Müllers Tor reicht nicht Siegesserie des DFB-Teams reißt in den Niederlanden

Amsterdam · Mehr als eine Stunde war es ein gelungener Auftritt der DFB-Elf beim ersten echten Gradmesser in der Ära Flick. Im zweiten Durchgang gerät die deutsche Mannschaft aber gegen den Rivalen unter Druck und wendet mit Glück die erste Niederlage ab.

 Thomas Müller (r) in Aktion gegen den Niederländer Teun Koopmeiners.

Thomas Müller (r) in Aktion gegen den Niederländer Teun Koopmeiners.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Louis van Gaal kann beeindruckend eigenwillig sein. Diesen Eindruck hat er jedenfalls in seiner Zeit als Trainer des FC Bayern München (2009 bis 2011) hinterlassen. Auch ein paar hübsche Episoden über ihn sind haften geblieben, wie etwa seine Einschätzung über sich selbst, er sei ein Feierbiest. Ja, feiern, das können sie, die Niederländer. Das taten sie auch schon vor dem Spiel gegen den inzwischen bewährten Fußballfreund Deutschland. Rings um die imposante Johan-Cruyff-Arena erinnert alles an ein überdimensionales Einkaufszentrum mit ufoartigem Multiplexkino, auch in den vielen Kneipen und auf den Plätzen wummerte am Dienstagabend die Musik, auch „Viva Hollandia“, angelehnt an den kölschen Kracher „Viva Colonia“ von den Höhnern, wurde gespielt. Die Stimmung war außerordentlich gut, was auch daran gelegen haben könnte, dass Masken in Holland wieder aus dem Alltagsleben verbannt sind und sich der Frühling Bahn bricht in Amsterdam.

Die Stimmung hielt auch nach dem Spiel zwischen ihrer Elftal und den deutschen Gästen. Die Fans hatten einen sehr ordentlichen Vortag gesehen – von beiden Teams. Die deutsche Mannschaft zeigte, dass sie auch gegen Topteams mithalten kann. Mindestens. Zwar verpasste Hansi Flick beim 1:1 (1:0) im neunten Spiel den neunten Sieg mit seiner Elf. Doch der Bundestrainer dürfte zufrieden gewesen sein mit einer Vorstellung, aus der das Fazit gezogen werden kann: Härtetest bestanden.

Auch die Laser- und Musikshow in der Arena vor dem Spiel bot Bemerkenswertes auf. Und so ging es in ein Spiel, dass einiges versprach nach der Erfolgsserie der DFB-Elf. Der Bundestrainer änderte seine Aufstellung gegenüber dem 2:0 gegen Israel. Er brachte wie angekündigt Torhüter Manuel Neuer, der am Tag vor dem Spiel 36 Jahre alt wurde, Abwehrspieler Antonio Rüdiger und die Offensivgeister Leroy Sané sowie Thomas Müller. Jenen Müller, den van Gaal damals in München ins Herz geschlossen und als unersetzlich erklärt hatte. Noch heute hält er ihn für den idealen Spieltypen als Zehner. Weichen mussten dafür Torhüter Marc-André ter Stegen, Jonathan Tah, Julian Weigl und Julian Draxler.

Diese Aufstellung kam einer deutschen Turniermannschaft für die WM Ende des Jahres in Katar schon sehr nahe, selbst wenn noch einige Stammkräfte fehlte, wie etwa Joshua Kimmich. Und die Spieler zeigten gleich, dass sie den Überlegungen von Flick eine Rolle spielen wollen, wenn es um die Reise in den Wüstenstaat gehen soll. Vor allem über die linke Seite suchte die DFB-Elf den Korridor zum Ziel. Der Hoffenheimer David Raum nutzte seinen Raum und schaltete sich oft ins Angriffsspiel ein. Die Holländer, mit ihren schnellen Spielern wie Memphis Depay verlegten sich auf schnelle Gegenstöße. Aus der deutschen Kontrolle entwickelten sich erste Annährungsversuche ans vom Freiburger Mark Flekken gehütete Tor der Niederländer. Nach einer feinen Kombination über Raum und Müller setzte Sané den Ball aber aus spitzem Winkel etwas verzärtelt ans Außennetz (12.).

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Foto: dpa/Marcus Brandt

Der Ball lief gut in den deutschen Reihen. Der begnadete Jamal Musiala und Ilkay Gündogan hatten das Zentrum im Griff, vor allem der feine Techniker aus München lieferte überzeugende Arbeit im Maschinenraum. Gegen die defensiv sehr robusten Holländer fand das DFB-Team aber nur selten ein Schlupfloch. Van Gaal hatte eine Abkehr eingeläutet vom 4-3-3-System, das im Nachbarland so alt ist wie das holländische Königshaus selbst, hin zu einem defensiveren 3-4-3, das immer noch von einigem Murren begleitet wird – im Land und von den Spielern.

Doch die Flick-Elf suchte weiter nach der Lücke. Wie Chelsea-Star Kai Havertz, dessen 18-Meter-Schluss Flekken aber sicher parierte (19.). Auch die zuletzt gegen Dänemark überzeugenden Holländer wollten ihren Teil zum Spiel beitragen. Glück hatte die Deutschen im Gegenzug, als der Dortmunder Donyell Malen einen Querpass auf den mitgelaufenen Tyrell Malacia zu ungenau spielte, die deutschen Verteidiger hätten nicht mehr eingreifen können. Nur zwei Minuten später zirkelte Raum eine Flanke in den Strafraum. Der gut getimte Kopfball von Timo Werner landete aber an der Latte. Einem Tor aber wäre ohnehin die Anerkennung verweigert worden, da der Chelsea-Stürmer knapp im Abseits stand.

Richtig stand dann eigentlich Malen, der einen Steilpass von Depay aufnahm, sich aber zu spät zum Torschuss entschloss und vom überzeugenden Rüdiger noch erfolgreich gestört wurde (35.). Das diente als Warnschuss für das Flick-Team, dass sich nun besser auf die Konter der Elftal einstellte. Und nach vorn dann doch die Lücke fand. Ein schneller Angriff über die starke linke Seite, Raum steckte durch auf Werner, der in der Mitte Havertz suchte. Doch der Ex-Leverkusener verpasste den Ball, dafür stand Müller am Elfmeterpunkt sehr richtig und wuchtet den Ball mit links an Flekken vorbei ins Tor – die Führung für die Deutschen, in der Nachspielzeit der ersten Hälfte.

Und als ob es die viertelstündige Unterbrechung gar nicht gegeben hätte, ging es nach der Pause unverdrossen weiter. Bei den Gästen, die dem 2:0 sehr nahekamen. Doch Raum, der ansonsten einen starken Vortrag bot, wählte den Torschuss anstatt den Pass auf den mitgelaufenen Werner (47.). Und die deutsche Elf wählte weiterhin das druckvolle Spiel, stand auch in der Defensive lange sehr sicher. Was mit einem Höchstmaß an Einsatz verbunden war. So legte Raum einen starken Sprint im Rückwärtsgang hin und verhinderte so ein niederländisches Durchbrechen.

Doch die Gastgeber sahen, dass sich wieder Räume ergaben gegen druckvolle Gäste. Dennoch fiel der Ausgleich aus einer Situation, die sich gut mit aus heiterem Himmel umschreiben lässt. Eine Kopfballvorlage von Denzel Dumfries nutzte Steven Bergwijn ohne zu zögern (68.). Die Deutschen mussten sich schütteln. Und wenig später gab es eine dreiminütige Unterbrechung, ehe Schiedsrichter Pawson seine Entscheidung auf Elfmeter für Holland aufgrund des Videobeweises zurücknahm. Thilo Kehrer hatte wohl zuerst den Ball gespielt. Das Spiel änderte nun die Tonfarbe. Holland kam, Deutschland verteidigte - und hatte zehn Minuten vor Schluss Glück, dass es bei einer Doppelchance der Holländer beim Unentschieden blieb. Die aber dann auch das Glück für sich in Anspruch nahmen. Doch Debütant Lukas Nmecha vergab die letzte Chance des Spiels (88.).