Viele Fußball-Weltmeister von 2014 werden zu Auslaufmodellen

Hummels, Neuer, Höwedes : Die Weltmeister sind in die Jahre gekommen

Mats Hummels und Jerome Boateng waren Stars im Finale von Rio 2014. Fünf Jahre später sind sie nicht mehr unumstritten. Da geht es ihnen wie einigen Kollegen des WM-Teams.

Der Klassensprecher war ein paar Minuten ziemlich kleinlaut. Mit einem viel zu kurz geratenen Versuch eines Kopfball-Rückpasses auf seinen Torwart Sven Ulreich brachte Bayern Münchens Innenverteidiger Mats Hummels den Berliner Kollegen Davie Selke ins Spiel. Der Hertha-Angreifer besorgte den überraschenden 2:2-Ausgleich, der die Bayern im Pokal-Achtelfinale in die Verlängerung zwang. Die Gäste setzten sich mit 3:2 durch, und anschließend war auch Hummels wieder gesprächig. Knapp fünf Jahre nach dem Weltmeistertitel von Rio ist er allerdings längst nicht mehr unumstritten. Dieses garstige Los teilt er mit einigen seiner Kollegen, die in Brasilien das Endspiel gegen Argentinien mit 1:0 gewannen. Eine Bestandsaufnahme.

Manuel Neuer (32): Bayern Münchens Schlussmann kämpft um Anschluss an jene Form, die ihn zum besten Torwart der Welt machte. Bei der WM in Russland im vergangenen Sommer gelang es ihm so wenig wie in der Bundesliga-Hinrunde, die er zum ersten Mal in seiner Laufbahn in der Rubrik „ferner liefen“ abschloss. Viel zu wenig bei seiner Begabung und viel zu wenig bei seinem Ehrgeiz. Gerade ist er mal wieder verletzt – aber nur leicht. Bei Bundestrainer Joachim Löw und bei seinem Klubcoach Niko Kovac genießt Neuer höchstes Ansehen. Tendenz: bald wieder in Topform.

Benedikt Höwedes (30): Die ehemalige Schalker Galionsfigur fristet ihr Dasein bei Lokomotive Moskau. Dem Schalker Jungtrainer Domenico Tedesco war er nicht mehr schnell genug, und das war wohl eine zutreffende Einschätzung. Die Nationalmannschaft ist für Höwedes nur noch eine Erinnerung an seine besten Tage. Tendenz: Die internationale Karriere ist beendet.

Mats Hummels (30): Der Münchner Verteidiger ist ebenfalls kein Sprinter. Das hatte sein Trainer Niko Kovac bereits erkannt, als er noch Eintracht Frankfurt betreute. Und weil er um Hummels’ Mängel in der Grundbeschleunigung wusste, legte er das Frankfurter Spiel im Pokalfinale auf überfallartige Konter an. Mit Erfolg. In Ermangelung geeigneter Kollegen stellt Kovac Hummels inzwischen auch bei den Bayern auf. Inzwischen steht jedoch schon fest, dass im Sommer der Stuttgarter Benjamin Pavard kommt. Verhandelt wird mit Lucas Hernandez. Deren Vorteile: Sie sind erst 2018 Weltmeister geworden, und sie können beide richtig rennen. Für Hummels bedeutet das: Die Zeit in München läuft ab.

Jerome Boateng (30): Der langjährige Nebenmann von Mats Hummels machte im WM-Finale 2014 das beste Spiel seiner Karriere. Seither war der muskelbepackte Körper häufig mal außer Dienst, dafür nahmen die außersportlichen Aktivitäten im Bereich von Brillenhandel und Selbst-Vermarktung in Übersee zu. In München sitzt Boateng meist grummelnd auf der Bank. Tendenz: Auch er hat bei den Bayern und in der Nationalmannschaft keine große Zukunft mehr.

Philipp Lahm (35): Der Kapitän der Weltmeister-Elf trat zu früh zurück. Damit ersparte er sich Diskussionen um Mängel beim Antritt oder im Zweikampf. Der clevere Münchner mischt in mehreren Unternehmen führend mit, und er ist der Organisationschef für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Vielleicht wird er mal DFB-Präsident oder Chef beim FC Bayern, wenn Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß kurz vor dem 80. Geburtstag doch mal an Rücktritt denken sollten.

Bastian Schweinsteiger (34): Der blutende Held der Finalschlacht von Maracana versüßt sich den sportlichen Lebensabend in den USA. Aus der Nationalmannschaft ist er zurückgetreten. Die Fußballnation bewahrt ihm ein ehrendes Gedenken.

Toni Kroos (29): Wer mit Real Madrid Champions-League-Titel in Serie gewinnt, der kann nicht zum alten Eisen gehören. Kroos ist immer noch einer der großen Strategen des Fußballs. Ein Sprinter und Grätscher wird er nicht, das braucht er nicht. Tendenz: Er bleibt Löws zentrale Mittelfeldfigur.

Christoph Kramer (27): Er weiß inzwischen aus vielen Gesprächen und von vielen TV-Mitschnitten, dass er tatsächlich in der Startaufstellung des WM-Finales stand. Eine Gehirnerschütterung nach einem gewaltigen Zusammenprall hat die Erinnerung nachhaltig getrübt. Die Form des Jahres 2014 hat Kramer nicht mehr erreicht, selbst im Verein bei Borussia Mönchengladbach ist er nur noch zweite Wahl. Es ehrt ihn sehr, wie fair er damit umgeht. Tendenz: Die Nationalmannschaft ist kein Thema mehr.

Mesut Özil (30): Für Teile der Öffentlichkeit wird er seit dem Sommer als Sündenbock für die deutsche Blamage durchs Mediendorf getrieben. Das ist nicht gerecht. Ungerecht ist auch, dass Özil beim FC Arsenal ungefähr 400.000 Euro pro Woche verdient, obwohl er recht selten auf dem Platz steht. Aus der Nationalelf ist er mit großem Theaterdonner zurückgetreten. Tendenz: Keine Zukunft im DFB-Team.

Miroslav Klose (40): Der Stürmer trat als Rekordtorjäger des DFB-Teams zurück. Zum Volkshelden wie Rudi Völler hat er es nicht gebracht, aber verehrt wird er wegen seiner bescheidenen Art. Er ist Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Opole (Polen), und er trainiert die U17 des FC Bayern München. Tendenz: Klose bleibt still in der zweiten Reihe.

Thomas Müller (29): 2010 und 2014 zerschoss er zuverlässig die Tornetze bei den WM-Turnieren. In Russland lief der Wettbewerb an ihm genauso vorbei wie an den Kollegen. Die Selbstverständlichkeit, mit der er in früheren Jahren immer genau den Platz auf dem Rasen fand, an dem es gleich gefährlich wird, hat er einstweilen verloren. Müller muss um sein Dasein viel mehr kämpfen als früher. Tendenz: Selbst bei den Bayern droht die zweite Reihe.

Mario Götze (26): Mit dem Siegtor von Rio tat er einer ganzen Nation den größten vorstellbaren Gefallen. Sich und seiner Karriere wohl nicht, denn fortan erwarteten die Welt und er selbst Wunderdinge. Körper und Geist spielten dabei bald nicht mehr mit. Erst der neue Dortmunder Trainer Lucien Favre scheint den richtigen Ausweg zu finden, er macht Götze zu einem normalen Spieler, der mal in der Startaufstellung steht, mal auf der Bank sitzt und sich offenbar ganz gut fühlt. Tendenz: Rückkehr in die Nationalelf nicht ausgeschlossen.

Per Mertesacker (34): Warf sich im WM-Finale noch eine Minute dazwischen und machte Eindruck damit, dass er im Interview versprach, über die Welt in der Eistonne nachdenken zu wollen. Aus der Karriere als Philosoph ist nichts geworden. Dafür leitet er nach seinem Rücktritt aus dem aktiven Dienst die Fußballakademie des FC Arsenal. Tendenz: Ein Mann geht seinen Weg.

André Schürrle (28): Mit seiner Flanke verhalf er Götze zum WM-Tor und Deutschland zum Titel. Sich selbst verschaffte er tolle Verträge beim FC Chelsea, in Wolfsburg und Dortmund. Beim Premier-League-Kellerkind FC Fulham versucht er, die Klasse zu halten und seinen Marktwert aus dem Keller zu bringen. Tendenz: Beides wird schwierig.