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Deutschland löst EM-Ticket - Bundestrainer Joachim Löw lobt Matthias Ginter

Löw preist Zuverlässigkeit des Abwehrspielers : „Bei Matthias Ginter weiß man, woran man ist“

Deutschland schlägt Weißrussland und löst somit das Ticket für die EM 2020. Beim 4:0 überzeugen Neuer, Kroos und Ginter. Das Trio spielt eine „große Rolle“ in den Planungen von Bundestrainer Joachim Löw .

Es ist zehn Uhr, eine Stunde ist gespielt. Da schaltet das Publikum im Mönchengladbacher Borussia-Park in den Party-Modus. Es lässt die Begeisterungswelle über die mit 33.000 Zuschauern übersichtlich besetzten Ränge laufen, und irgendwo stimmt jemand ganz zaghaft den alten Schlager „Oh, wie ist das schön“ an. Es steht 3:0 für die deutsche Nationalmannschaft in ihrem Spiel gegen Weißrussland, und die Feier wird nur sehr kurz durch einen Foulelfmeter für die Gäste unterbrochen. Torwart Manuel Neuer pariert den Strafstoß von Igor Stasevich, und die Party geht erst recht weiter, als Toni Kroos mit seinem zweiten Treffer an diesem kühlen Abend den Endstand zum 4:0 herstellt.

Es ist der erwartete Pflichtsieg gegen einen allenfalls zweitklassigen Gegner, und er besiegelt die vorzeitige Qualifikation für die Europameisterschaft im nächsten Jahr. Dafür sorgt zeitgleich Nordirland durch ein torloses Unentschieden gegen die Niederlande in Belfast. „Das zeigt, dass unser 2:0 in Nordirland doch etwas wert war“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Seine Elf kann im letzten Gruppenspiel gegen die Nordiren am Dienstag in Frankfurt die Qualifikation als Tabellenerster beenden. Davon hat nach dem 2:4 gegen die Niederlande Anfang September in Hamburg keiner geträumt.

Entsprechend aufgeräumt ist Löw in Mönchengladbach. „Die Mannschaft hat Charakter und eine sehr gute Spielfreude gezeigt“, sagt er, „das war sehr zufriedenstellend.“ Das sieht sein Schlüsselspieler Kroos auch so. Er findet: „Wir sind auf einem ordentlichen Weg.“ Zu euphorischen Jubelchören gibt es für den gebürtigen Mecklenburger trotz der Wahlheimat Köln keinen Anlass. „Wir haben viele Spieler mit hoher Qualität“, erklärt der Mittelfeldspieler, „aber man merkt, dass manchmal noch Erfahrung fehlt.“ Wie weit das Team wirklich sei, werde man „kurz vor der Europameisterschaft sehen“, sagt Kroos.

In Mönchengladbach unterstreicht er nicht nur mit seinen beiden Toren, sondern mit Spielfreude und dem offenkundigen Organisationstalent, dass er eine der wesentlichen Positionen einnimmt. Nach einem schwächeren Jahr bei Real Madrid ist er im Herbst 2019 wieder der Spieler, den Löw im zentralen Mittelfeld unbedingt benötigt. „Sie spielen in meinen Planungen eine große Rolle“, sagt Löw über seine drei verbliebenen Weltmeister, von denen Kroos und Neuer 2014 auf dem Platz standen, während Matthias Ginter als Lehrling mit nach Brasilien gefahren war und ohne Einsatz blieb.

Ginter hat wahrscheinlich den größten Schritt gemacht. In seinem Heimstadion schafft er im 29. Länderspiel sein erstes Tor, und er ist als Vorbereiter an zwei weiteren maßgeblich beteiligt. „Darüber bin ich sehr froh“, versichert er. Löw preist seine Zuverlässigkeit. „Bei Matthias Ginter weiß man, woran man ist. Er ist zuverlässig, hat sich defensiv verbessert, verfügt über eine gewisse Ruhe und hat keine großen Schwankungen.“ Ein reifer Abwehrspieler also.

Löw braucht zuverlässige Eckpfeiler in der Deckung, denn da sind ihm in jüngerer Vergangenheit die Variationsmöglichkeiten ausgegangen. Niklas Süle hat sich das Kreuzband gerissen, niemand weiß, ob er zur EM wieder im Vollbesitz seiner Kräfte sein wird. Antonio Rüdiger kann wie Thilo Kehrer erst im nächsten Frühjahr zu den beiden letzten Testspielen wieder ins Aufgebot zurückkehren. Emre Can, der gegen Weißrussland gesperrt fehlt, bekommt vielleicht am Dienstag in Frankfurt eine Chance. Löw kündigt jedenfalls „einige Wechsel“ an. Davon könnten auch die Verteidiger Jonathan Tah und Niklas Stark profitieren. Möglich, dass die neue Führungsfigur Ginter dann eine Pause bekommt.

Er hat seine Eignung fürs Turnier nach Löws Ansicht schon nachgewiesen. Nicht alle sind so weit. Das räumt Leon Goretzka ein. „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen“, urteilt Bayern Münchens Mittelfeldspieler, der sich in Gladbach nach längerer Verletzungspause mit einem Tor zurückmeldet. Er ist allerdings ganz sicher, „dass wir jede Gelegenheit zum nächsten Entwicklungsschritt nützen“. Auch das Spiel gegen Nordirland gehört in diesen Prozess.

Das wird auf jeden Fall körperlich eine andere Herausforderung als die Begegnung mit Weißrussland. Die Nordiren werden mit größerer Wucht arbeiten als der deutsche Gegner in Mönchengladbach. Das wird nicht nur die Abwehr mehr fordern, sondern auch die Angreifer Timo Werner, Serge Gnabry, Luca Waldschmidt und Julian Brandt, die gegen Weißrussland allesamt leer ausgingen.

Sie sind nicht die einzigen EM-Kandidaten, die sich in den nächsten Monaten empfehlen können. Löw hofft auf einige Rückkehrer aus dem Krankenstand, und er findet: „Wir haben durch die vielen Verletzungen in diesem Jahr unsere Möglichkeiten doch ziemlich ausgeschöpft.“ Netter Nebeneffekt: Löw hat ein paar Kandidaten mehr ins kalte Wasser werfen können - den Freiburger Verteidiger Robin Koch zum Beispiel, der Anfang Oktober noch nicht wusste, dass er die nächsten beiden Länderspiele nicht vor dem Fernseher, sondern auf dem Platz verbringen würde.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Deutschland - Weißrussland: die Bilder des Spiels

(pet)