Nach Rücktritt von Mesut Özil nach WM-Aus: DFB-Präsident Reinhard Grindel verpasst Chance auf Neuanfang

Kommentar zur Erklärung des DFB-Präsidenten: Grindel verpasst Chance auf Neuanfang

Der DFB-Präsident hat in der Causa Özil lange geschwiegen - und durch seine Sprachlosigkeit die Planlosigkeit im größten Sportfachverband der Welt offenbart. Seine Erklärung ist nun kein besonders großer Befreiungsschlag. Ein Kommentar.

Reinhard Grindel urlaubt in diesen Tagen. Das ist natürlich sein gutes Recht, und doch waren einige Spitzenfunktionäre beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) schon gehörig verwundert, warum „ihr“ Präsident nach der harten Abrechnung von Mesut Özil nicht früher aufgetaucht war. Warum er sich nicht klar positioniert hat.

Warum er nicht direkt versucht hat, die allgemeinen Vorwürfe zumindest einzuordnen. Drei Tage später hat Grindel nun doch ein Einsehen gehabt und sich erklärt. Ein Statement, so glatt geschliffen, wie man sich es vorstellt, wenn so und so viele Pressesprecher und Medienberater intern und extern darüber brüten. Herausgekommen ist keineswegs ein Befreiungsschlag. Dazu ist die persönliche Aufarbeitung des Falls viel zu schlapp.

Er wolle sich der „Debatte über Rassismus im Allgemeinen und die Integrationsfähigkeit des Fußball im Besonderen“ nicht entziehen. Es ist schon grotesk, dass es dazu einer Erwähnung von ihm bedarf. Es ist schlicht seine Pflicht und Verantwortung als Präsident des größten Sportfachverbands der Welt mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern eine solche Diskussion zu moderieren. Es ist seine Verantwortung, allen Mitgliedern, im Verband das Gefühl von zu Hause zu bieten – egal ob sie Michael, Murat oder Melanie heißen.

Grindel hat sein Amt aber bislang vor allem derart interpretiert, von Fußball-Platz zu Fußball-Platz zu ziehen und ohne viel Inhalt vor allem sich selbst zu inszenieren. So kann man das machen, dann kann man für sich allerdings nicht in Anspruch nehmen, auch nur im Ansatz eine Relevanz im politischen Diskurs zu besitzen.

Grindel hätte nun die Chance gehabt, sich neu aufzustellen. Er hätte die Möglichkeit gehabt, die Ansichten des stramm konservativen CDU-Bundestagsabgeordneten Grindel zu erklären und einzuordnen. Er hätte die Chance gehabt, zu sagen, was ihm Sorgen bereitet und weshalb der Fußball so viele Chancen bietet, eine buntere Welt zu realisieren. Doch außer einer wüsten Ansammlung von Allgemeinplätzen (“Die Werte des Fußballs sind auch meine Werte. Vielfalt, Solidarität, Antidiskriminierung und Integration, dass alles sind Werte und Überzeugungen, die mir sehr am Herzen liegen.“) steckt nicht viel drin. Als Grindel noch Volksvertreter war, da hörte sich das alles deutlich anders an. Da war er der Scharfmacher, wenn es darum ging, die Gefahren von Multi-Kulti aufzuzeigen.

Haben sich seine Ansichten mit dem Wechsel zum DFB komplett geändert? Natürlich können sich Menschen ändern, Machtmenschen indes neigen zu inhaltlich sehr pragmatischen Kurskorrekturen. Und so hat es Grindel mindestens im Fall Özil nicht geschafft, einen Spieler davon zu überzeugen, dass er, also Grindel, Präsident aller deutscher Fußballspieler ist – egal wo ihre Wurzeln liegen.

Grindel geht es vor allem um ein Thema: die EM-Bewerbung für das Turnier 2024. In den vergangenen Monaten lief alles nach Plan, und es galt als Selbstläufer, den Zuschlag gegen die Türkei zu bekommen. Der Wind hat sich komplett gedreht. Der DFB ist auf einigen Feldern international isoliert beziehungsweise verfügt durch diverse Wechsel an der Spitze nicht mehr über ein ausreichendes Netzwerk zum illustren Klüngel unter Funktionären. Und so ist die Türkei mittlerweile mehr als ein ernstzunehmender Konkurrent. Der Abgang von Özil war gewiss keine Wahlwerbung für den deutschen Verband und seine Bestrebungen, sich als besonders weltoffen zu inszenieren.

Grindel hat die Chance verpasst, zumindest so etwas wie einen Neuanfang anzustoßen. Weil er sich eben nicht deutlich sondern maximal politisch berechnet geäußert hat. Es wird einen echten Umbruch nur geben können, wenn es an der Spitze des Verbands einen Wechsel gibt. Und das gewiss nicht nur wegen des desaströsen Bildes rund um das Erdogan-Foto.

Das wäre auch ein deutliches Signal an die europäischen Fußballverbände im Hinblick auf Abstimmung über das EM-Turnier im September. Grindel sollte den Weg frei machen. Und der DFB sollte sich grundsätzlich Gedanken darüber machen, ob er für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft adäquat aufgestellt ist.

(gic)