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EM-Qualifikation: Deutschland will nach Weißrussland auch Estland klar bezwingen

Fußball-Nationalmannschaft : Reus gibt vor Estland-Spiel den Ton an

Der Auftritt der DFB-Auswahl beim 2:0 in Weißrussland war ordentlich. Gegen Estland soll es am Dienstag vor allem im Bereich der Chancenverwertung eine deutliche Steigerung geben. Der nächste Sieg ist Pflicht.

Auch in seinem 87. Länderspiel hat Manuel Neuer kein Tor erzielt. Dafür legte der deutsche Schlussmann das Solo des Jahres auf den Rasen des Stadions von Borissov. Beim EM-Qualifikationsspiel in Weißrussland verließ der Kapitän der DFB-Auswahl mal wieder eigenmächtig den Arbeitsplatz und führte gegen Yuri Kovalev an der Eckfahne ein Tänzchen der Sorte Hacke-Spitze-eins-zwei-drei auf. Am Ende der kleinen Einlage lag Kovalev von Schwindelgefühlen gepackt auf dem grünen Boden der Tatsachen, und Neuer spielte den Ball ungerührt mit einem Außenristpass wie einst der große Franz Beckenbauer in den Aufbau seiner Mannschaft und begab sich mit stolz gereckter Brust an den Arbeitsplatz zurück.

Möglicherweise sorgte der Torwart auf der deutschen Bank für mehrere kurze Herzstillstände. Aber verraten wollte das niemand. Auch Marcus Sorg nicht, der den verletzten Joachim Löw vertrat und bei seinem ersten Auftritt als Cheftrainer einen 2:0-Erfolg einfuhr. „Das war alles richtig", sagte Sorg, und weil er es vielleicht selbst noch nicht so recht glaubte: „Das war intuitiv alles richtig."

Neuers Gefühl fürs eigentliche Torwartspiel verdankte der hohe Favorit, dass er nach einer souverän gestalteten Anfangsphase nicht doch den Ausgleich hatte hinnehmen müssen. Der Keeper lenkte einen harten Kopfball von Nikita Naumov über die Latte. „Da hat Manuel Neuer uns gerettet", stellte Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan in sanfter Übertreibung fest. Denn bis auf diese eine Gelegenheit kamen die Weißrussen in der Offensive nicht vor.

Sie verschanzten sich mit einer Fünferkette am Strafraum, und etwa 30 Meter vor dem Tor stand die nächste Dreierkette. Deshalb bestand die wesentliche Aufgabe der DFB-Auswahl darin, sich durch diesen Wall an Leibern zu kombinieren. Eine gute Übung für das Spiel am Dienstag gegen Estland in Mainz (20.45 Uhr/RTL), wo das wahrscheinlich nicht anders aussehen wird. Die Kombinationen gelangen nicht immer, aber sie gelangen zumindest so oft, dass ordentliche Chancen und die beiden Treffer dabei heraussprangen. Es war ein Erfolg der Kategorie Arbeitssieg. Darauf hatten sich die Sprecher im deutschen Team offenbar verständigt. Sorg fand: „Der Sieg ist das, was zählt, einige Widerstände mussten überwunden werden. Es war wichtig, gewisse Dinge umzusetzen." Marco Reus, neben Leroy Sané Torschütze an diesem Abend, urteilte: „Es war ganz in Ordnung, vor allem in der zweiten Halbzeit hatten wir ein paar gute Angriffe." Neuer sagte: „Wir sind zufrieden, wir haben unsere Aufgabe erledigt." Nur Abwehrchef Niklas Süle erklärte: „Es war ein schwieriges Spiel, mit dem 2:0 können wir nicht ganz zufrieden sein."

Tatsächlich hielt die nicht immer mit dem nötigen Nachdruck betriebene Chancenverwertung den hoffnungslos unterlegenen Weißrussen lange noch ein Türchen zum Teilerfolg offen. So viel Selbstkritik erlaubte sich die im Vergleich zum WM-Desaster von Russland deutlich verjüngte Elf. Ilkay Gündogan, mit 28 Jahren nun einer der alten Herren in der Mannschaft und auf dem Platz die ordnende Figur, bezeichnete den Auftritt in Borisov immerhin als „seriös" und den Sieg als „hochverdient".

Da erhob niemand Widerworte. Die Deutschen zogen gelegentlich sehr nette Kombinationen auf, und die Tore waren zwingend herausgespielt. Beim ersten bediente Joshua Kimmich nach einem schnellen Ballgewinn Sané, der im Stil von Arjen Robben um seinen Gegner kurvte und den Ball mit links in die sogenannte lange Ecke hob. Beim zweiten spielte Matthias Ginter mit einem Flachpass Reus frei, der vor dem Tor so eiskalt blieb, wie er sich selbst das vor dem Spiel abverlangt hatte. Sané kam dem dritten Treffer am nächsten, zweimal vertändelte er den Ball im Strafraum, und sein Kopfball nach Ginters Flanke landete am Pfosten.

Der Dreimann-Angriff aus Reus, Serge Gnabry und Sané sorgte mit häufigen Positionswechseln einige Male für große Aufregung im weißrussischen Strafraum, das soll sich gegen die Esten in Mainz natürlich fortsetzen. Und Sorgs Taktik könnte ebenfalls ein Erfolgsrezept sein. Er bot eine Fünferkette mit drei Innenverteidigern und zwei ganz offensiven Flügelläufern (Lukas Klostermann, Nico Schulz) auf. Das machte das Spiel breit. Dadurch hatten zumindest die Deutschen etwas dafür getan, dass es in der Mitte des Spielfelds nicht zu Dauerstaus kam.

Am Dienstag in der Begegnung mit Estland wird Sorg sein Team auf einen ähnlich defensiven Gegner einstellen müssen. Und auch in dieser Begegnung sind drei Punkte Pflicht. Das hat Bundestrainer Löw seinem Stellvertreter auf Erden und seinen Spielern vom Krankenbett mit auf den Weg gegeben. Reus findet das ebenso selbstverständlich. „Wir wollen die beiden Spiele gewinnen. Gegen Estland müssen wir noch besser, noch konzentrierter spielen und noch mehr Tore schießen", erklärte der Stürmer – mit 30 Jahren ebenfalls einer der alten Herren. Diesem innigen Wunsch schloss sich Süle, mit 23 Jahren zwar ein junger Hüpfer, aber einer mit hohem Stellenwert im Team, sehr bereitwillig an. „Hoffentlich", sagte er, „werden es ein paar Tore mehr." Für diesen nicht unwahrscheinlichen Fall könnte die DFB-Truppe nach dem desaströsen Jahr 2018 mit Recht einen Aufwärtstrend ausrufen. „Noch", aber sagte Sorg, „möchten wir die Mannschaft entwickeln." Das ist eine sehr gute Idee.