Dortmunds Präsident wäscht Mannschaft den Kopf: Niebaum: "Es geht um den Klassenerhalt"

Dortmunds Präsident wäscht Mannschaft den Kopf : Niebaum: "Es geht um den Klassenerhalt"

Dortmund (dpa/lnw). Mitten in der größten sportlichen Krise seit Jahren hat nun auch Borussia Dortmund Präsident Gerd Niebaum seine Zurückhaltung aufgegeben und in schonungsloser Offenheit zum Ausmaß der Misere Stellung genommen. "Die Situation ist verdammt ernst, nach dem wir von dem ersten auf den elften Platz gefallen sind. Wir müssen uns jetzt schleunigst nach unten absichern. Für uns geht es um den Klassenerhalt", sagte der 51-jährige Clubchef in einem Interview mit der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Dienstag-Ausgabe).

Angesichts der bedrohlichen Talfahrt, die sich auch unter dem neuen Trainer Bernd Krauss ungebremst fortsetzte und mit der 1:3- Pleite am Sonntag gegen den designierten Absteiger Arminia Bielefeld einen weiteren Höhepunkt erreichte, hat Niebaum sich von den zu Saisonbeginn ausgegebenen Zielen verabschiedet und eine Kurskorrektur vorgenommen. "Die internationalen Wettbewerbe stehen nicht mehr im Vordergrund, solche Flausen müssen raus aus den Köpfen."

Selbst einen UI-Cup-Platz, geschweige denn eine UEFA- oder gar Champions-League-Rang könne man "im Augenblick vergessen", sagte der Jurist, den angesichts des auf sieben Punkte geschrumpften Vorsprunges auf einen Nicht-Abstiegsplatz die Angst vor einem weiteren Absturz gepackt hat. "Wir dürfen nicht weiter fallen, wenn wir nicht noch weiter nach unten durchgereicht werden wollen", so Niebaum, der es aber für einen Fehler halten würde, in dieser misslichen Lage zurück zu schauen und tiefschürfende Ursachenforschung zu betreiben. "Kaffeesatz-Leserei" und eine "vorschnelle Vergangenheitbewältigung" bringe Mannschaft und Trainer jetzt nicht weiter. "Nach dem Ende der Saison können wir uns über mögliche Fehleinschätzungen unterhalten, aber nicht jetzt. Das ist wie bei einem Mediziner, der nicht mehr lange fragen darf, warum der Patient krank geworden ist, sondern der zusehen muss, dass der Patient ganz schnell wieder gesund wird."

Kräfte bündeln

Niebaum will schnellstens alle zur Verfügung stehende Kräfte bündeln, um das Allerschlimmste zu verhindern. "Wir haben jetzt 32 Punkte und sollten es in den kommenden neun Spielen zumindest schaffen, uns mit Anstand aus der Abstiegsregion zu entfernen", setzt Niebaum beim Weltpokal-Sieger und Champions-League-Gewinner von 1997 auf das Prinzip Hoffnung und fordert mehr Einsatz und Engagement der völlig verunsichert und desolat auftretenden Elf. "Wer in diesem Jahr noch kein Spiel gewonnen hat, der muss endlich etwas tun."

Während die Profis stark in der Kritik stehen, genießt der bislang erfolglose Skibbe-Nachfolger Bernd Krauss, der in sieben Bundesliga- und zwei UEFA-Cupspielen noch nicht einen einzigen Sieg erringen konnte, angeblich weiterhin das Vertrauen des Vorstandes. "Der Trainer erhält von uns volle Rückendeckung", versicherte Manager Michael Meier. Auch das konsequente Durchgreifen mit der Suspendierung von Sergej Barbarez und Victor Ikpeba wird durch die Führungsebene gedeckt.

Dass die sportliche Talfahrt und das drohende Verpassen eines europäischen Wettbewerbs auch wirtschaftliche Konsequenzen haben wird, liegt auf der Hand. Auf Grund des schlechten sportlichen Klimas ist die Umwandlung des Vereins in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) und der geplante Börsengang vorläufig zu den Akten gelegt worden. "Es wäre fatal, jetzt an die Börse zu gehen und abzustürzen", erklärte Meier schon nach dem UEFA-Cup-Aus gegen Istanbul.

Nach einem Bericht der "Sport-Bild" (Dienstag-Ausgabe) soll die Verschiebung des Börsenganges auch damit zu tun haben, dass zahlreichen Lizenzspielerverträgen bei der Umwandlung in die neue Geschäftsform "die rechtliche Grundlage" entzogen würde. Nach Informationen der Zeitschrift beträfe dies acht Profis, deren Verträge vor dem Sommer 1998 abgeschlossen und nicht entsprechend nachgebessert wurden. "Aus dem Gesichtspunkt des Vertragspartnerwechsel könnte den Spielern ein Kündigungsrecht zustehen", wird der Kölner Rechtsanwalt Norbert Nasse zitiert. Die Profis könnten dann vor Vertragsende ablösefrei wechseln. dpa/lnw yynw ub

(RPO Archiv)
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