Rettig wird Bierhoffs Nachfolger Der DFB trifft die cleverste Entscheidung seit Jahren

Meinung | Düsseldorf · Andreas Rettig wird der neue Oliver Bierhoff. Eine überraschende Entscheidung des DFB – und eine brillante. Mit der Personalie kann der Verband fast nichts falsch machen.

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Foto: dpa, mbk jhe soe hak

So schnell kann das gehen. Vor genau einer Woche erschien eine Dokumentation über den DFB, die das so schmerzhaft absehbare Scheitern der Nationalmannschaft bei der WM in Katar bis in die letzte Taktlosigkeit ausleuchtete. Wie einer Brückensprengung in Superzeitlupe konnten es hier alle schon vorher besser wissen und genussvoll nachvollziehen, wie ein Team langsam zerbröselt.

Hansi Flick ging aus der Vorstellung keineswegs als Alleinschuldiger hervor. Auch wenn der DFB am Ende keinen Einfluss mehr auf den exakten Erscheinungstermin hatte, zeugte er doch irgendwie davon, dass dem Verband jedes Timing und Momentum entglitten war. Wie bestellt folgte eine 1:4-Packung gegen – na klar – schon wieder Japan. Als dann auch noch Rudi Völler gegen Frankreich auf der Bank Platz nahm, war Schadenfreude für viele der letzte verbliebene Einschaltimpuls beim Spiel gegen Frankreich. Die wenigen, die zu diesem Zeitpunkt noch gesteigerten Wert auf das Wohlergehen dieser Mannschaft legten, waren noch etwa eine unverständliche Aufstellung weit davon entfernt, die Polizei zu rufen.

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Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Doch statt des drohenden Desasters kam gänzlich anderes zur Aufführung: Eine Zauberkombination nach wenigen Minuten, die im 1:0 mündete und ein überzeugender Sieg gegen Frankreich. Plötzlich schien Volkes Stimme den doch eigentlich als aus der Zeit gefallen abgestempelten Rudi wieder unterzuhaken und auf die Trainerbank zu führen. Scheinbar über Nacht ist die DFB-Welt eine seltsam andere.

Nur eine Woche nach der wenig segensreichen Doku veröffentlicht der Verband nun seinerseits eine Mitteilung, die die Dinge vollends auf den Kopf stellt: Andreas Rettig wird Nachfolger von Oliver Bierhoff als Geschäftsführer Sport. Richtig, genau der Andreas Rettig. Dauernörgler, Fanversteher, populistischer Moralapostel, ein ewiger Quälgeist, der keine Talkshow-Einladung ausschlug, um den Mächtigen im Fußball zielsicher auf die Nerven zu gehen. Die WM in Katar wollte er nach eigenem Bekunden boykottieren und in Kölner Kneipen Gegenprogramme unterstützen. Rettig hält ungefragt Referate über die Verheerungen der Kommerzialisierung und von Investoren im Fußball. Er war Geschäftsführer beim FC St. Pauli und schien seiner ideologischen Heimat in seiner Laufbahn niemals nähergekommen zu sein als dort. Dieser Andreas Rettig soll nun die neue Galionsfigur beim DFB werden. Als Nachfolger von Oliver Bierhoff, dem smarten Vermarkter, der immer ein wenig zu sehr auf seinen stets etwas zu tadellosen Auftritt bedacht war, aber irgendwann unwiederbringlich jenes Gespür verloren hatte, das ihn 2014 zu einem der Architekten des WM-Titels machte.

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Foto: dpa/Federico Gambarini

Der DFB signalisiert damit einen Cut. Rettig ist der konsequente Gegenentwurf zu allem, was die Nationalmannschaft in ihren besten Momenten in diesem Jahrtausend ausmachte, sie zuletzt aber immer weiter von den Fans entfernte. Dass der DFB einen der lautesten Zwischenrufer nun einfach auf die Bühne bittet, ist brillant. Vor der EM im kommenden Sommer werden so plötzlich alle zur Schicksalsgemeinschaft – auch die, die gestern noch lustvoll lästerten. Viele Kritiker werden in den kommenden Monaten bis zum Juni mit dem Verweis auf den volksnahen Rettig einfach stummgeschaltet.

Man sollte die Personalie aber auch nicht als reine Folklore missverstehen. Dass Rettig nicht nur über viel Meinung, sondern auch ausreichend Ahnung verfügt, belegte der 60-Jährige nicht zuletzt durch seine Station als Geschäftsführer der DFL. Ein Unternehmen, das dem Vernehmen nach nicht gänzlich immun gegenüber kommerziellen Interessen ist. Vor allem aber beweist der DFB, dass er sein Fingerspitzengefühl noch nicht verloren hat. Eine gute Nachricht für alle, die der Nationalmannschaft noch immer am liebsten die Daumen drücken möchten.