DFB: Thomas Müller - Reaktion auf Ausmusterung von Löw nachvollziehbar

Nach Klartext-Video : Müllers Reaktion ist nachvollziehbar

Mit einem Video im Internet nimmt der Münchner Stellung zu seiner Ausmusterung aus der Nationalelf. Die wesentlichen Aussagen im Check.

Bundestrainer Joachim Löw hat die Weltmeister Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller ausgemustert. Ihre Karriere in der Fußball-Nationalmannschaft ist zu Ende. Müller reagierte in einem Video, das er über seine Sozialen Netzwerke verbreitete. Die wesentlichen Aussagen im Check:

These 1: „Ein Bundestrainer muss sportliche Entscheidungen treffen, absolut, das stelle ich auch überhaupt nicht in Frage.“

Das ist eigentlich eine Binsenweisheit des Fußballgeschäfts. Danach handeln Spieler allerdings nicht immer. Müller ist bis jetzt nicht dadurch aufgefallen, unliebsame Trainerentscheidungen durch Nörgelei, Passivität oder gezielte kritische Untertöne an geeigneter Stelle zu kommentieren. Zumindest nach außen hat er auch bei den Bayern zeitweise Versetzungen in die zweite Reihe mit Humor ertragen – von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen.

These 2: „Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr macht mich die Art und Weise, wie das abgelaufen ist, einfach sauer.“

Das ist nachvollziehbar. Löw hat fast ein dreiviertel Jahr nach der verheerenden Weltmeisterschaft Zeit gehabt, auf die Erkenntnisse aus dem Turnier zu reagieren. Nun lässt er über drei Monate nach dem vergangenen Länderspiel (dem 100. für Müller) verstreichen, reist dann mit seinem Assistenten Marcus Sorg und dem DFB-Direktor Oliver Bierhoff als Dreimann-Tribunal nach München und verkündet seinen Beschluss. Das ist zumindest seltsam.

These 3: „Kein Verständnis habe ich vor allem für diese suggerierte Endgültigkeit der Entscheidung. Mats, Jerome und ich sind immer noch in der Lage, auf Top-Niveau Fußball zu spielen.“

Auch wenn die Bundesliga-Vorrunde und Müllers Formkurve seit der WM 2014 Zweifel daran aufkommen lassen, ob er noch mal sein Top-Niveau erreicht, hat das Münchner Trio zuletzt verbesserte Leistungen geboten. Der Spitzenplatz in der Liga hat auch damit zu tun. Als Löw Sami Khedira, einem weiteren Weltmeister, im Sommer in den Nationalmannschafts-Ruhestand schickte, ließ er wenigstens eine Hintertür auf. Das hätten die Münchner auch verdient gehabt.

These 4: „Wir haben gemeinsam mit dem DFB einen langen, intensiven und meist auch erfolgreichen Weg beschritten in den letzten Jahren. Und wenn – kurz nachdem wir die Entscheidung vom Bundestrainer erfahren – vorgefertigte Statements seitens des DFB und des DFB-Präsidenten an die Presse rausgegeben werden, dann ist das einfach aus meiner Sicht kein guter Stil und hat mit Wertschätzung nichts zu tun.“

Das ist Müllers zentraler Kritikpunkt. Und dem ist in keiner Hinsicht zu widersprechen. Müller, Boateng und Hummels haben wesentliche Beiträge zum Gewinn der Weltmeisterschaft geliefert. Müller ist eine entscheidende Figur auf dem Rückweg der Nationalmannschaft an die Weltspitze. Keiner aus dem Trio hat in seiner Zeit beim DFB goldene Löffel gestohlen. Und vor allem Müller war auf dem Platz und in der Kabine ein Muster an Mannschaftsdienlichkeit. Er muss sich beleidigt fühlen durch eine derart (schlecht) inszenierte Aktion. Sie wird den Verdiensten der Spieler nicht gerecht.

Wer Löw kennt, ist nur verwundert über die Tatsache, wie er alte Weggefährten fallen lässt. Das passt nicht zu seiner bisherigen Amtsführung, die ganz besonders von Wertschätzung und Dankbarkeit für Fußballer geprägt war, die mit ihm den Weg aus dem Tal des Rumpelfußballs an die Spitze gegangen sind. Bastian Schweinsteiger hat er geradezu durchgeschleppt zur EM 2016, Lukas Podolski wurde wegen seiner großen Bedeutung fürs Binnenklima noch berufen, als er längst über seinen Zenit hinaus war. Deshalb zielt Müllers Kritik nicht nur auf Löw, sondern besonders auf dessen Dienstherren, den DFB. Dass Präsident Reinhard Grindel unverzüglich in Jubelstürme über die Konsequenz des Bundestrainers ausbrach, und dass Manager Bierhoff ebenfalls schnell mit beredtem Lob zur Hand war, spricht Bände. Der Verdacht liegt nahe, dass sie Löw zu einer so untypischen Handlung getrieben haben. Auch darüber darf Müller verbittert sein.

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