Fußball-Nationalmannschaft: Philipp Lahm will ins Zentrum der Macht

Fußball-Nationalmannschaft : Lahm will ins Zentrum der Macht

Nach dem WM-Desaster kritisierte Philipp Lahm den Führungsstil von Trainer Löw mit deutlichen Worten. Damit hat sich der 34-Jährige als möglicher Unterstützer des Neuaufbaus ins Gespräch gebracht - offenbar strebt er eine Führungsposition im Deutschen Fußball-Bund an.

Am Sonntag hat sich Philipp Lahm noch einmal bei der Weltöffentlichkeit in Erinnerung gebracht. Im feinen dunklen Anzug, frisch frisiert und mit dem russischen Starmodel Natalija Wodjanowa am Arm, trug er den WM-Pokal ins Moskauer Luschniki-Stadion. Lahm lächelte sehr freundlich ins weite Rund. Und die Zuschauer sagten sich: „Ach ja, das ist dieser Philipp Lahm, der Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft von 2014.“

Damit das auch niemand im Deutschen Fußball-Bund vergisst, hat er sich dort ebenfalls in Erinnerung gebracht. In einem Beitrag für das Onlinenetzwerk „LinkedIn“ schrieb er dem Bundestrainer nach dem WM-Aus in der Vorrunde ins berühmte Stammbuch: „Ich bin überzeugt davon, dass Jogi Löw seinen kollegialen Führungsstil ändern muss, wenn er mit der neuen Generation von Nationalspielern Erfolg haben will.“ In der ARD, als deren Fachmann Lahm bei der WM auftrat, sagte er: „Wir sind uns alle einig: So, wie es jetzt passiert ist, kann es nicht weitergehen. Wir müssen überall Lösungen finden und analysieren, welche Fehler wir gemacht haben.“ Er sagte „Wir“. Und das warf natürlich die Frage auf, ob er sich mit seiner Kritik für eine Führungsposition im DFB bewerbe. Lahms klare Antwort: „Das kann man definitiv so sehen.“

Ehrenämter hat er offenbar genug. Er ist Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, und er dient dem DFB als Botschafter für die Bewerbung um die Europameisterschaft 2024. Nun darf es, bitte schön, ein bisschen mehr sein.

Die Gelegenheit für eine Bewerbung ist günstig. Denn Löw ist zum ersten Mal in seiner Karriere als Bundestrainer so richtig angeschossen. Er hat sich zum Nachdenken über die peinliche WM-Vorstellung aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Pünktlich zum Bundesliga-Start am 24. August will Löw den DFB-Oberen seine Analyse präsentieren. Präsident Reinhard Grindel hat unter großem Theaterdonner darum nachgesucht. Die Präsentation und deren Nachbearbeitung werden nicht weniger öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt. Das ist sicher. Ob auf die Analyse tiefgreifende Änderungen folgen, ist nicht heraus. Schließlich ist der führende Analyst auch der führende Mann bei der  Neugestaltung.

Der mächtigste Mann im operativen Geschäft aber ist der DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der Chef aller Nationalmannschaften, der Spitzenmann in der Vermarktung der A-Elf, der Erfinder der Werbekonzepte rund um „Die Mannschaft“, der Leiter des ambitionierten Projekts einer DFB-Akademie. Er ist noch stärker angeschossen als Löw. Und seine unglücklichen Wortbeiträge nach der WM, als er unter anderem in einem Interview Mesut Özil als billigen Sündenbock hinstellte, haben seinen Ruf nicht verbessert.

Das ist die Stunde für Lahm. Sein Ruf ist nicht beschädigt, er gilt als Musterprofi ohne fußballerischen Fehl und Tadel, obwohl oder vielleicht weil er vor vier Jahren seinen Abschied aus der Nationalmannschaft und vor zwei Jahren vom FC Bayern München nahm. Und er weiß seine Chancen zu nützen.

Erstes Beispiel: Vor neun Jahren hatte der so brave Lahm die Nase voll davon, dass der FC Bayern in der Champions League spätestens im Frühjahr aus dem Wettbewerb flog. Er schaute sich auf dem Trainingsplatz um, erkannte, dass da zwar allerhand Talent versammelt war, aber dass auch niemand so ganz genau wusste, wo es fußballerisch hingehen sollte. Also beschloss Lahm, seinem Klub mal ordentlich Dampf zu machen. Er gab der „Süddeutschen Zeitung“ ein Interview, in dem ganz zufällig die Planlosigkeit des Klubs zum Thema gemacht wurde. Selbstverständlich wurde das Gespräch nicht den zuständigen Zensurabteilungen im Verein zur Autorisierung vorgelegt.

Die Klubführung, vor allem der damalige Manager Uli Hoeneß, schäumte. Lahm musste dem Vernehmen nach 30.000 Euro Geldstrafe zahlen. Aber sein Wort hatte doch so viel Gewicht, dass bald der Trainer Louis van Gaal eingestellt und der Bundesliga-Mannschaft ein fußballerisches System verordnet wurde. Erfolge in der Meisterschaft und in der Champions League wurden Routine.

Zweites Beispiel: 2010 verpasste Michael Ballack die WM wegen einer Verletzung. Lahm übernahm dessen Kapitänsbinde. Und noch bevor der frühere Platzhirsch Ballack ins Amt des Spielführers zurückkehren konnte, machte Lahm seine Ansprüche geltend. „Es ist doch klar, dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte. Die Rolle auf dem Platz erfülle ich seit mehreren Jahren, die habe ich im Griff. Dann will man sich auch um mehr kümmern, mehr Verantwortung übernehmen. Das habe ich jetzt hier gemacht. Warum soll ich dann das Kapitänsamt wieder freiwillig zur Verfügung stellen?“, fragte Lahm. Vier Jahre später war er immer noch Kapitän und stemmte die WM-Trophäe in Rio in den Abendhimmel. Ballack war längst TV-Kommentator.

Drittes Beispiel: Als ihm der FC Bayern die Position des Sportdirektors anbot, aber die eines Sportvorstands ausdrücklich ausschloss, ließ Lahm öffentlich wissen, dass ihm das zu wenig sei. Er wollte auf eine Höhe mit Präsident Hoeneß und Klubchef Karl-Heinz Rummenigge befördert werden. In einem Interview mit unserer Redaktion erneuerte er sein Interesse an einer Mitarbeit bei den Bayern, seine Bedingungen wiederholte er nicht. Das musste er auch nicht.

Vielleicht schlägt nun der DFB zu. Eine mögliche Rolle im fälligen Neuaufbau wäre die des Teammanagers, die bislang in den Zuständigkeitsbereich von Bierhoff fällt. Bierhoff könnte sich auf seine Aufgaben als Akademie-Chef konzentrieren, und er wäre einer kritischen Öffentlichkeit entzogen. Der Verband könnte sich für seine Konsequenz feiern. Und Lahm wäre im Zentrum der Macht. Das gefällt ihm, obwohl er gar nicht so aussieht.

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