1. Sport
  2. Fußball
  3. Nationalelf

Fußball-WM-Qualifikation 2020/2021: Diese Experimente bieten sich für Bundestrainer Hansi Flick an

Länderspiel-Doppelpack : Diese Experimente bieten sich für Flick geradezu an

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist bereits vorzeitig für die WM 2022 qualifiziert. In den abschließenden beiden Gruppenspielen kann Bundestrainer Hansi Flick ausprobieren. Wir sagen Ihnen, welche Tests Sinn machen.

Hansi Flick (56) hat’s gut. Während geplagte Trainerkollegen in Portugal, Spanien und Italien im gnadenlosen europäischen Fußballwettbewerb noch hart an der Qualifikation für die WM-Endrunde in Katar 2022 arbeiten müssen, hat die in den vergangenen Jahren oft so geschmähte Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes die Teilnahme bereits sicher. In einer Gruppe fußballerischer Riesenzwerge war das allerdings auch eine Pflichtübung. Die letzten beiden Gruppenspiele (Donnerstag in Wolfsburg gegen Liechtenstein, Sonntag in Armenien) kann Flick dazu nutzen, an den taktischen Selbstverständlichkeiten zu schrauben und ein paar eher unbekannte Gesichter auf die große Bühne zu bringen. Mehr freilich, als er geplant hatte. „Unsere Idee war es, noch einmal den einen oder anderen Kandidaten dazuzunehmen, um ihn noch mal zu sehen“, sagte der Bundestrainer Anfang der Woche. Da kannte er den Corona-Fall Niklas Süle und die Quarantäne-Verordnung für vier weitere Spieler noch nicht, die für viel Betrieb im Aufgebot sorgten. Das sind seine Themen:

Die Abwehr. Flicks Defensivkünstler standen in den fünf Gruppenspielen unter seiner Leitung noch nicht so richtig unter Druck, sieht man von Phasen des Heimspiels gegen Rumänien ab. Hier gab es beim 2:1 das einzige Gegentor der „Ära“ Flick, in den Partien in Liechtenstein (2:0), gegen Armenien (6:0), in Island (4:0) und in Mazedonien (4:0) war zumindest im Ergebnis kein Makel zu besichtigen. Manchmal hätte es gereicht, die Torhüter mit den Abwehraufgaben zu betrauen, weil die Gegner nur beim Seitenwechsel zur Pause in der deutschen Hälfte auftauchten. Das wird vor allem gegen Liechtenstein wieder so sein. Deshalb kann Flick fröhliche Experimente starten oder fortsetzen wie jenes mit dem offensiven Rechtsverteidiger Jonas Hofmann aus Mönchengladbach und einer nach rechts vorn verschobenen Viererkette. Hofmanns Innenverteidiger-Kollege Matthias Ginter hat die Gelegenheit auf den ersten Einsatz bei Flick. Dafür hat er sich durchaus empfohlen – auch weil der doppelt geimpfte Süle wegen seiner Ansteckung mit dem Virus ausfällt.

Mittelfeld. Dort hat Flick die geringsten Sorgen. Er muss allerdings Joshua Kimmich (Quarantäne) ersetzen. Deshalb bekommt Leon Goretzka in der Zentrale einen neuen Nebenmann. Und darum gibt es für die, deren Platz zuletzt eher in der ersten Reihe am Spielfeldrand war, Hoffnung. Julian Draxler (Paris) kehrte wie Julian Brandt (Dortmund) ins Aufgebot zurück, verletzte sich aber. Der Gladbacher Florian Neuhaus kann sich das Selbstvertrauen holen, das ihm im Klub abzugehen scheint. Weil die kommenden Gegner keine große defensive Herausforderung bieten, kommen alle ebenso wie der nachnominierte Wolfsburger Maximilian Arnold für einen Einsatz in Frage.

Der Angriff. Flick muss damit leben, dass Horst Hrubesch nicht mehr spielt. Seit dem altersbedingten Rückzug von Miroslav Klose ist der klassische Mittelstürmer eine aussterbende Art im Land von Gerd Müller, Uwe Seeler und Rudi Völler. Zuletzt schickte Flick in Ermangelung anderer Kandidaten den Sprinter Timo Werner in die Mitte. Der Stürmer des FC Chelsea lieferte ein ordentliches Produkt ab und schoss Tore. Die Idealbesetzung ist er nicht. Nun muss er wegen einer Verletzung zuschauen, und vielleicht kann Flick aus der Not eine Tugend machen. Vermutlich bekommt der Wolfsburger Lukas Nmecha (22) vor den eigenen Fans eine Chance. Er ist zwar auch kein Hrubesch, aber der Strafraum ist sein natürlicher Lebensraum. Er könnte am Ende der Verwerter für die Vorlagen der Außen oder der Mittelfeldspieler sein.

  • Kleine Bühne, große Gesten : Abschied von „Visionär“ Löw
  • Julian Draxler.
    „Tut mir für ihn leid“ : PSG-Profi verletzt - Draxler fällt für Länderspiele aus
  • Mussten die aktuelle Situation erklären: Oliver
    Nach Corona-Befund bei Süle : Nachnominierungen, Abreise, Training – so geht es beim DFB-Team weiter

Standardsituationen. Es war der Assistent Hansi Flick, der seinen Chef Joachim Löw 2014 von der Wirksamkeit gut einstudierter Standards überzeugte. Deutschlands Klasse bei den sogenannten ruhenden Bällen war ein Schlüssel zum Gewinn der Weltmeisterschaft. Im immer engeren internationalen Wettbewerb entscheiden häufig solche Gelegenheiten die Spiele. Selbst gegen drittklassige Teams wie Liechtenstein, die zwei Mannschaftsbusse im Strafraum parken, können Freistöße oder Eckstöße festgefahrene Reihen lösen. In den beiden Spielen gegen Liechtenstein und in Armenien kann Flick einüben, was in Katar bei der Advents-WM zum Tragen kommen soll.

Die Fans. Flick hat es sich zur größten Aufgabe gemacht, „wieder begeisternden Fußball zu spielen“. Die Fans, die zuletzt eher mit dem Rücken zur DFB-Auswahl standen, sollen wieder mitgenommen werden – durch Verzicht auf übertriebene Werbemätzchen der „La Mannschaft“-Art und durch Spaß und Herz auf dem Platz. „All in“ müsse jeder gehen, sagt der Trainer. Und anders als so oft in der Spätphase seines Vorgängers Löw ist diese Einstellung nun auch zu besichtigen. „Diese Mentalität wollen wir erhalten“, erklärt Flick. Selbst wenn das Wolfsburger Publikum die Vorstellung in für Länderspiele typischer vornehmer Zurückhaltung begleiten sollte, will Flick wenigstens das Fußballvolk an den Fernsehern mitnehmen. Dass er das kann, hat er schon bewiesen.