Horst Eckel, Guido Buchwald und Bernd Hölzenbein erinnern sich

Tag der Weltmeister in Düsseldorf : Drei Generationen - drei Weltmeister

Am Samstag treffen sich in Düsseldorf die Fußball-Weltmeister von 1954, 1974 und 1990. Drei von ihnen erinnern sich an den größten Titel.

Dreimal ist Deutschland Fußball-Weltmeister geworden. Das "Wunder von Bern 1954" markiert einen Wendepunkt im deutschen Selbstbewusstsein. 1974 krönte sich eine goldene Generation, die ihren fußballerischen Höhepunkt 1972 beim Gewinn der Europameisterschaft hatte. Und 1990 feierte ein mit großen Einzelkönnern durchsetztes Kollektiv den bislang letzten Titel. In Frankfurt kamen für das Magazin "547490" drei Weltmeister zusammen. Horst Eckel (1954), Bernd Hölzenbein (1974) und Guido Buchwald (1990) sprachen mit den Journalisten Ronald Reng und Hartmut Scherzer über ihre Zeit.

Wie haben Sie das Wunder von Bern erlebt?

Hölzenbein Euer WM-Endspiel 1954 werde ich nie vergessen, Horst. Ich war damals acht Jahre alt und saß schon Stunden vor dem Anpfiff in der Dorfgaststätte vor dem noch ausgeschalteten Fernseher. Ich sollte meinem Vater einen Platz in der ersten Reihe frei halten. Da war so eine Vorfreude, und dann wollten meine Sitznachbarn in der Kneipe Bundestrainer Sepp Herberger nach kürzester Zeit vom Trainerstuhl jagen, weil wir ja schnell 0:2 gegen die Ungarn zurücklagen. Nach wie viel Spielminuten war das?

Eckel Nach acht Minuten, stell dir vor, nach acht Minuten lagen wir schon 0:2 zurück.

Buchwald Und in der Vorrunde hattet ihr von den Ungarn auch schon eine Klatsche gekriegt, 3:8 verloren. Da erscheint es mir bewundernswert, dass ihr das Endspiel noch mit 3:2 gewonnen habt.

Eckel Gut, das Vorrundenspiel gegen Ungarn haben wir laufen lassen. Da hat Herberger klar gesagt: "Gegen die Ungarn können wir nicht gewinnen" und deshalb die halbe Reserveelf aufgestellt. "Wir konzentrieren uns auf das Spiel gegen dieTürkei, um weiterzukommen", sagte er.

Buchwald Dann war das 3:8 also eine bewusst einkalkulierte Niederlage. Solche taktischen Sachen habt ihr damals schon gemacht?

Eckel Das waren Herbergers Ideen. Die Ungarn waren die beste Elf der Welt, alle schwärmten von Puskas, Hidegkuti, Kocsis. Gegen die hätte niemand eine Chance, hieß es. Dabei hatte sie praktisch niemand jemals spielen gesehen. Es wurden damals keine internationalen Spiele im Fernsehen gezeigt - und es hatte ja auch fast niemand einen Fernseher.

Hölzenbein Das Bild von einem Fußballstar hast du dir als Kind in den fünfziger Jahren aus Zeitungsartikeln, Zeitungsfotos und aus Büchern geformt. Der Kapitän der 54er Weltmeister Fritz Walter war damals mein großes Idol, er ist noch heute mein einziges Idol: der Spielmacher, halblinks im Mittelfeld, der beidfüßig schießen konnte.

Eckel: Was damals selten war.

Hölzenbein Einmal hat Fritz Walter ein Tor im Flug mit der Hacke geschossen, da gab es dieses Foto, wie er quer in der Luft liegt, die Hacken ausgefahren, und du hast dir die Szene ausgemalt.

Buchwald Dieses Tor von Fritz Walter habe sogar ich vor Augen, obwohl ich erst 1961 geboren wurde. Ich muss es irgendwann auch auf einem Foto gesehen haben. Meine erste WM habe ich 1966 erlebt, bei den Nachbarn, weil wir noch keinen Fernseher hatten. Mein Idol war zunächst Wolfgang Overath. Ich war Köln-Fan, und das in Schwaben! Erst später wurde Stuttgarts Verteidiger Karlheinz Förster mein Vorbild.

Hölzenbein Mit zwölf hat man Träume. Nachdem ich mal Fritz Walter zugewinkt hatte, hoffte ich, dass ich vielleicht, eventuell auch einmal für den 1. FC Kaiserslautern spielen dürfte, und ganz vielleicht sogar mal eine Minute - nur eine Minute! - in der Nationalelf eingesetzt würde.

Eckel Und später hast du dann gedacht, vielleicht werde ich auch Weltmeister.

Hölzenbein Daran habe ich einen Monat vor der Weltmeisterschaft noch nicht gedacht. Ich war ja gar nicht für die WM-Elf vorgesehen, ich bin da während des Turniers reingerutscht. Wenn wir in den ersten Wochen im Trainingslager in Malente Fünf gegen Zwei zum Aufwärmen spielten, war da eine Ecke mit den Chefs, Bundestrainer Helmut Schön, Beckenbauer, Netzer, Overath, Gerd Müller. Dann kam eine Gruppe mit Grabowski, Herzog, Bonhof. Und irgendwo ganz hinten kam die letzte Gruppe mit den zwei Ersatztorhütern, Helmut Kremers und mir. Ich hätte gar nicht den Mut gehabt, in die erste Gruppe zu gehen.

Es war aber schon die Zeit, als taktisches Training immer wichtiger wurde.

Buchwald Ich denke, die Verteidiger haben am meisten davon profitiert, dass es im Fußball immer mehr Analysen und Informationen gibt. Heute sind die Fußballer gläsern, ein moderner Profi erhält vor einem Spiel auf DVD eine Analyse seines Gegners bis ins letzte Detail - welche Bewegung er bei der Ballannahme meistens macht, welchen Weg er typischerweise läuft -, und das kommt natürlich den Verteidigern zugute, die besser auf einen Stürmer vorbereitet sind. Verteidiger heute sollten es deshalb eigentlich leichter haben als zu unseren Zeiten. Die Stürmer dagegen haben es schwerer: Ihre Tricks sind bekannt. Wie war das bei euch, Holz, 1974, da gab es auch noch keine Videoanalyse, oder?

Hölzenbein Nein. Es gab natürlich auch schon taktische Details, etwa: Wenn der Paul Breitner als Außenverteidiger nach vorne marschiert, muss ich als Außenstürmer bleiben und die Seite absichern. Aber über meinen Gegenspieler im Endspiel, Wim Suurbier, wusste ich nicht viel. Eigentlich wusste ich nur: Der spielt.

Eckel Die Ungarn profitierten 1954 am meisten davon, dass es kaum Informationen über internationale Gegner gab. So entschlüsselte auch beinahe niemand, dass sie in einem einzigartigen taktischen System spielten

Heute nennt man Spieler wie Hidegkuti im Team der Ungarn falsche Neuner. Ist das Spiel wirklich taktisch so viel raffinierter geworden?

Hölzenbein Vor dem WM-Finale 1974 gegen die Holländer hieß es: "Vogts gegen Cruyff, das große Duell, schaltet er ihn aus?" Der Schlüssel zum Sieg wurde damals noch klar in den Duellen Mann gegen Mann gesehen. Das ist heute schon anders. Es geht viel mehr darum, im Verbund zu verteidigen, den Raum zuzustellen.

Buchwald Aber die Engländer spielen seit hunderttausend Jahren mit Raumdeckung, mit Viererkette, und die sind nie Weltmeister geworden, außer 1966 im eigenen Land, wobei, da haben sie ja auch nicht richtig gewonnen. Ich will damit sagen: Es gibt nicht die Taktik, die richtig, die modern ist. Ein Trainer muss analysieren, welche Taktik am besten zu seinem Team passt.

Hölzenbein Doch die Taktik hat sich schon sehr entwickelt. Früher hieß es: Raum- oder Manndeckung. Heute spielt man eine Manndeckung in der Raumdeckung. Die Mannschaften sperren den Raum um den ballführenden Spieler permanent mit zwei oder drei Spielern zu, und dann geht einer von den Zweien oder Dreien - wie eh und je der Manndecker - in den Zweikampf mit dem Gegner am Ball.

Buchwald Richtig. Die Anfänge zu dieser Raum-Mann-Deckung gab es schon bei uns 1990: Sicher du hinter mir ab, falls er an mir vorbeikommt. Worauf ich aber hinaus will: Wenn ich immer höre, man muss so spielen wie Barcelona. Da denke ich, ja, schaut doch erst mal, ob ihr einen Xavi, einen Iniesta, einen Messi habt! Wieso mit einem falschen Neuner spielen, der aus der Tiefe kommt, wenn du einen großen, starken Stürmer hast, den du perfekt im gegnerischen Strafraum anspielen kannst? Taktik ist ein Hilfsmittel. Die Qualitäten der Spieler müssen die Taktik bestimmen. Vielleicht spielen wir irgendwann auch wieder mit Manndeckung, wer weiß.

Eckel Aber nicht mehr so extrem, wie wir das mussten, ganz sicher nicht. Bleib bloß bei deinem Mann, hieß es, fast drohend. Ich war der einzige, der sich als Manndecker auch mal in den Angriff einschalten durfte, weil die Trainer wussten, ich habe die Schnelligkeit und Ausdauer, um es bei Ballverlust auch wieder zurück zu meinem Mann zu schaffen. Ich bin jeden Tag alleine für mich laufen gegangen. Wie alle deutschen Spitzenmannschaften in den Fünfzigern haben wir beim 1. FC Kaiserslautern nur zweimal die Woche nach der Arbeit trainiert.

Das ist heute anders. Aber reicht die beste Vorbereitung für die deutsche Mannschaft zum vierten Titel?

Eckel Die Nationalelf kann in Brasilien Weltmeister werden. Das ist eine technisch außergewöhnlich begabte Generation, die spielen alle Fußball, wie es sich gehört, sehr fein am Ball, sehr schnell im Angriff.

Hölzenbein Von den Einzelspielern her betrachtet sind wir absolut die besten.

Buchwald Auch in der Breite. Aber die Frage ist: Werden alle fit sein? Wir haben zwar jede Menge gute defensive Mittelfeldspieler, aber so einen Typ wie Khedira haben wir nur einmal; einer, der alles kontrolliert, der neben dem sauberen Pass auch besondere Zweikampfwucht und Kopfballstärke ins Spiel einbringt.

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(RP)
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