Joachim Löw sammelt beim 1:1 gegen Spanien "wichtige Erkenntnisse"

DFB-Team besteht ersten Härtetest: Löw sammelt "wichtige Erkenntnisse"

Joachim Löw gewinnt in einem hochklassigen Härtetest gegen Spanien wichtige Erkenntnisse. Die härtesten Kritiker stehen in den eigenen Reihen.

Joachim Löw dozierte geduldig über seine "sehr, sehr wichtigen Erkenntnisse" und war offenkundig vollkommen zufrieden. Doch nach dem phasenweise frustrierenden WM-Härtetest gegen die brillante spanische Passmaschine kamen die größten Kritiker aus den eigenen Reihen. "Alles" sei anfangs schlecht gewesen, motzte Jerome Boateng, "das Pressing hat nicht geklappt, so eine Mannschaft spielt dann mit dir Katz und Maus."

Das war nur der erste Punkt seiner langen Liste der weltmeisterlichen Unzulänglichkeiten. "Wir wollten besser hinten rausspielen, eine bessere Aufteilung hinbekommen", sagte Boateng nach dem hochklassigen 1:1 (1:1) in Düsseldorf, er zählte außerdem auf: "Chancenverwertung, Passspiel, nicht so schnell den Ball zu verlieren. Auch das Umschalten muss besser werden. Wir kriegen drei oder vier Konter, das geht nicht." Immerhin: Es sei dann doch "nicht alles schlecht, aber man sieht, dass noch viel Arbeit ist. Wir müssen zusammen als Mannschaft auftreten."

In der Tat war die deutsche Mannschaft, wie der Spanien-Kenner Toni Kroos fachmännisch urteilte, "in den ersten 20 Minuten nur hinterhergelaufen". Spanien zauberte ein vorzügliches Tiki-Taka auf den Platz, das dem Weltmeister den Kopf verdrehte - spielerisch lösten sich Andres Iniesta und seine Teamkollegen aus dem nachlässigen deutschen Pressing. Mats Hummels sprach ehrfürchtig vom "besten Herausspielen, das ich je gesehen habe".

Löw jedoch zwinkerte gelassen: Genau das habe er ja testen wollen, und er hatte durchaus geahnt, dass er seine Spieler mit stumpfer Klinge in den Kampf schickt. "Wir wollten den einen oder anderen Fehler aufgezeigt bekommen, das ist okay", erklärte er. "Das Risiko war es uns wert, auch wenn wir es nicht immer geschafft haben, sie vorne unter Druck zu setzen. Normalerweise mache ich das nicht ohne einige Trainingseinheiten vorher."

Löw schwärmte vom "hervorragenden Test" zweier Gegner, die sich auf Augenhöhe duellierten - beziehungsweise: Erst schauten die Deutschen zu den Spaniern auf, später war es manchmal umgekehrt. "Jeder Fan sollte die Sinnlichkeit dieses Spiels spüren. Dann riss Deutschland es an sich, aber nicht mit dem Ruck eines Panzers", kommentierte die Zeitung "ABC": "Deutschland hat Spaniens Stil gestohlen."

Die 50.653 Zuschauer in der ausverkauften Arena von Fortuna Düsseldorf waren verzückt, sicher, zwei Top-Anwärter auf den Weltmeistertitel gesehen zu haben. "Das sind die Mannschaften, die bei der WM eine entscheidende Rolle spielen wollen - und auch können", sagte Löw, er nannte in diesem Zusammenhang auch Frankreich, Argentinien und Brasilien, den Gegner am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) in Berlin.

Bis zu diesem letzten Check vor der vorläufigen Kadernominierung will der Bundestrainer "alles zusammenfassen, woran wir arbeiten müssen". Am Freitag schickte er seine Top-Elf auf den Rasen, nun wird es zahlreiche Umstellungen geben. Thomas Müller, der nach dem frühen Gegentor durch Rodrigo (6.) mit einem Traumtor ausgeglichen hatte (35.), reiste wie Mesut Özil in der Nacht nicht mehr mit nach Berlin. Die beiden Weltmeister sind ohnehin unverzichtbar, sie erhalten eine Pause. In Sami Khedira (Rückenprobleme) bekommt ein weiterer Held von Rio eine Pause, dessen Platz im defensiven Mittelfeld Ilkay Gündogan einnehmen wird. Zudem fällt Emre Can wegen anhaltender Rückenschmerzen aus.

"Ich plane, dass Marvin Plattenhardt in Berlin spielt", sagte Löw am Freitag. "Zudem denke ich, dass Ilkay von Anfang an spielen wird, Leroy Sane auch. Drei Wechsel habe ich auf jeden Fall." Dazu kommen die von Müller und Özil.

Gegen Spanien hatte hinten links Jonas Hector (1. FC Köln) verteidigt, der Plattenhardt (Hertha BSC) weichen wird. Sane (Manchester City) wird wohl links offensiv für Julian Draxler (Paris St. Germain) spielen.

Für Löw ist Brasilien der letzte Prüfstein vor der Nominierung seines vorläufigen Kaders für die WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli). Der Bundestrainer benennt sein Aufgebot am 15. Mai in Dortmund.

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(dpa)