Nach dem Aus für Hummels, Müller und Boateng braucht die DFB-Elf Wortführer

Deutsche Nationalmannschaft : Löws Elf braucht neue Anführer

Bundestrainer Löw wird zum harten Mann. Nach der Ausmusterung von Hummels, Müller und Boateng muss nun die Generation Kimmich und Süle Verantwortung übernehmen.

Es war einmal ein freundlicher Herr aus dem Schwarzwald, der aus lauter Liebenswürdigkeit alten Bekannten in der Nationalmannschaft Erbhöfe einrichtete, den schwierige Entscheidungen in tiefe Krisen stürzten und den man sich schön als höflichen Gastgeber des wöchentlich tagenden Arbeitskreises „Yoga für Teetrinker“ vorstellen kann. Seine Freunde, und er hatte viele Freunde, nannten ihn Jogi. Seit Dienstag gibt es diesen Jogi offenbar nicht mehr. Bundestrainer Joachim Löw hat den harten Kerl in sich entdeckt.

Auf dem Weg zum Neuaufbau seiner Nationalelf musterte er nach Sami Khedira die nächsten drei Weltmeister aus. Die Länderspiel-Karriere von Mats Hummels (30), Jerome Boateng (30) und Thomas Müller (29, alle FC Bayern München) ist vorbei. Löw überbrachte den Münchnern diese Nachricht immerhin persönlich. Sein Assistent Marcus Sorg und DFB-Direktor Oliver Bierhoff begleiteten ihn dabei. So viel Rückendeckung hatte der harte Joachim offenbar gebraucht.

Die Gruppenreise nach München wurde nicht überall mit Begeisterung begrüßt. Vor allem in München nicht. „Wir halten den Zeitpunkt und die Umstände der Bekanntgabe dieser Entscheidung an die Spieler und an die Öffentlichkeit für fragwürdig“, erklärten die Ober-Bayern Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic. Sie verwiesen darauf, dass seit dem letzten Länderspiel im November 2018 mehr als drei Monate vergangen seien. Müller reagierte noch deutlicher. "Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr macht mich die Art und Weise, wie das abgelaufen ist, einfach sauer. Kein Verständnis habe ich vor allem für diese suggerierte Endgültigkeit der Entscheidung", sagte er in einer Video-Botschaft, die er in den Sozialen Medien verbreitete.

Löw dagegen nannte den radikalen Schnitt, den viele unmittelbar nach der völlig verkorksten Weltmeisterschaft 2018 erwartet hatten, „ein deutliches Signal der Erneuerung“. 2019 sei „das Jahr des Neubeginns“.

DFB-Präsident Reinhard Grindel war seiner Zeit offenbar weit voraus, als er den Neuanfang bereits nach der Rückkehr des schwer geschlagenen Teams aus Russland am Frankfurter Flughafen ausrief. Löw schien sich zunächst treu geblieben zu sein, als er nach der Sommerpause mit einem nur sehr zart veränderten Team in die neue Länderspielsaison ging. Lediglich Khedira verabschiedete er in den Ruhestand, er hielt ihm allerdings noch eine Hintertür auf. Mesut Özil, für viele im Verband der Sündenbock für das Scheitern in der WM-Vorrunde, erklärte seinen Rücktritt unter reichlich Theaterdonner.

Verantwortung des sportlichen Leitungsteams am Desaster von Russland delegierte Löw, indem er seinen Assistenten Thomas Schneider aus dem Trainerstab entlassen ließ. Dass er selbst der ideale Mann für den Neuaufbau sei, hatte ihm Grindel ebenfalls bereits im Sommer 2018 bescheinigt.

Löw reagiert mit seinem Verzicht auf die Münchner Weltmeister auf eine fußballerische Talfahrt, die alle drei mitmachten. Müller hat schon seit der Europameisterschaft 2016 nicht mehr dauerhaft die Form erreicht, die ihn zu einer unbestrittenen Größe in der Nationalmannschaft machte. Boateng hatte nach der WM in Brasilien 2014 reichlich Geschäfte außerhalb des Spielfeldes zu betreiben. Dadurch litt die fußballerische Leistungsfähigkeit. Auch bei den Bayern ist er längst nicht mehr unumstritten. Das gilt ebenfalls für den Innenverteidiger-Kollegen Hummels, dessen Geschwindigkeitsnachteile mit zunehmendem Alter offensichtlich werden.

Die nachwachsende Generation hat in dieser Hinsicht klare Vorteile. In München ist mittlerweile Niklas Süle (23) der Platzhirsch in der Innenverteidigung. Kandidaten für die zentrale DFB-Deckung sind Jonathan Tah (23), Matthias Ginter (25), Thilo Kehrer (22) und Antonio Rüdiger (26). Müller muss bei den Bayern schon jetzt häufig Serge Gnabry (23) den Vortritt lassen.

Fußballerisch sind die Lücken, die sich Löw selbst ins Aufgebot reißt, also ganz offensichtlich zu schließen. Die vielleicht wichtigere Frage aber lautet: Wer beerbt die Persönlichkeiten Hummels, Boateng und Müller? Wer wird zum Wortführer, zur Leitfigur des neuen Nationalteams? Schließlich war Hummels so etwas wie der heimliche Pressesprecher des Teams, der keiner Kamera aus dem Weg lief. Boatengs vergleichsweise seltenen Wortbeiträge wurden eben deshalb gehört, weil er sie lieferte, wenn es an der Zeit war – zum Beispiel nach einem wackligen Start in die EM 2016. Und Müller war mit seinem sonnigen Gemüt und der unverkrampften Schlagfertigkeit ein idealer Öffentlichkeitsarbeiter.

Nun müssen andere das Wort im Team und in der Öffentlichkeit führen. Kapitän Manuel Neuer zum Beispiel oder Toni Kroos, der neben dem Torwart der einzige verbliebene Stammspieler der Weltmeisterelf von 2014 ist. Kroos ist allerdings kein Lautsprecher, er gibt allenfalls mit seiner Art Fußball zu spielen, den Kollegen Halt – selbst das zurzeit aber nicht, weil er mit Real Madrid in eine schöpferische Krise geraten ist. Und Neuers Rolle ist längst nicht mehr so festgeschrieben wie vor der WM, als Löw wegen der Rückkehr des Spielführers aus dem Krankenstand das Leistungsprinzip aufhob. Der Bundestrainer hat Marc-André ter Stegen (FC Barcelona) im Neuaufbau eine echte Chance versprochen.

Deshalb stehen jetzt Süle, Joshua Kimmich oder Marco Reus in der Pflicht, zu richtigen Anführern heranzuwachsen. „Sie müssen die Verantwortung übernehmen“, erklärt Löw. Er weiß aber selbst, dass so etwas nicht von heute auf morgen geschieht. Führungsrollen werden selten vergeben, sie werden erworben im Prozess, dem jede Mannschaft in ihrem Werden unterworfen ist. Dieser Prozess beginnt gerade erst. Löw hat ihn angestoßen – ein dreiviertel Jahr nach der WM. Das ist spät.

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