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DFB-Akademie: Das Silicon Valley des Fußballs

Neue DFB-Akademie in Frankfurt : Das Silicon Valley des Fußballs

Der Deutsche Fußball-Bund bündelt Verwaltung, Ausbildung und Forschungszentrum. 2020 bezieht er auf dem Gelände der Frankfurter Galopprennbahn seine Akademie. Gut 150 Millionen Euro kostet der Spaß.

Braucht Oliver Bierhoff medizinischen Beistand? Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt würde das unbedingt befürworten. Zu Zeiten, als ihn die Bonner Republik wegen seiner Auskunftsfreudigkeit im Parlament mit dem Ehrennamen „Schmidt Schnauze“ bedachte, antwortete er auf die Frage nach seinen Visionen: „Wenn Sie Visionen haben, dann müssen Sie zum Arzt.“ Oliver Bierhoff, der Direktor für den Spitzensport im Deutschen Fußball-Bund, hat zweifellos Visionen. Er hat sie sogar dargelegt – in den Grundsätzen seines großen Projekts einer DFB-Akademie. Unter dem Schlagwort „Vision“ erklärt der Verband auf seiner Internetseite: „Unser Ziel ist es, den deutschen Fußball weiterzuentwickeln und seine Akademie als Gütesiegel in der Welt zu etablieren. Mit dem kompetentesten Team, der besten Infrastruktur, modernster Technologie und Wissenschaft prägen wir den Erfolg unserer Spieler.“ Es fehlt nur noch, dass Joachim Löws badischer Superlativ von der „högschden Konzentration“ Eingang in diese Sammlung sprachlicher Bestleistungen findet. Das kann ja noch kommen.

Die Akademie kommt auch. Das ist inzwischen sicher, nachdem es ein langes Gezerre um den Bauplatz auf dem Gelände der Frankfurter Galopprennbahn gegeben hat. Auch weil letzten Endes das Frankfurter Oberlandesgericht zu einer Entscheidung genötigt wurde, musste der Baubeginn mehrmals verschoben werden. DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius ist überzeugt davon, dass der sogenannte erste Spatenstich noch in diesem Sommer gesetzt werden kann und der Umzug 2020 stattfindet. 150 Millionen Euro wird der Verband für seine neue Heimat ausgeben.

Der mit gut sieben Millionen Mitgliedern größte Sportverband der Welt will im Frankfurter Ortsteil Niederrad Verwaltung, Ausbildung, Forschung und Steuerung seiner Nationalmannschaften zusammenbringen. Und das Wortgeklingel war schon beim Beschluss beeindruckend. „Durch dieses Jahrhundertprojekt ergeben sich Chancen für die Entwicklung des deutschen Fußballs, die wir mit aller Entschlossenheit und Überzeugung nutzen wollen. In der DFB-Akademie soll alles unter einem Dach gebündelt werden, von der Eliteförderung bis hin zum Service für unsere Regional- und Landesverbände. Wir wollen hier den DFB der Zukunft bauen“, sagte der damalige Verbandspräsident Wolfgang Niersbach im Frühjahr 2014. Das mit dem Jahrhundertprojekt sagt auch sein Nachfolger Reinhard Grindel gern.

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Oliver Bierhoff, der geistige Vater dieses Projekts, preist die Akademie wahlweise als „Harvard“ oder „Silicon Valley“ des deutschen Fußballs – als Zentrum des Wissens und der Entwicklung, um das der DFB künftig beneidet werden müsse. Zurzeit beneidet der DFB vor allem mal andere Fußballentwürfe, die bei der Weltmeisterschaft in Russland bemerkenswert größere Erfolge feierten als der deutsche mit einer vergleichsweise lustlos daherkickenden Truppe.

Russland war auf höchster Ebene Ausdruck einer Entwicklung, auf die selbst im DFB schon sorgenvoll hingewiesen wurde. Stefan Kuntz, immerhin Trainer des U-21-Teams, das vor einem Jahr noch Europameister wurde, erklärte während der WM im Gespräch mit unserer Redaktion: „Derzeit überholen uns andere Nationen. Sie sind uns gegenüber in vielen Bereichen schneller, dynamischer und genauer – haben ihr System weiterentwickelt, angepasst und setzen diese Veränderung auch um.“

Vorreiter auf dem Juniorenmarkt sind die Engländer. Sie haben sich mit dem deutschen Modell der Jahrtausendwende befasst, als die Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten maßgeblich dazu beitrugen, das tiefe Tal des Rumpelfußballs hinter sich zu lassen. Und sie haben 2012 ihre eigene Akademie, den „St. George’s Park“, in den Midlands eröffnet. Erste Erfolge: Weltmeistertitel der U 17 und U 20, die Europameisterschaft der U 19 und nicht zuletzt der vierte Platz einer jungen A-Mannschaft in Russland.

Deshalb hat der Plan des DFB sicher seine Berechtigung – auch über das moderne Fußballmanager-Sprech von „Think Tank“ und „Innovation Network“, „Big Data“, „Trainer-Mentoring“ und „Machine Learning“ hinaus, von dem Bierhoff in seiner Begeisterung für das Projekt zuverlässig bei jeder Gelegenheit überquillt. Es war allerdings ein schon fast prophetischer Satz, als er vor dem WM-Turnier in der Werkszeitung des DFB-Sponsors Mercedes das wissenschaftliche Begleitpaket des Fußballs der Neuzeit so beschrieb: „Das ist schon überwältigend, weil ja auch niemand genau weiß, wohin die Reise geht. Für uns als Verband ist das eine unglaubliche Chance. Und auch eine Verpflichtung, weil ich die Sorge hätte, dass wir, wenn wir diese Schritte nicht gehen, stehenbleiben und damit zurückfallen.“

So wird der erkennbare Rückfall durch das WM-Ergebnis ein weiteres Argument für die Akademie. „Wir wollen Neues wagen, mutig sein“, beteuerte Bierhoff, „und einen Wettbewerbsvorteil haben, indem wir die neuesten technologischen Entwicklungen nutzen.“ Bei aller Begeisterung für Computer-Programme und elektronisch gestütztes Coaching aber hat ihm gerade die WM gezeigt, „dass der Mensch immer noch entscheidend ist“. Dem menschlichen Faktor gilt schließlich der Grundsatz des DFB-Akademie-Programms, den Bierhoff und sein Stab „Mission“ nennen. Die Mission des Verbands sei es, „jeden Tag Maßstäbe für die Entwicklung des Spitzenfußballs zu setzen, um die Akteure mit Leidenschaft an die Weltspitze zu führen“. Mit Leidenschaft. Genau die hat dem DFB-Team in Russland gefehlt. So einfach kann das manchmal sein.