Länderspiel gegen Russland: Joachim Löw sucht neue Chefs

Reus fällt gegen Russland aus: Löw sucht neue Chefs

Noch ist gar nicht klar, ob das DFB-Team in der Nations League den Abstieg überhaupt verhindern kann. Die Franzosen müssen helfen. Gegen Russland will Bundestrainer Löw sein Team für einen Showdown wappnen. Marco Reus fällt dabei aus.

Es ist zwar nur ein Probelauf, aber einen weiteren Rückschlag bei der Mission „Wiedergutmachung“ will Joachim Löw auch ohne BVB-Antreiber Marco Reus unbedingt vermeiden. Der Bundestrainer stellte das Testspiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen Russland und dann vor allem das mögliche Abstiegs-Endspiel in der Nations League gegen Holland unter das Motto „Zurück in die Erfolgsspur“. Vorrangiges Ziel sei es, „beide Spiele möglichst siegreich zu gestalten“, sagte Löw am Mittwoch. Reus, der sich zuletzt bei seinem Klub in Topform präsentierte, laboriert an einer Fußverletzung. Auch gegen die Niederlande ist sein Einsatz fraglich.

Von den sechs Pflichtspielen 2018 hat Deutschland nur eins gewonnen. Gleich sechs Partien gingen in diesem Jahr insgesamt verloren - Negativrekord in der 111-jährigen Länderspiel-Geschichte des DFB. Löw und sein Personal wissen, was am Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) in Leipzig gegen die positive WM-Überraschung Russland und vier Tage später in Gelsenkirchen gegen die wiedererstarkten Niederländer auf dem Spiel steht: Vor allem die Stimmung.

Mit einer breit angelegten Charme-Offensive vor allem bei jugendlichen Fans hat der DFB schon vor dem Anpfiff in der bei weitem nicht ausverkauften Red Bull Arena versucht, die Begeisterung für den brutal entthronten Weltmeister wieder neu zu beleben. Jetzt lässt Löw gegen die Russen die drei jungen Turboangreifer Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané wieder los. „Die Tendenz geht dahin“, bestätigte der DFB-Chefcoach. Das bei den Fans beliebte Trio hatte beim jüngsten 1:2 in Frankreich wesentlichen Anteil daran, dass der Glaube an eine erfolgreiche Erneuerung geweckt wurde.

„Wir werden alles daran setzen, einen guten Start zu erwischen für das wichtige Spiel gegen Holland“, sagte Manuel Neuer zur ersten Aufgabe gegen die Sbornaja. Der Kapitän ist auch im Testspiel die Nummer eins - ein klares Zeichen von Löw. Nach den Mut machenden Signalen beim 1:2 gegen Frankreich im Oktober sieht sich die neue Generation im Nationalteam in einer gestärkten Position.

„Gegen Russland können wir uns mehr beweisen und ein bisschen mehr Druck ausüben“, erklärte Sané (22). Der Jungstar von Manchester City zählt mit dem Leipziger Werner (22), dem Leverkusener Julian Brandt (23) sowie den Münchnern Gnabry, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Niklas Süle (alle 23) zur ersten Umbruch-Kategorie. „Frankreich war sicher ein wichtiger Fingerzeig für die nächsten Monate“, bemerkte Löw.

Anders als die DFB-Elf hat die vom einstigen Löw-Musterschüler Stanislaw Tschertschessow trainierte Auswahl Russlands weiter positive Ergebnisse erzielt. Schon mit einem Remis im nächsten Nations-League-Spiel in Schweden würden die Russen in die Top-Staffel A aufsteigen. Löws Mannschaft dagegen könnte schon vor dem abschließenden Spiel gegen Holland abgestiegen sein, wenn Oranje am Freitag Frankreich bezwingt. Das wäre aber auch „kein Weltuntergang“, betonte Löw: „Wenn wir absteigen, müssen wir das so hinnehmen.“

Der Bundestrainer verwies auf die nötige Balance: „Die Jungen werden noch ein bisschen brauchen. Grundsätzlich haben wir seit Jahren auf gewissen Positionen Probleme.“ Auch aus Dank für seine Weltmeister von 2014 hatte der Bundestrainer lange gezögert, Typen wie Sami Khedira abzulösen. Denn Löw weiß: Sein Team braucht auch Führungspersönlichkeiten, um wieder zurück zu alter Stärke zu kommen. „Möglicherweise haben wir den Fehler gemacht, die Nations League ein bisschen zu hoch zu hängen“, erklärte der 58-Jährige.

Und wer könnte die Führungsaufgabe von Khedira, Mats Hummels oder Thomas Müller einmal einnehmen? „Man muss einfach die nächsten Jahre abwarten“, sagte Löw dazu. „Am weitesten, was die Reife betrifft, ist Joshua Kimmich. Er ist schon sehr stabil über die letzten zwei, drei Jahre. Er spielt regelmäßig, hat bei den Bayern eine wichtige Rolle eingenommen. Auch Leon Goretzka ist jemand, dem ich das zutraue.“ Insgesamt gebe es im Moment auch nicht „die Fülle an hochkarätigen Talenten. Da sind einige dabei, aber nicht in der Anzahl wie früher“.

Der Schlüssel muss eine neue Schnelligkeit sein. Ein Trend, der am DFB-Team vorbeigegangen zu sein schien. Löw wehrt sich zwar dagegen: „Nein, das würde ich nicht sagen.“ Viele Kontrahenten würden sehr defensiv stehen, sagte Löw. „Da ist dieses schnelle Konterspiel nicht machbar.“ Aber klar sei: „Die Geschwindigkeit vorne im letzten Drittel und die Laufwege sind entscheidend. Da muss man als Mannschaft mit viel Ballbesitz Lösungen finden.“

Gegen Russland sei das Ergebnis „nicht allzu relevant. Wichtig ist, was wir sehen und für Erkenntnisse ziehen“, sagte Löw. Jérôme Boateng war gar nicht berücksichtigt worden. Die Ex-Weltmeister Toni Kroos und Julian Draxler sollen gegen Holland wieder zum Kader gehören.

Trainer und Spieler setzen gegen die Sbornaja auch auf den Faktor Leipzig, obwohl der Ticketvorverkauf schleppender als erhofft verlief. „Hier herrscht immer eine tolle Stimmung“, sagte Manager Oliver Bierhoff. Die sächsische Stadt ist auch von den Erfolgen her bisher ein gutes Pflaster für die Nationalmannschaft. Von neun Länderspielen in Leipzig ging nur eins verloren - und das liegt schon 106 Jahren zurück, als gegen die Niederlande 2:3 verloren wurde.

(dpa/ako)
Mehr von RP ONLINE