DFB-Team: Kommentar zum Aus für Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng

DFB-Aus für Müller, Hummels und Boateng : Jetzt muss Löw endlich Konzepte für die Zukunft liefern

Mit der Ausbootung von Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng will Joachim Löw ein neues Kapitel in der Nationalmannschaft aufschlagen. Ein überzeugendes Zukunftskonzept hat er aber noch nicht vorgelegt.

Joachim Löw ist schwer zu durchschauen. Für jemanden, der einem Job wie dem des Bundestrainers in einem Land wie Deutschland nachgeht, scheint er mit vergleichsweise wenig Sendungsbewusstsein ausgestattet zu sein. Mit unerschütterlicher Freundlichkeit, selten verbindlich, aber niemals unbeherrscht, tritt er der Öffentlichkeit nun seit bald zwölf Jahren als etwas kauziger „Bundes-Jogi“ gegenüber. An diesem Dienstag brach er endgültig mit dem Image des netten Herrn Löw.

Mit Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng hat der Bundestrainer ziemlich unvermittelt drei Eckpfeiler aus dem Gebilde der Nationalmannschaft geschlagen. Mehr noch als der Zeitpunkt überrascht der Stil. Allzu häufig musste sich Löw den Vorwurf der Nibelungentreue gefallen lassen. Altgediente wie Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger oder zuletzt Mario Gomez wurden scheinbar ungeachtet ihrer aktuellen Darbietungen im Verein in die DFB-Auswahl berufen. „Löw missachtet das Leistungsprinzip!“ Dieser Anklage war nach dem WM-Aus in Russland oft zu hören. Den Rufen nach Erneuerung tut Löw nun zweifellos Genüge.

Die Rosskur, die er der Nationalmannschaft mit diesem Einschnitt angedeihen lassen will, ist überfällig, überrascht aber in mehrerer Hinsicht. Warum kam Löw in seiner großspurig angekündigten und dann doch recht dünnen Analyse im August nicht bereits zu der Erkenntnis, dass Müller, Hummels und Boateng nicht mehr als Gesichter eines Neubeginns taugen? Was hat sich in der Zwischenzeit geändert?

Die Symbolkraft dieses Schnitts ist offensichtlich wichtiger als die sportliche Entscheidung, die ihm zugrunde liegt. Alle drei Spieler sind zweifellos noch immer qualifiziert, um in der Nationalmannschaft zu spielen, das betont auch der Bundestrainer in seiner Erklärung. Aber nur wenige werden einen möglichen Misserfolg bei der EM 2020 mit dem Fehlen von drei dann allesamt Ü30-Kickern begründen. Löw geht also ein überschaubares Risiko ein.

Bemängeln darf man freilich den Stil seiner Entscheidung. Während Poldolski oder Schweinsteiger mit tränenreichen Abschiedsspielen aufs Altenteil verabschiedet wurden, bekamen Müller, Hummels und Boateng nun vorerst nicht einmal die Möglichkeit, selbst den Schritt in die Öffentlichkeit zu gehen. Drei Weltmeistern, vor wenigen Jahren noch Herzstück der Mannschaft, hätte ein würdigerer Abgang zugestanden. Fraglich ist ohnehin, ob nicht auch ein sanfterer Übergang hätte gefunden werden können. Offenbar will Löw aber mit alten Hierarchien brechen. In die Lücken, die dadurch entstehen, sollen Spieler der nächsten Generation stoßen. Dabei tut sich jedoch ein ganz entscheidendes Problem auf: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Verbände wie England oder Frankreich den DFB in ihrer Nachwuchsarbeit deutlich überholt haben. Top-Talente wie Kai Havertz, Julian Brandt oder Leroy Sané mögen das in der Offensive noch kaschieren. In der Innenverteidigung hat Löw aber schon jetzt nur wenige Alternativen gehobener internationaler Klasse zur Verfügung.

Müller, Hummels und Boateng waren Gesicht und Stimme des DFB-Teams, Spieler von Weltklasse-Format. Löw hat mit unmissverständlicher Härte klargemacht, dass sie ab heute Teil der Vergangenheit sind. Wie eine vielversprechende Zukunft aussehen kann, hat er bis jetzt noch nicht erkennen lassen.

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