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Spielführer von Joachim Löw: Philipp Lahm sieht Zukunft im Mittelfeld

Nationalelf testet gegen Chile : Lahm sieht seine Zukunft im Mittelfeld

Am Anfang soll er doch ziemlich gestaunt haben. Ein ganzes großes Fußballerleben hatte Philipp Lahm auf den sogenannten defensiven Außenbahnen verbracht. Verteidiger nannte man das früher.

Da stellte ihn Bayern Münchens Trainer Pep Guardiola in den Testspielen zur neuen Saison im vergangenen Sommer plötzlich mit großer Hartnäckigkeit im Mittelfeld auf, mal auf der "Sechs" vor der Abwehr, mal auf der "Acht", die das offensivere Spiel betreiben soll. Lahm spielte das, wie man es von ihm kennt. Ohne Anlaufschwierigkeiten, immer nahezu fehlerfrei. Und ganz offenbar mit wachsender Lust an der Aufgabe, die ihm mehr gestalterischen Einfluss auf die Aktionen seiner Mannschaft verleiht. Inzwischen ist es seine Stammposition im Verein.

Bundestrainer Joachim Löw hat das Münchner Experiment aufmerksam beobachtet. Und die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit zwingen ihn geradezu zur Nachahmung auf DFB-Auswahl-Ebene. Auch wenn er noch in der Schlussphase der WM-Qualifikation gebetsmühlenartig wiederholte, "ich sehe Philipp Lahm schon auch als Außenverteidiger", setzt er sicher nicht nur im Testspiel heute Abend gegen Chile (20.45 Uhr/Live-Ticker) auf Lahm in der Rolle des defensiven Mittelfeldstrategen — wahrscheinlich an der Seite seines Münchner Kollegen Bastian Schweinsteiger. Bis Sami Khedira und Ilkay Gündogan wieder fit sind, wenn das überhaupt bis zur WM so weit kommt, wird das Löws Modell sein.

"Ich fühle mich einfach wohl"

Lahm findet das ziemlich gut. Er hat sich nicht nur mit der neuen Rolle angefreundet, er sieht inzwischen seine berufliche Zukunft auf dieser Position. "Ich fühle mich einfach wohl", sagte er gestern im Museum des DFB-Sponsors Mercedes in Stuttgart bei der Pressekonferenz, "ich kann mir vorstellen, da auch in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren zu spielen."

Das ist für die Konkurrenz auf diesem Fachgebiet nur bedingt eine gute Nachricht, denn bislang hat Lahm bewiesen, dass er noch auf jeder Position bedeutende Leistungen zeigen kann. Es war nie die Frage, ob Lahm spielt, sondern lediglich wo und wer gegebenenfalls neben ihm nominiert wird. "Philipp", stellte sein langjähriger Kollege Lukas Podolski fachkundig fest, "kann man überall einsetzen. Er ist einer, der auf seiner Position im Weltfußball heraussticht." Der Münchner Mitspieler Thiago urteilt aus täglicher Anschauung: "Lahm ist ein hervorragender Fußballer, er macht keine Fehler."

Diesen Typ wird Löw in Brasilien brauchen. Und Lahm spielt nicht nur die taktischen Rollen nach Drehbuch. Er ist und bleibt auch der pflegeleichte Musterprofi. In diesem Charakterfach bevorzugt er die berechenbar artigen Antworten. Und er sagt dann Sätze wie diesen: "Ich werde mich in den Dienst der Mannschaft stellen." Die Botschaft lautet: "Niemand ist wichtiger als der Erfolg des Teams." So etwas hören seine Trainer besonders gern.

Mit ausgeprägter Opferbereitschaft haben derartige Wortbeiträge allerdings weniger zu tun. Schließlich weiß der Kapitän, dass er eine gesetzte Größe in jeder denkbaren Aufstellung des DFB-Teams ist. Deshalb fällt es ihm leicht zu erklären: "Jeder ist austauschbar. Jeder muss um seinen Platz kämpfen und Leistung bringen."

Löw macht Spielern Druck

Auch da hört Löw sehr gern zu. Schließlich hat er in den Tagen vor dem Test gegen eines der stärksten Teams Südamerikas seine Spieler ausgesprochen deutlich an die Pflicht erinnert. "Die Uhr tickt", hat er gesagt, "nur wer sie hört, hat eine Chance auf die WM." Er ersparte sich nicht einmal den Hinweis darauf, dass jeder Kandidat künftig sein Leben auf die Turnier-Vorbereitung einzustellen habe.

Damit handelte er sich öffentliche Zustimmung seiner Vorgänger im Amt ein. "Der Weckruf kann gut tun", sagte Franz Beckenbauer. Berti Vogts betonte in der "Bildzeitung": "Eigentlich sind die Punkte, die Jogi angesprochen hat, eine Selbstverständlichkeit. Profis verdienen großes Geld — und haben sich im Sinne des großen Ziels einzuordnen." Und Rudi Völler stellte fest: "Bei aller Qualität, die diese Mannschaft hat: Jogis Worte waren richtig vor einem WM-Turnier."

Wem sie in erster Linie gelten, ist reine Ansichtssache. Die Mehrheit der Experten glaubt, dass sich der Mönchengladbacher Max Kruse oder Arsenal Londons Mittelfeldspieler Mesut Özil ebenso angesprochen fühlen dürfen wie Marco Reus von Borussia Dortmund. Namen hat Löw selbstverständlich nicht genannt, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.

Sein Musterschüler Lahm glaubt, dass der Weckruf zur rechten Zeit erging. "Ich mache mir keine Sorgen", erklärte er, "es steckt viel Qualität in der Mannschaft. Und es ist noch viel Zeit." Er schaute weniger aufgeregt als sein Coach.

(RP)