Oliver Bierhoff beim Ständehaus-Treff: DFB-Team nicht Favorit bei EM 2020

Oliver Bierhoff beim Ständehaus-Treff : „Wir gehen nicht als Topfavorit in die EM“

DFB-Direktor Oliver Bierhoff berichtet beim 83. Ständehaus-Treff der Rheinischen Post über Rückschläge in seiner Karriere und seinen Ruf als „Sohn aus reichem Hause“. Um die Nationalmannschaft ging es natürlich auch.

Mit 18 rannte Marius Müller-Westernhagen, so geht jedenfalls ein bekannter Hit von 1978, „in Düsseldorf rum, war Sänger in ner Rock ’n‘ Roll-Band“. Oliver Bierhoff war auch mal 18, aber in seinem Leben war zu diesem Zeitpunkt wenig Rock ’n‘ Roll. Bierhoff machte mit 18 Abitur, leistete seinen Grundwehrdienst ab und spielte unter Karl-Heinz Feldkamp bei Bayer Uerdingen. Inzwischen ist Bierhoff 51 und trägt den gewöhnungsbedürftigen Titel „DFB-Direktor für Nationalmannschaften und Fußballentwicklung“. Beim Ständehaus-Treff der Rheinischen Post bot er gut 550 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Sport und Gesellschaft in Düsseldorf einen launigen wie seltenen Einblick in sein Leben und ins Innenleben der Nationalmannschaft. Im Gespräch mit RP-Sportchef Gianni Costa erzählte Bierhoff so manchen Anekdote jenseits der Fassade des so kontrolliert daherkommenden Machers.

Nationalmannschaft Bierhoff steckt bei vielen Deutschen in vielen Schubladen. Er ist der Erfinder der Nationalmannschaft als Marke. Und diese Marke befindet sich im Neuaufbau. Sie erholt sich vom blamablen WM-Aus 2018 und der Überstrapazierung der Fans mit Hashtags und Imagekampagnen à la „Die Mannschaft“. „Wir machen doch auch Umfragen. Und der Großteil findet es immer noch gut, vor allem Kinder und junge Menschen, und die will ich doch erreichen. Natürlich haben wir bei der WM 2018 vieles zerstört, da müssen wir manches zurückgewinnen“, sagt Bierhoff.

Wie weit der Umbau der DFB-Elf fortgeschritten ist, wird die EM im kommenden Jahr zeigen. Das weiß auch der Nationalmannschaftsmanager. „Ob wir Europameister werden können? Grundsätzlich sollte man nichts ausschließen. Aber wir gehen nicht als einer der Topfavoriten in das Turnier, das können wir von der jungen Mannschaft nicht erwarten. Für den Titelgewinn wird sie über sich hinauswachsen müssen.“

Joachim Löw Nicht nur Bierhoff steht unter durchaus kritischer Beobachtung durch ganz Fußball-Deutschland, auch Bundestrainer Joachim Löw. Das weiß Bierhoff. Ist Löw etwa ein Auslaufmodell? „Die Frage, ob der Trainerstab noch der richtige ist, ob ich noch der Richtige bin, stelle ich mir alle zwei Jahre“, sagt Bierhoff. Er sieht in Löw aktuell weiter den Richtigen – für den DFB, nicht für die Bayern, die ja seit Sonntagabend offiziell auf Trainersuche sind. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es nicht die Frage für die Bayern. Ich weiß auch nicht, ob sie sich in der Vergangenheit mal mit Jogi Löw beschäftigt haben.“

Karriere als Spieler Bierhoffs eigene Karriere schien 1990 zu Ende, bevor sie richtig begann. Uerdingen, Hamburg, Gladbach. Keine Perspektive. „Wenn du im Trainingsspiel als Letzter gewählt wirst, weißt du, du bist nicht gut genug“, sagt Bierhoff, dessen Vater Rolf RWE-Vorstand war. „In den ersten vier Jahren, in denen ich in der Bundesliga gespielt habe, hat mich der Vorwurf des Sohns aus reichem Hause schon verfolgt. Ich habe vielleicht auch etwas dafür getan, ich lag ja wirklich nicht so oft im Dreck.“ Doch auch ohne Dreck ging es weiter. Über Umwege nach Italien, zehn Jahre in Ascoli, Udine und Mailand. Bierhoff, der Domsingknabe aus Essen, wurde doch noch Star und Nationalspieler.

Oliver Bierhoff (l.) zeigt RP-Sportchef Gianni Costa und den Gästen die Fußballschuhe, mit denen er Deutschland 1996 zum EM-Titel schoss. Foto: Endermann, Andreas (end)

Golden Goal Mit 23 Jahren Abstand kann Bierhoff längst tiefenentspannt und routiniert über den größten Moment der Karriere sprechen: das Golden Goal aus dem EM-Finale 1996 gegen Tschechien. Ein Stück Fußballgeschichte. Die Einwechslung. Dann zunächst das Tor zum 1:1. Schließlich das legendär-hoppelige Siegtor in der Verlängerung, das das Spiel abrupt beendete und Deutschland abrupt zum Europameister machte. Doch mit der Routine ist es an diesem Abend vorbei, als ein Mitarbeiter des Deutschen Fußballmuseums im Ständehaus einen Koffer mit den Originalschuhen von 1996 an die Bühne bringt. „Na klar pocht da das Herz“, sagt Bierhoff. Und er weiß zu berichten, „dass diese Schuhe ein Auslaufmodell waren“ und „laut Rudi Völler ja Rumpelfüße drinsteckten“. Bierhoff kann auch Selbstironie.

Privatleben Bierhoff ist einer, der schnell wieder bei sich ist. Große Emotionen bleiben bei ihm in der Regel an der kurzen Leine. Er weiß, dass er so wirkt. Aber er sieht es nicht so arg. „Ich bin auch sehr emotional, ich habe in Italien das Schimpfen gelernt, so ist es ja nicht“, sagt er – um schnell wieder zu sich zurückzukehren: „Aber in meiner Position muss ich auch kühlen Kopf bewahren. Ich habe über die Jahre gelernt, dass der kurzfristige Applaus dem langfristigen Applaus nichts bringt.“ Mit seiner Familie lebt Bierhoff am Starnberger See. „Ich genieße auch die Zeit, die ich nicht im Rampenlicht verbringe“, sagt er. Wie im Haus der Eltern in Essen. Dort übernachtete Bierhoff im Anschluss. Ganz ohne Marketing-Kalkül.

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