Joachim Löw verzichtet auf Jerome Boateng: Ist das schon das Ende?

Löw verzichtet auf Boateng: Ist das schon das Ende?

Jerome Boateng war beim WM-Titel 2014 der überragende Abwehrchef, jahrelang galt er als unverzichtbarer Leistungsträger im Nationalteam. Jetzt hat ihn der Bundestrainer vorerst aussortiert.

Das Gesicht von Jerome Boateng zierte schon viele Cover, jetzt ist sogar eine Zeitschrift nach ihm benannt. Das Lifestyle-Magazin "BOA" sei für ihn "eine Herzensangelegenheit", sagte der Abwehrspieler von Rekordmeister Bayern München, "ich will darin Geschichten aus meiner Welt erzählen."

Diese Welt dürfte am Freitag erschüttert worden sein. Der überragende Abwehrchef beim WM-Titelgewinn von 2014 ist von Bundestrainer Joachim Löw nicht für die letzten Länderspiele des Jahres gegen Russland (15. November in Leipzig) und Erzrivale Niederlande (19. November in Gelsenkirchen) nominiert worden. Offiziell erhält der 30-Jährige "eine Pause". Doch wer bei Löws Begründung zwischen den Zeilen liest, dürfte zu der Erkenntnis gelangen, dass Boateng nach 76 Länderspielen ähnlich wie Sami Khedira nur noch ein Nationalspieler auf Abruf ist.

"Ich habe ihm gesagt, dass wir auch auf seiner Position viele Alternativen haben, gerade mit jüngeren Spielern", wird Löw auf der DFB-Internetseite zitiert. Profis wie Jonathan Tah, Thilo Kehrer und Antonio Rüdiger "müssen natürlich erst mal beweisen, dass sie an das Niveau von Jerome herankommen können", betonte Löw. Wenn sie das aber tun, dürfte die Tür zum Nationalteam für Boateng geschlossen bleiben.

Löw muss den Verjüngungsprozess weiter mit Leben füllen, will er seine Position wieder stärken. Boateng könnte nach Khedira das nächste prominente Opfer sein. Bayern-Trainer Niko Kovac ist aber überzeugt, dass sein Verteidiger noch einige Länderspiele machen wird: "Das ist ein Novum, aber das heißt nicht, dass er in Zukunft nicht wieder dabei sein wird."

Völlig überraschend kommt die Entwicklung nicht, schon nach der historisch schlechten WM hatten manche mit einem Ende von Boatengs Nationalmannschaftskarriere gerechnet. In den ersten Saisonspielen wirkte er sowohl im Bayern-Trikot als auch im DFB-Dress nicht gänzlich fit, muskuläre Probleme machten dem Innenverteidiger immer wieder zu schaffen.

Er wolle nun in München "weiter an meiner Fitness arbeiten", schrieb Boateng in einer ersten Reaktion in den sozialen Netzwerken. So sei er mit dem Bundestrainer "nach einem sehr guten und vertrauensvollen Gespräch" verblieben. Boateng wünschte der Mannschaft für die anstehenden Spiele "alles Gute", und er beendete seinen Eintrag mit den Worten: "Danke an den Bundestrainer!"

Sollte das Kapitel Boateng im Nationalteam irgendwann offiziell beendet sein, dürfte kein böses Blut fließen wie etwa im Fall Mesut Özil. In dem nach ihm benannten Magazin "BOA" prangerte Boateng erneut an, "dass wir im Team viel mehr für Mesut hätten tun können". Als Vorbild nannte er die solidarisierende Aktion des schwedischen Teams nach rassistischen Anfeindungen gegen den Spieler Jimmy Durmaz: "Das war stark. Da hatte ich Gänsehaut. Das fanden auch viele andere bei uns im Team top."

Boateng spricht auch offen über Diskriminierungen, die er selbst als Jugend- und Profifußballer erlebt hat. "Als ich jünger war, war das brutal", sagt der Mann mit ghanaischen Wurzeln. Er wolle sich gegen den zunehmenden Rechtsruck in Deutschland wehren: "Mir ist in den vergangenen Jahren immer klarer geworden, dass ich für viele Menschen auch ein Botschafter bin."

Das dürfte Boateng auch bleiben, sollte er nicht mehr für Deutschland auflaufen. Und danach sieht es derzeit aus.

(sid/sef)
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