MSV Duisburg : MSV sucht weiterhin seine Form

Nach dem 0:1 gegen St. Pauli liefert der Zweitligist mehrere Erklärungsversuche für die Niederlage. Der Vorletzte steuert derzeit auf die Dritte Liga zu. Am Sonntag steigt das Kellerduell beim Schlusslicht FC Ingolstadt.

Mit dem klaren Blick auf den Trainingsplatz hatte Torsten Lieberknecht schon vor dem Spiel gegen St. Pauli realistisch erklärt: „Wir können nicht übers Wasser laufen.“ Nach der trüben Aussicht, die das 0:1 gegen die Hamburger im Arena-Geviert bot, muss man nun sagen: Die Zeugwarte Manni Piwonski und Peter Lindner sollten einen Satz Schwimmflügel vor der Fahrt nach Ingolstadt in den Mannschaftsbus des Fußball-Zweiligisten in Seenot packen. Gegen das Schlusslicht darf der MSV am kommenden Sonntag nicht untergehen.

Fünf Punkte nach zehn Spielen sind eine Absteiger-Bilanz. Das rettende Ufer ist inzwischen vier Zähler entfernt. Auf Darmstadt und Aue sind es bereits sechs Zähler. Dem MSV gehen allmählich die Gelegenheiten aus, Oberwasser zu bekommen. Mindestens 15 Zähler zur Halbserie sollten es schon sein. Sonst muss man nach den Weihnachtsferien übers Wasser fliegen. Abwehrmann Andreas Wiegel formulierte es so: „Für uns ist momentan jedes Spiel ein Finale.“

Um vorläufig zum letzten Mal im Bild zu bleiben: Gegen St. Pauli genügten zwei Nadelstiche – und schon verlor das weißblaue Gummiboot jeden Auftrieb. Schiedsrichter Pascal Müller gab einen möglichen Elfmeter gegen Ahmet Engin nicht. Andreas Wiegel hatte bei der Ecke nicht auf dem Schirm, dass Sami Allagui gerade eingewechselt worden war und ließ den Tunesier unbedrängt zur Entscheidung köpfen. Wiegel sprach nachher davon, dass die Zuordnung nicht klar gewesen sei, schloss sich aber in den Kreis der Unwissenden ein.

Trotz der Niederlage bedankten sich die Duisburger bei ihren Fans. Foto: firo Sportphoto/firo Sportphoto / Volker Nagraszus

Torsten Lieberknecht war da eindeutig in der Aussage: „Wiegel war der freie Mann. Er hat ein bisschen die Ordnung verloren.“ Freilich, es wäre zu kurz gesprungen, dem Schiedsrichter oder dem Abwehrmann allein in die Pflicht zu nehmen. Das ist ja gerade das Problem der Zebras: Um etwas zu reißen, muss man nach Möglichkeit fehlerfrei spielen. Und der Schiedsrichter muss ebenfalls perfekt sein.Aber: Fehler kommen vor. Der MSV kann sie sich aus einem einzigen Grund nicht leisten. Erst neun Tore gelangen in zehn Spielen. Eines war ein Elfmeter, ein weiteres ein Eigentor.

Um die Wucht der Offensivkraft gegen die Hanseaten zu beschreiben, lohnt sich der Hinweis: Der MSV brachte es in 93 Minuten zu keiner Ecke. Bei der Suche nach den Gründen für die Flaute stiftete Lieberknecht danach etwas Verwirrung. „Fakt ist: Die Qualität der Stürmer ist ausreichend.“

MSV-Trainer Torsten Lieberknecht: „In Ingolstadt haben wir ein schönes Auswärtsspiel vor uns“. Foto: dpa/Marcel Kusch

Freilich, bei der Startelf-Aufstellung hatte er Stanislav Iljutcenko und Richard Sukuta-Pasu zwei routinierte Angreifer auf der Bank gelassen. Borys Tashchy spielte hinter den Spitzen. Stattdessen teilte sich für 20 wenig gute Minuten Mittelfeldmann Ahmet Engin mit John Verhoek den Platz ganz vorn. Lieberknecht wechselte dann die Ordnung. Hinten stand man nun besser. Aber Verhoek beklagte nachher mit gutem Grund, dass über 90 Minuten so schrecklich wenig in den Strafraum geflogen sei. Gescheite Bälle schon mal gleich gar nicht. Lag es also am fehlenden Können im Zulieferbetrieb? „Die Qualitätsdiskussion werde ich nicht anfangen“, konterte Lieberknecht. Er verwies viel mehr auf fehlenden Mut und mangelndes Selbstvertrauen.

Die sichtlich bemühte Mannschaft habe den Fans nach vier Niederlagen den ersten Heimsieg schenken wollen, erklärte er auch. Das sei eine Last und ein Rucksack gewesen. Da legt sich die Stirn in Falten, denn vorher hatte der Trainer von den Anhängern geschwärmt. „Einen solchen Rückhalt durch die Fans über 90 Minuten habe ich in der Form noch nicht erlebt“, sagte der Coach. Da fragt man sich schon: Seit wann ist ein Rucksack gefüllt mit Rückenwind von den Rängen eine Bürde?

Die erste Halbzeit war schwach. Fabian Schnellhardt sagte: „Das war zu wenig für uns.“ Erst durch eine Systemumstellung auf 4-2-3-1 und später auf 4-1-4-1 kam der MSV einigermaßen in Balance. Die zweite Halbzeit, erst wieder 4-1-4-1 und dann 3-5-2, war besser aber nicht gut genug. Dieses Systemgeschiebe brachte am Ende kein besseres Ergebnis als das 0:1 gegen Fürth oder das 0:2 gegen Bochum. Als Summe bleibt: Wer kein Tor schießt, kann nicht gewinnen. Von zehn Spielen hat der MSV fünf Mal nicht getroffen. Wie das geändert werden kann – ob durch Taktik, stark Reden oder Analysen – wer weiß?

Antworten, warum derzeit alles nach der Dritten Liga aussieht, und wie man das verhindern kann, fallen selbst den Spielern schwer. „Zielstrebiger nach vorne spielen, tiefe Läufe machen und Abschluss aus der zweiten Reihe versuchen“, empfahl Kapitän Kevin Wolze. John Verhoek wies als Lösungsweg: „Wir müssen mehr über die Außen spielen, damit die Flanken kommen. Sonst kannst du keine Chancen kreieren.“ Gerrit Nauber sagte: „Teilweise waren wir in unseren Aktionen zu hektisch, da müssen wir das Spiel ruhiger gestalten.“

Immerhin: Die Männer in höchster Abstiegsnot haben ihren Humor nicht verloren: Kevin Wolze sagte: „In Ingolstadt haben wir ein schönes Auswärtsspiel vor uns: Letzter gegen Vorletzter. Da muss man nicht mehr zu sagen.“ Trainer Torsten Lieberknecht merkte an: „Das hilft schon mal, dass wir am kommenden Sonntag kein Heimspiel haben.“ Ohne Rucksack, dafür aber mit Schwimmwesten. Denn übers Wasser laufen kann der MSV Duisburg in dieser Saison wahrlich nicht.