Bundestrainer Joachim Löw ist jetzt in der Pflicht: Ende der Entspanntheit

Nach WM-Aufarbeitung: Löw muss jetzt liefern

Joachim Löw hat das Abschneiden der deutschen Elf bei der WM in Russland analysiert. Dazu hatte ihn DFB-Präsident Reinhard Grindel aufgefordert. Nun ist der Bundestrainer in der Pflicht.

Wichtige Menschen benützen gern das Wörtchen „Wir“, wenn sie sich selbst meinen. Könige zum Beispiel. Oder DFB-Präsident Reinhard Grindel. In seiner Erklärung zur Lage der Fußball-Nation, am Donnerstag abgegeben, weil der Fall Özil dazu drängte, findet sich auch die Forderung zur Aufarbeitung des WM-Desasters. Wörtlich: „Als Konsequenz aus dem enttäuschenden WM-Verlauf muss es eine fundierte sportliche Analyse geben, aus der die richtigen Schlüsse gezogen werden, um wieder begeisternden, erfolgreichen Fußball zu spielen. Das ist Aufgabe der sportlichen Leitung, der“ (Achtung) „wir dafür die notwendige Zeit gegeben haben.“ Das ist nett.

Im vorauseilenden Gehorsam hat sich die sportliche Leitung bereits vor der Regierungserklärung des DFB-Präsidenten in der Frankfurter Verbandszentrale versammelt und an mehreren Tagen eine umfassende Analyse erarbeitet. Beteiligt war Löws Trainerteam, also seine Assistenten Marcus Sorg, Thomas Schneider und Andreas Köpke, und der Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff. Löw und Bierhoff stellten die Ergebnisse dem DFB-Präsidium schon vor. Dem Vernehmen nach wurde dazu beifällig genickt.

Der Öffentlichkeit sollen die Erkenntnisse erst in einem Monat unterbreitet werden. Ursprünglich sollte Löw am Rande des Bundesliga-Auftakts (24. August, Bayern - Hoffenheim) auf die Bühne klettern. Um aber das erste Liga-Spiel nicht mit DFB-Krisenbewältigung zu belasten, verschob das Präsidium den Termin um vier Tage nach hinten. Auch das ist wieder sehr nett. Wiederum einen Tag darauf wird der Coach sein Aufgebot für die beiden ersten Spiele nach der WM bekannt geben. Am 6. September spielen die Deutschen im neuen Nations Cup in München gegen Frankreich, am 9. September bestreiten sie in Sinsheim ein Testspiel gegen Peru. Der vielbeschworene sportliche Neuanfang ist also zumindest datiert.

Bei der Suche nach den Gründen für das schmähliche sportliche Scheitern des Weltmeisters beim Turnier in Russland werden sich Löw und seine Strategen vermutlich nicht mal sehr lange aufgehalten haben. Die „umfassende Aufklärung“, die der Bundestrainer in einem Interview mit den Kollegen der DFB-eigenen Internetseite in Aussicht stellte, ist in großen Teilen in den ersten Wochen nach dem Ausscheiden geführt worden. Dem deutschen Team mangelte es in Russland an Fitness, an Willen, an Einstellung, an Zusammenhalt und an Tempo. An diesem Befund zehn Minuten nach dem Abpfiff der Begegnung mit Südkorea (0:2) hat sich nichts geändert. Und viel mehr Vorwürfe können einer Mannschaft und ihrer Führung nicht gemacht werden. Immerhin passten die Trikots.

Es ist daher lediglich ein Ausdruck fehlender Alternative, dass Löw vom Präsidium wenige Tage nach der Heimreise aus Russland mit dem Neuaufbau beauftragt wurde – nach einer Telefonkonferenz, die Grindel anberaumt hatte. Ihm ist nicht nur die schnelle Entscheidung zu verdanken, sondern auch die Tatsache, dass der DFB eigentlich gar nicht anders konnte. Denn der Präsident betrieb nahezu im Alleingang die vorzeitige Vertragsverlängerung Löws. Vor dem WM-Turnier verlängerte sich der Kontrakt des Bundestrainers mit dem Verband bis 2022, der alte Vertrag galt bis 2020. Grindels Begründung im Mai 2018: Wenn Löw in Russland Erfolg habe, werde er bei den Spitzenvereinen auf dem Globus der begehrteste Trainer. Da müsse ihn der Verband frühzeitig binden. Unterschlagen wurden die Unwägbarkeiten des Sports und die Tatsache, dass Löw seit 14 Jahren kein gesteigertes Interesse an der Arbeit mit Topklubs an den Tag gelegt hat.

Trotz der krachenden Pleite von Russland gilt Löw auch bei den meisten Wortführern des deutschen Fußballs als geeigneter Moderator des Neuanfangs. Im nämlichen Gespräch mit den Internet-Mitarbeitern des DFB hat Löw ebenso wie vor dem Präsidium den entschlossenen Jogi gegeben. „Es muss uns wieder gelingen, dass man unseren Spielern die Freude, den Spaß, die Leidenschaft, für Deutschland zu spielen, anmerkt“, sagt er auf der DFB-Seite. Und es sei seine „Aufgabe als Trainer, dieses Feuer, diese Begeisterung, diese Hingabe, die Emotionen, den Stolz wieder zu wecken“. Wahrscheinlich hat er dabei die Stimme gehoben und sehr ernst dreingeschaut. Die Zeit demonstrativer Entspannung ist dahin.

Für neue Begeisterung, das weiß Löw natürlich, wird er nur sorgen können, wenn es personelle Veränderungen gibt. Mesut Özils Management hat ihm eine bereits diktiert, der Mittelfeldspieler erklärte seinen Abschied in der dreiteiligen Abrechnungs-Serie, die offenkundig seine Berater geschrieben haben. Er wird nicht der einzige langjährige Vertraute sein, auf den Löw künftig verzichtet. Das kündigt der Bundestrainer jedenfalls deutlich an. „Ich werde viele persönliche Gespräche führen, das gehört zu einem respektvollen Umgang“, sagt er. Es ist kein Geheimnis, dass eines dieser Gespräche mit dem sichtlich in die Jahre gekommenen Sami Khedira geführt wird. Es bleibt aber ganz sicher nicht das einzige. Und jene, die schon ihrer Jugend wegen mit viel mehr Begeisterung an ihre Arbeit gehen werden als die offenkundig ein bisschen amtsmüden Weltmeister von 2014, die Brandts, Sanés, Gnabrys, scharren vernehmlich mit den Hufen.

Auch auf die Kritik an den erstaunlichen Fehleinschätzungen der Scouting- und Analystenabteilung wird Löw tatkräftig reagieren müssen. Da wird es ein paar enge Vertraute treffen, mit großer Wahscheinlichkeit den Chefscout Urs Siegenthaler.

An einer neuen Begeisterung des Publikums für die Nationalmannschaft kann Löw nur mittelbar arbeiten, indem er die passende Spielweise entwickelt. Das zunehmende Fremdeln großer Teile der Basis mit dem als Kunstprodukt wahrgenommenen Team aus DFB-Werbeträgern kann nur Bierhoff beenden. Neben dauerhafte Vermarktung muss zumindest wieder einigermaßen gleichberechtigt der Fußball rücken. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Der DFB hat es in seiner Vermarktungs- und Markenbesoffenheit nur vergessen.