EM-Quali: In Weißrussland und gegen Estland sind Siege Pflicht

DFB-Team in der EM-Quali : Siege in Weißrussland und gegen Estland sind Pflicht

Für das DFB-Team wird es ernst. In den beiden EM-Qualifikationsspielen in Weißrussland und gegen Estland sind Siege Pflicht.

Als Thomas Schneider noch einer der beiden Assistenten von Bundestrainer Joachim Löw war, da hat er einen schönen Satz über die Rolle des Cheftrainers gesagt. „Der Jogi“, sagte Schneider, „schwebt über allem.“ Das war 2016 im EM-Mannschaftsquartier Evian, und es beschrieb neben der beruflichen Aufgabe eines „Supervisors“, wie Schneider das nannte, auch wunderbar die leichte Entrücktheit, mit der Löw schon damals seine Mitmenschen beeindruckte.

Auch in diesen Tagen schwebt Löw über allem. Diesmal aber hat es damit zu tun, dass er die Folgen eines Sportunfalls auskuriert, bei dem ihm die Hantel auf den Hals gefallen ist. Er kann deshalb nicht bei der Mannschaft sein, die sich in Venlo auf die EM-Qualifikationsspiele in Weißrussland und gegen Estland vorbereitet hat. Aus der Ferne hat er seine Ansagen aber gemacht. Sie begegnen einem bei jedem öffentlichen Auftritt. „Sechs Punkte sind Pflicht, hat Jogi gesagt“, erklärt DFB-Direktor Oliver Bierhoff. „Wir wollen die Gruppe vorantreiben für uns. Dazu gehören die sechs Punkte“, versichert artig Marcus Sorg, Löws Stellvertreter auf Erden.

Sorg war wie Schneider schon vor drei Jahren an Löws Seite. Er hat allerdings die Nachbearbeitung des WM-Desasters von Russland im vergangenen Jahr im Amt überstanden. Schneider tut nun in der Scouting-Abteilung Dienst.

Dort wird er bestimmt wesentliche Erkenntnisse über die Spielweise der beiden Gegner gewonnen haben. Und es darf als sicher vorausgesetzt werden, dass er sie Löw und Sorg verraten hat. Wahrscheinlich kommen die Fachleute zum gemeinsamen Schluss, dass es zwar keine Kleinen mehr gibt im Weltfußball, die Favoritenrolle aber doch klar vergeben ist. Dazu benötigt man kein Scouting. Ein Blick in die Weltrangliste der Fifa reicht. Weißrussland wird auf Platz 81 geführt, zwischen Sambia und Curacao, Estland auf Rang 96, hinter der Kirgisischen Republik, aber noch vor Jordanien. Der ehemalige Weltmeister Deutschland hat sich nach WM-Aus in der Vorrunde und Abstieg aus der Nations League immerhin wieder auf Rang 13 vorgearbeitet.

Die DFB-Delegation, die am Freitag nach Minsk aufbrach, macht sich deshalb auch keine Mühe, die Kräfteverhältnisse vornehm wegzureden. Stattdessen bemühen die Spieler in ihren Wortbeiträgen vor den nächsten Qualifikationsspielen die Sprache des konzentrierten Berufsfußballers. Nico Schulz, der von Hoffenheim nach Dortmund gewechselte linke Verteidiger, beteuerte für alle: „Wir werden das 100 Prozent ernst nehmen. Wir sind Profis genug, dass wir in guter Verfassung sein werden.“

An der guten Verfassung hat Sorg mit dem Team gearbeitet. Außer den im DFB-Pokalfinale beschäftigten Athleten sind seine Jungs seit drei Wochen nicht mehr im Dienst gewesen. Deswegen sei es nun im Training darauf angekommen, „den inneren Schweinehund zu überwinden“, erklärte Löws Stellvertreter. Für dieses geheimnisvolle Tier haben offenbar selbst die Lehrbücher der Neuzeit keinen modernen Namen finden können.

Das gilt auch für die taktischen Grundzüge des Spiels, mit dem die DFB-Auswahl am Samstag in Weißrussland und am Dienstag in Mainz gegen die Esten zu Werke gehen wird. Marco Reus war so gut, das Wesentliche zu verraten: „Viel Bewegung, aus der Tiefe den Raum finden, ein gutes Positionsspiel an den Tag legen und vor dem Tor eiskalt sein.“ Ansätze bot er selbst beim öffentlichen Training im Stadion von Aachen. Er scheint weder an Form noch an Lust aufs Spiel verloren zu haben. Und der innere Schweinehund wurde im Zusammenhang mit Reus auch kein Thema.

Für Sorg ist der Dortmunder Kapitän eine feste Größe als Teil eines Dreierangriffs mit Serge Gnabry und Leroy Sané. Dieses Trio soll mit Tempo und Positionswechseln die Abwehrreihen durcheinander bringen. Reus wird dabei wie in Dortmund oft aus der zweiten Reihe kommen und durch seine Fähigkeit, mit Läufen Räume zu schaffen, für die notwendige Tiefe im Spiel sorgen. „Marco ist ein Spieler, bei dem man automatisch den Unterschied sieht, wenn er gesund und spielfreudig ist mit seiner Leichtigkeit“, betonte Sorg, „ich denke, er ist auf einem guten Weg.“

Und er zählt mit seinen 30 Jahren zu den erklärten Führungsfiguren. An seiner Seite soll ein Team heranwachsen, das den DFB bereits beim nächsten Turnier, der überall in Europa ausgetragenen EM 2020, wieder zumindest in die Nähe jener Ränge bringt, auf die der viermalige Weltmeister ein natürliches Recht zu haben glaubt. „Unsere Mannschaft wächst, sie muss auch lernen, sich in solchen Spielen zu behaupten“, sagte Manager Bierhoff.

Auf dem Sprung (v.l.): die Nationalspieler Timo Werner, Kai Havertz, Marco Reus und Julian Brandt. Foto: AP/Martin Meissner

Natürlich hat Löw als guter Geist über den Dingen dazu ebenfalls eine Botschaft. „Ich denke, wir werden ein freches, gutes Spiel machen“, lässt er zur Begegnung in Weißrussland übermitteln, „wir wollen uns ja nicht durchmogeln in der Qualifikation.“ Der Auftakt in den Niederlanden war jedenfalls keine Mogelpackung. Das 3:2 macht Hoffnung auf bessere Zeiten. Das war allerdings auch ein Spiel aus der Feinkostabteilung. In Weißrussland und gegen Estland steht eher Schwarzbrot auf dem Speiseplan.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Spieler mit den meisten Einsätzen unter Löw

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