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RB Leipzig: Es ist nicht alles Blech, was glänzt

Zu Besuch bei RB Leipzig : Es ist nicht alles Blech, was glänzt

Zweitligist RB Leipzig ist für viele der Hassverein des deutschen Fußballs – weil er von den Millionen des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull lebt. Der Klub dagegen sieht sich als Vorreiter beim Sportsponsoring – und plant den Aufstieg in die Bundesliga.

Zweitligist RB Leipzig ist für viele der Hassverein des deutschen Fußballs — weil er von den Millionen des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull lebt. Der Klub dagegen sieht sich als Vorreiter beim Sportsponsoring — und plant den Aufstieg in die Bundesliga.

Das Mittagessen wird vom Catering-Service Hirsch in den Container geliefert. Es ist kurz nach 12 Uhr auf dem Trainingsgelände von Rasenballsport (RB) Leipzig. Damit es ein wenig heimeliger wirkt, ist die provisorische Unterkunft von außen als Zug-Waggon bemalt. Drinnen hält sich der Charme in Grenzen. Im harten Kontrast dazu steht die maximale Freundlichkeit, die man sich bei RB verordnet hat. Egal, wem man begegnet, alle begrüßen einen mit einem "Hallo", die meisten strecken die Hand entgegen. Das ist erstaunlich für einen Profiverein im Fußball. "Das ist bei uns ganz normal", sagt Daniel Frahn, der Kapitän der Mannschaft, während er zum Büfett geht. "Ein höflicher Umgangston ist doch selbstverständlich." Frahn unterbricht das Gespräch, um sich von Mitspieler Yussuf Poulsen zu verabschieden. "Tschüssi", sagt Frahn. Dann dreht er sich wieder um und setzt seinen Satz fort.

In Leipzig wächst das umstrittenste Projekt im deutschen Sport heran. Viele sehen in der Filiale des österreichischen Brauseherstellers Red Bull nicht weniger als den Untergang der Fußballkultur. Rechtlich ist die Expansion nicht mehr zu stoppen, sportlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Zweitligist RB der Sprung in die Bundesliga gelingt. "Der schlafende Bulle ist erwacht", sagt Frahn. "Wir werden nicht zu stoppen sein." Viele empfinden solche Aussagen als Drohung. Zu verhindern wird es in der Tat nicht sein. Red Bull hat den richtigen Zeitpunkt abgewartet.

In Leipzig ist ein Verein vom Reißbrett entstanden. Der Konzern hat dafür eine Anschubfinanzierung von 100 Millionen Euro geleistet. Offiziell firmiert "RB" als Verein. Die Minimalanforderung der Deutschen Fußball Liga (DFL), um bei den Großen mitspielen zu dürfen. In den Statuten nennt sich das 50+1-Regel. Danach muss die Mehrheit der Anteile eben in der Hand eines Vereins liegen. RB spielt mehr oder eher weniger brav mit - aktuell hat der Klub 14 Mitglieder. Der Grund für die mickrige Anzahl liegt an einem Mitgliedsbeitrag von knapp 800 Euro im Jahr plus 100 Euro Aufnahmegebühr und diversen Möglichkeiten, unliebsamen Kräften den Eintritt per se zu verweigern.

Der "sächsische Kunstverein", wie das Fußballmagazin "11 Freunde" spöttelte, hat von der DFL einen äußerst großzügigen Handlungsspielraum bekommen. Es ist vermutlich nur der Anfang einer neuen Fußballwelt, in der Klubs wie Leverkusen (Bayer), Wolfsburg (Volkswagen) und Hoffenheim (Dietmar Hopp) schon jetzt eine gewichtige Rolle spielen. Ingolstadt (Audi) und Leipzig greifen aktuell an.

Der Cottaweg in Leipzig. Das Trainingszentrum ist eine Großbaustelle. Die Eröffnung des 35-Millionen-Euro-Projekts ist für Sommer 2015 geplant. RB-Geschäftsführer Ulrich Wolter, früher in Diensten des DFB, spricht von "einer gehobenen Ausstattung". Auf 13 500 Quadratmetern werden vom U 8-Nachwuchs bis zu den Profis alle Mannschaften untergebracht. Dazu ein Internat für 50 Nachwuchsakteure. Die Profis bekommen eine 800 Quadratmeter große Turnhalle, eine Laufbahn für Sprintübungen, Kältekammer, Krafträume, Bereiche für die medizinische Betreuung, Besprechungszimmer und für jeden Spieler einen Ruheraum. RB konnte hier überhaupt nur bauen, weil man sich mit dem vorher dort ansässigen BSV Schönau auf einen Deal geeinigt hat: Der BSV hat auf große Teile der Anlage verzichtet und Gebäude abgetreten. Dafür hat RB dem klammen Klub einen Kunstrasenplatz spendiert.

Christina Happel, die Pressesprecherin des Vereins, zeigt auf einen Laufhügel. "Den hat mein Großvater erfunden", sagt sie. "Sie sind mit Felix Magath verwandt?" Sie lacht. "Nein, ich bin die Enkelin von Ernst Happel." Der Meistertrainer des Hamburger SV (1982 und 1983) galt als Fitnessfanatiker.

Thomas Krahmer blickt zufrieden auf den Trainingsplatz vor dem Auwald. Der 66-Jährige ist Fan von RB, wobei er sich ein wenig dreht und wendet, wenn er über die neue Fußball-Wirklichkeit in der größten Stadt Sachsens spricht. Früher war er Anhänger von der BSG Chemie, die später unter Sachsen Leipzig firmierte. Es gibt dann noch Lok Leipzig. Zwei Vereine, die in der DDR große Nummern waren, aber in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. "Wenn die anderen Klubs in der Stadt es nicht auf die Reihe bekommen, dann verdient RB eben eine Chance", findet Krahmer. "Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich mit dem neuen Team angefreundet habe. Jetzt bin ich total begeistert. Aber mit dieser Brause brauchen die mir nicht zu kommen. So etwas trinke ich nicht." Sohn André (36) steht neben ihm und lächelt. "Viel zu teuer die Dose", sagt er. "Ansonsten ist das Unternehmen ein Segen für diese Stadt. Wer Fußball sehen will, geht zu RB."

Die Euphorie ist längst angekommen. Viele der Heimspiele sind gut besucht, im Schnitt kommen 26.234 Zuschauer — das ist Platz vier in dieser Zweitliga-Wertung hinter den Traditionsklubs Fortuna Düsseldorf (31.617), Kaiserslautern (32.036) und Nürnberg (32.134). Von Fankultur ist Leipzig aber weit entfernt, unter dem Label "RB" ist sie auch gar nicht erwünscht. Es geht um Emotionen zum Wohle der globalen Getränkemarke aus Fuschl am See. Morgen könnte man in Leipzig auch Basketball im großen Stil bieten, übermorgen Eishockey. Wer zahlt, bestimmt eben, was gespielt wird. Hauptsache, das Spektakel stimmt.

Dementsprechend hoch sind die sportlichen Erwartungen an die Fußball-Abteilung unter Leitung von Trainer Alexander Zorniger. "Die meisten Menschen in der Republik wissen überhaupt nichts über unser Projekt, wettern aber wie wild gegen uns", erzählt er. "Die Welt hat sich verändert. Und ich kann nicht erkennen, warum wir die Bösen sein sollten. Wir arbeiten hier alle unheimlich akribisch für den Erfolg." Zorninger gilt als großes Talent seiner Gilde, an seiner Seite steht der erfahrene Sportdirektor Ralf Rangnick, der bereits ähnliche Aufbauarbeit für Mäzen Dietmar Hopp in Hoffenheim geleistet hat.

Seit 2012 leitet der 56-Jährige neben der Ost-Filiale auch die Dependance in Salzburg. Er kann naturgemäß nicht verstehen, warum RB im Zentrum der Anti-Kommerz-Debatte steht, obwohl auch Traditionsvereine wie der Hamburger SV und Hertha BSC Geldspritzen von Investoren dankend angenommen haben. Rangnick sagt: "Wir sind die Speerspitze einer Diskussion, in der alte Werte auf eine neue Entwicklung prallen - die meiner Meinung nach nicht aufzuhalten sein wird."

Er wird wohl Recht behalten.

(gic)