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DFB: Rassismus bei Länderspiel - Journalist bedroht

Interview mit Augenzeugen : „Drei haben gegrölt – und 500 geschwiegen“

Der Journalist André Voigt wehrte sich gegen rassistische Ausfälle einiger deutscher „Fans“ beim Länderspiel und machte den Vorfall öffentlich. Seither wird seine Familie bedroht. Im Interview spricht Voigt über die Situation.

Das Wolfsburger Stadion war am Mittwochabend ausverkauft, 26.000 Zuschauer verfolgten das 1:1 der DFB-Elf gegen Serbien. Doch unter den deutschen Fans waren offenbar auch einige, die die eigenen Spieler rassistisch beschimpften. Die Wolfsburger Polizei ermittelt.

Der Sportjournalist André Voigt, der das Spiel auf der Gegentribüne privat in Begleitung seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter besuchte, beobachtete die Ausfälle, schritt ein – und bekam viel Lob für sein emotionales Video zum Thema. Clemens Boisserée sprach mit dem Wolfsburger.

Herr Voigt, was haben Sie am Mittwochabend erlebt?

André Voigt Die besoffenen Jungs hinter mir auf der Gegengerade hatten die gesamte erste Halbzeit über schon nur Mist gegrölt. Bundestrainer Jogi Löw und auch manche Spieler seien „Schwuchteln“, solche Sachen. Die waren Ende 20, Anfang 30 und sich keiner Schuld bewusst, erzählten auch viel, über ihre Arbeit zum Beispiel. Als in der zweiten Halbzeit dann die Ausdrücke „Bimbo“ und „Neger“ fielen, habe ich mich umgedreht und gefragt, was der Scheiß soll.

Hat das nicht viel Überwindung gekostet? Sie hatten ja immerhin Ihre Frau und Ihre kleine Tochter dabei...

Voigt Man macht da schon so eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung auf, ja. Aber ich bin auch nicht direkt beim ersten Mal aufgestanden, als das „N-Wort“ fiel, sondern vielleicht beim vierten oder fünften.

Wie haben die Pöbler reagiert?

Voigt Zunächst gab es eine gefühlt zehnminütige Diskussion nach dem Motto: Das seien doch gar keine Schimpfwörter. O-Ton: „Wie soll man die denn sonst nennen?“ Nicht mal mehr Zigeunerschnitzel dürfe man noch sagen. Ich war für die Typen schnell ein Antifa-Mitglied, das bestimmt auch Autos anzündet, blablabla. Ich habe gemerkt, die Diskussion führt zu nichts und mich wieder umgedreht. Aber danach ging es erst richtig los. Immer wieder die eben genannten Ausdrücke, dann auch: „Lauf, du Jude!“ und „Deutschland braucht mal wieder einen kleinen Österreicher.“ Mir warfen sie vor, ich sei dafür, dass „unsere Frauen vergewaltigt“ würden. Und sie stimmten ein Lied an über untergehende Flüchtlingsboote.

Was haben Sie dazu gesagt?

Voigt Was soll man dazu noch sagen? Man dringt ja nicht durch. Erst später ist mir bewusst geworden, dass es außer mir aber überhaupt niemand versucht hat. Ein anderer Mann hat ihnen zugerufen, sie sollten die Klappe halten – aber da ging es nicht um die Inhalte, sondern nur um Lautstärke, um zu große Ablenkung vom Spiel.

Hätten Sie sich keine Unterstützung holen können?

Voigt Wir saßen mitten im Block. Wäre ich alleine gewesen, hätte ich vielleicht versucht zu gehen und mit einem Ordner wiederzukommen. In einem anderen Stadion habe ich mal gesehen, dass man Ordner per Whatsapp rufen kann, sobald Ärger droht. Das wäre perfekt gewesen.

Sie haben Ihre Erfahrungen nach dem Spiel noch am Abend in einem Video öffentlich gemacht, das mittlerweile fast 200.000 Mal angesehen wurde. Was war das Ziel dieses Videos?

Voigt Ich wollte mir diesen Vorfall einfach von der Seele reden. Das Video ist auch ein paar Mal geteilt worden, es gab ein wenig Feedback. Aber seit heute morgen ist die Hölle los. Und das ist eigentlich ganz schön bitter.

Was meinen Sie?

Voigt Es ist doch Wahnsinn, dass das so viele Leute feiern. Dass das so etwas Besonderes ist, wenn man in einer so grundsätzlichen Frage Stellung bezieht.

Was ist denn passiert?

Voigt Eine der ersten Mails heute morgen kam vom DFB - mit der Bitte, zur Aufklärung beizutragen. Ich habe denen die Sitzplatznummern der Typen geschickt. Mal schauen, was daraus wird. Manche haben Unverständnis geäußert nach dem Motto „Politik gehört nicht ins Stadion!“ Aber hier geht es nicht um Politik, darum, ob man für oder gegen irgendein Gesetz ist. Und auch nicht nur um einen dummen, angeblich witzigen Spruch, wie ihn jeder schon tausendmal gehört hat, der ins Stadion geht. Sondern um massiven Rassismus.

Sie beklagen die fehlende Unterstützung der Fans um Sie herum. An dieser Stelle kamen Ihnen im Video die Tränen. Vor Wut oder vor Enttäuschung?

Voigt Mich hat eine Mischung aus Wut und Ohnmacht übermannt. Da saßen drei Idioten, denen man nicht ansah, was sie für ein Zeug brüllen würden. Und 500 Leute drumherum, die nicht den ersten Schritt hätten gehen, sondern sich einfach nur hinter mich stellen müssen. In dem Moment habe ich mich ehrlich gesagt gefragt, in was für einer Welt meine Tochter aufwachsen wird.

Prominente wie Jan Böhmermann und Dunja Hayali haben Sie via Twitter für Ihr Engagement gelobt. Tröstet das?

Voigt Ja und Nein. Mir haben auch Kollegen geschrieben, Frank Young vom Podcast „Halbe Katoffl“ oder Philipp Awounou, der selbst schon Opfer eines rassistischen Shitstorms wurde. Aber das Erlebnis wirkt nach: Die Spaltung der Gesellschaft ist real, auch wenn man sie offline meist nicht erlebt. Viele Leute sind mit Argumenten offensichtlich nicht mehr zu erreichen.

Es gab nicht nur positive Reaktionen. Wie reagieren Sie auf Hass- und Droh-Nachrichten?

Voigt Etwas Angst ist da schon. Noch so viele Retweets helfen dir nicht, falls Nazis vor deiner Haustür stehen. Diese Angst mag unbegründet sein, irrational, aber die hast du, wenn du Familie hast. Aber so ist das, jetzt werde ich wohl ein paar Tage lang den Kopf hinhalten müssen. Die Droh-Mails habe ich einfach gelöscht, die Absender blockiert. Ich habe keine Energie und auch keine Lust, jedem „Keyboard Hero“, jedem Troll, hinterherzurennen. Aber wenn die drei Jungs Stadionverbot bekommen, wäre das schon cool. Ich zeige bestimmt niemandem die schlimmsten Mails, und ich werde auch nicht in den Kommentarbereich bei Focus Online und anderen gucken. Aber dort bekommt man vermutlich ein recht aussagekräftiges Bild.