

Auch auf Seiten der Gästefans ist Leipzig seit Dritt- und Zweitliga-Zeiten als Reiseziel mit besonders restriktiven Auflagen und unbesonnenem Ordnungsdienst bekannt. In einer offiziellen Stellungnahme des damaligen Drittligisten Stuttgarter Kickers aus dem Jahr 2013 ist von „unverhältnismäßiger Härte“ der Ordner gegen die mitgereisten Fans die Rede. Anhänger aus Aue klagen 2014, dass T-Shirts mit dem Aufdruck „Gegen RB“ am Eingang zum Gästebereich abgegeben werden mussten. 2016 wurde BVB-Fans der Zugang zu neutralen Blöcken im schwarz-gelben Outfit nicht gestattet. Das HSV-Fanprojekt berichtete 2017 sogar von mutmaßlich „gezielten und geplanten gewalttätigen Attacken auf HSV-Fans“ durch den Ordnungsdienst.

Zusammengefasst: RB Leipzig liefert sportlich starke Leistungen ab, steht verdient im Pokalfinale und ist ebenso verdient in die Champions-League zurückgekehrt. Diese Erfolge basieren jedoch auf einem zweifelhaften wirtschaftlichen Konstrukt. Das alles soll aus dem eigenen Lager (aber auch medial) ausschließlich positiv begleitet werden. Engagierte aber kritische Geister, die nicht auf Konzernlinie mitschwimmen, haben es in diesem Konglomerat konstant schwer. Wohl auch deshalb ist trotz des sportlichen Erfolgs ein Ansturm der jubelnden Konsumenten aus der per se nach Profifußball lechzenden Region nicht zu auszumachen.

Dieselbe Gemengelage zeichnet auch internationale Top-Klubs wie Manchester City, Paris St. Germain oder Real Madrid aus. Und diese Gemengelage zeichnet all das aus, was im Fußball verkehrt läuft.

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