Ottmar Hitzfeld wird 70: Der Meister der Moderation

Porträt zum 70. Geburtstag: So tickte der große Meistertrainer Ottmar Hitzfeld

Ottmar Hitzfeld ist der Diplomat unter den großen Fußballtrainern. Mit Menschlichkeit und Zurückhaltung führte er Dortmund und Bayern zum Champions-League-Sieg. Samstag wird er 70.

Es ist ein frühsommerlicher Nachmittag im Mai 2008. Zwei ältere Herren liegen sich auf dem Rasen der Münchner Fußballarena weinend in den Armen, Bayerns Manager Uli Hoeneß (damals 56) und Trainer Ottmar Hitzfeld (59). Der Coach gibt seinen Abschied, nachdem er noch einmal für eineinhalb Jahre eingesprungen ist. Er verabschiedet sich standesgemäß mit dem Gewinn des Doubles aus Meisterschaft und Pokalsieg. Und als der Druck von ihm abfällt, rollen die Tränen über sein kantiges Gesicht. „Es waren Tränen des Glücks“, sagt er. Es sind vor allem Tränen der Erleichterung. Fast 20 Jahre hat Hitzfeld sich durch die Mühle Bundesliga gekämpft, er verlässt die Liga als einer ihrer größten Trainer. Seine Karriere klingt als Nationaltrainer der Schweiz aus. Am Samstag wird er 70 Jahre alt.

Er sieht entspannter aus als zu seiner aktiven Zeit an der Seitenlinie, als sich die nervliche Belastung in tiefen Falten rund um Augen und Mund ins Gesicht malten. Hitzfeld ist nie der Typ gewesen, der die Anspannung rauslässt, der ein Ventil findet wie extrovertierte Kollegen vom Schlag eines Jürgen Klopp. Er hat auch nie die Fähigkeit besessen, im Vertrauen auf die eigene Unbesiegbarkeit Probleme und Kritik einfach zu ignorieren. In dieser Hinsicht sind ihm Amtsbrüder wie José Mourinho oder der tiefenentspannte Joachim Löw voraus.

Hitzfeld dagegen schluckt lieber herunter, was in anderen den Vulkan wecken würde. Das trägt ihm schon zu Dortmunder Zeiten diesen magensauren Zug um die Mundwinkel ein. Und es führt letzten Endes dazu, dass er seine Karriere 2004 wegen eines Burnouts unterbrechen muss. Er sucht ärztliche Hilfe, weil er allein aus diesem grauen Matsch nicht mehr herauskommt. Der „Sport-Bild“ schildert er, wie sich das Leben für ihn anfühlte, für einen Trainer, der zum Zeitpunkt der Erkrankung schon sechs deutsche Meisterschaften und zwei Champions-League-Titel gewonnen hat, den also eigentlich nichts umwerfen sollte: „Man gewinnt und freut sich nicht. Man gewinnt und sagt: zum Glück nicht verloren. Man schläft schlecht, man hat Rückenschmerzen. Ich hätte nicht gedacht, dass der Job so einen gewaltigen Einfluss hat.“

Sich dagegen zu panzern, hat Hitzfeld nicht gelernt. Seine gesamte Laufbahn leidet er mit, wenn er Spielern unangenehme Entscheidungen präsentieren muss. Er hält die Schläge der Öffentlichkeit aus. Spieler an den Pranger zu stellen und billige Entschuldigungen zu suchen, ist nicht sein Ding. Seine Fußballer verehren ihn dafür. „Er hat immer alles erklärt“, sagt Stefan Effenberg, „er ist zu mir gekommen, als er das Gefühl hatte, dass ich nicht mehr gesetzt bin.“ Ottmar Hitzfeld ist ganz sicher nicht feige.

Aber er ist ein Diplomat, ein Meister der Moderation. Deshalb hält er in Dortmund eine Mannschaft extrem ichbezogener Großverdiener bei Laune und gewinnt mit ihr die Champions League. Er erträgt, dass der Brasilianer Julio Cesar mit größter Selbstverständlichkeit den Urlaub überzieht. Er verzeiht dem Mittelfeldspieler Paulo Sousa bemerkenswerte Anfälle von Divenhaftigkeit. Und er macht aus dem Ehrgeiz des besessenen Matthias Sammer Energie für sein Team. Mit dem fanatischen Sammer ist er nie auf einer Wellenlänge, aber er begreift den Wert dieses Spielers und nimmt sich selbst zurück.

Ärger schluckt er in seiner typischen Art. Das ist anstrengend, und es führt dazu, dass er in Dortmund nach zwei Meisterschaften und dem Sieg in der Champions League freiwillig auf den Posten des Sportdirektors wechselt.

Das ist dann aber wieder zu viel Schreibtisch für den Trainer, der in seinem Bundesligaleben immer zwischen den Extremen „ich will es mir wieder beweisen“ und „es tut mir eigentlich nicht gut“ pendelt. Dass er die in Deutschland größtmögliche Herausforderung annimmt, das Traineramt beim FC Bayern, passt in dieses Charakterspiel.

Seine Meisterschaft in der Moderation wird auch hier die Grundlage großer Erfolge. Bundesliga-Titel räumt der Verein mit einer Selbstverständlichkeit ab, wie er es erst wieder in den Jahren seit 2013 tut. Und auch die Krönung durch den Sieg in der Champions League gelingt 2001. Aber der Erfolg macht nie zufrieden, er fordert nur den nächsten Erfolg. „Dann wird es ja erst gefährlich“, sagt er der „Sport-Bild“, „als Trainer muss man sich in jedem Spiel neu beweisen. Immer wieder neu. Gewinnen, das Gewonnene wiederholen.“ Hitzfeld nennt es einen „Existenzkampf“.

Auch in München führt der an die Substanz. Er muss nämlich nicht nur 20 hochbezahlte Egomanen in der Mannschaft bei Laune halten, er muss auch aufpassen, zwischen den Mühlsteinen der Mächtigen in der Chefetage nicht zerrieben zu werden.

Die Bayern werden von den Großen des deutschen Fußballs geführt, und die begnügen sich nun mal nicht mit öffentlichen Nebenrollen. Als die Mannschaft in der Champions-League-Gruppenphase bei Olympique Lyon mit 0:3 verliert, hält Präsident Franz Beckenbauer beim Bankett eine Rede, für die der Begriff Brandrede erfunden sein könnte. „Das war kein Fußball“, poltert der Kaiser, „das ist eine andere Sportart, die wir spielen. Lyon hat Fußball gespielt. Wir haben zugeschaut, körperlos gespielt. Das ist nicht Fußball, das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherren-Fußball.“ Das gilt natürlich auch dem Trainer. Hitzfeld reagiert auf seine Art. Noch in der Nacht trommelt er seine Mannschaft zusammen und schwört sie auf seine Haltung ein. „Kein Widerspruch, wenn der Präsident etwas sagt“, erklärt der Coach. So besiegt er die Krise, bevor sie eine wird. Drei Monate später sind die Bayern Champions-League-Sieger.

Und als Hitzfeld nach seiner Burnout-Pause dabei hilft, den FC Bayern 2007 aus einem tiefen Tal zu führen, muss er sich nach einer großflächigen Personal-Rotation in seiner Aufstellung eine öffentliche Belehrung durch Vereinsvorstand Karl-Heinz Rummenigge gefallen lassen. „Fußball ist keine Mathematik“, schreibt der Funktionär dem studierten Mathematiklehrer ins Stammbuch. Hitzfeld schluckt und sagt noch Jahre später: „Das hat mir nicht gefallen.“ Und es trifft ihn so, dass er sich gegen sein Naturell öffentlich wehrt. „Ich hoffe“, erklärt er, „dass ich das Fußball-Einmaleins kann.“

Das bestreitet wahrscheinlich nicht mal Rummenigge, der als führender Funktionär und ehemaliger Banklehrling ein ausgeprägtes Verhältnis zu Zahlen haben sollte.

Hitzfelds Beziehung zum Rechnen hat nur durch einen Zufall nicht zu einer biederen Laufbahn als Lehrer geführt. Nach der Karriere als Spieler will er Anfang der 1980er sein Referendariat für die Realschule in den Fächern Sport und Mathematik beginnen. Weil sein Examen aber zu lange zurückliegt, verlangt das Schulamt eine zusätzliche Nachprüfung. Hitzfeld frisst den Ärger darüber ausnahmsweise nicht herunter. Er beschließt, professioneller Fußballtrainer zu werden. Gerechnet hat sich das. Denn Hitzfeld ist im Fußball ein erfolgreicher und reicher Mann geworden. Er hätte noch reicher werden können. 2015, der Coach hat sich in den Ruhestand zurückgezogen, bietet der chinesische Spitzenklub Guangzhou Evergrande 25 Millionen Euro für einen Vertrag über anderthalb Jahre. „Unmoralisch“, sagt Hitzfeld und lehnt ab. Prinzipien sind im wichtiger. Und die Gesundheit.

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