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MSV Duisburg: Kindesmissbrauch: Fan-Gruppen distanzieren sich von Ex-Stadionsprecher

MSV Duisburg : Kindesmissbrauch: Fan-Gruppen distanzieren sich von Ex-Stadionsprecher

Die Nachricht hat am Donnerstagabend alle Beteiligten schockiert: Chris S., ehemaliger Stadionsprecher des MSV Duisburg, ist vor dem Landgericht Krefeld zu einer viereinhalbjährigen Haftstrafe wegen insgesamt 24 Fällen von teilweise schwerem sexuellen Missbrauchs an Kindern verurteilt worden.

Der inzwischen 33-Jährige hat vor dem Gericht zugegeben, im Zeitraum von November 1999 bis Dezember 2004 einen anfangs acht Jahre alten Jungen sexuell missbraucht zu haben. S. war zu diesem Zeitpunkt Fußballtrainer und Nachhilfelehrer des Jungen in Willich. Das Geständnis des bekennenden Homosexuellen wirkte sich strafmildernd aus, er wäre aber auch ohne Aussage verurteilt worden, betonte das Gericht. Denn die Berichte des mittlerweile 22-jährigen Missbrauchsopfers, das das Verbrechen erst Jahre nach den Taten angezeigt hatte, waren von der Justiz als eindringlich und glaubhaft eingestuft worden.

Im Internet, sowohl im Fan-Forum des MSV als auch im Netzwerk "Facebook", wurde S. schnell als derjenige identifiziert, der bei Heimspielen des MSV die Mannschaftsaufstellung durchgab. Beim Benefizspiel gegen Borussia Dortmund am Dienstagabend fehlte er — da war er vom Fußball-Drittligisten bereits bis zum Urteil des da noch schwebenden Verfahrens suspendiert worden. Der MSV teilte auf seiner Facebook-Seite am Donnerstagabend mit, dass S. "uns zu keinem Zeitpunkt über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe informiert" habe. "Der MSV Duisburg hat ihn aus eigenem Antrieb umgehend suspendiert, nachdem wir am späten Sonntagabend von den Vorwürfen auf anderen Wegen erfahren haben und von Herrn S. bestätigt wurde, dass gegen ihn ermittelt wird." Der Klub betonte weiter, dass diese Taten "in keinem Zusammenhang mit irgendeiner Tätigkeit beim MSV stehen" und dass es für Kindesmissbrauch keine Entschuldigung geben dürfe und könne. "Wir sind sprach- und fassungslos", endet das Statement.

"Das war ein Hammer vor dem Kopf"

S. war erster Vorsitzender der "Rainbow-Zebras", des ersten schwul-lesbischen Fanclubs des MSV — bis er am Dienstagvormittag seinen Vorstandskollegen seinen Rücktritt mitteilte. "Ich habe ihn dann gefragt, aus welchem Grund, und er hat gesagt, das wolle er mir lieber persönlich sagen. Also bin ich bei ihm vorbeigefahren, und da hat er mir das gesagt", berichtet Volker Haasper, Pressesprecher der Rainbow-Zebras. "Ich war schockiert, das war wie ein Hammer vor den Kopf", so Haasper. "Man hat ja Vieles zusammen gemacht, Feten gefeiert, Auswärtsfahrten zu den Fußballspielen. Aber man kann den Leuten nicht in die Köpfe gucken — leider nur davor."

Er ist als Sozialpädagoge Leiter eines städtischen Jugendzentrums und muss sich deshalb mit dem Thema "Kindeswohlgefährdung" intensiv beschäftigen. Derzeit wird eine Gesetzesänderung umgesetzt, bei der die Stadt und der Jugendring mit den Jugendverbänden zusammenarbeiten. Alle, die mit Kindern zu tun haben, ob haupt- oder ehrenamtlich, müssen demnächst polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen, dass sie bislang keine Neigungen gezeigt haben, die das Kindeswohl gefährden könnten.

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Zu dem Fall um seinen ehemaligen ersten Vorsitzenden meint Haasper: "Das ist schlimm für alle Betroffenen. Zum Glück wird es verfolgt und zum Glück kommt so etwas raus." Auf einer Sondersitzung der Rainbow-Zebras stand Donnerstagabend der Ausschluss von S. aus dem Verein auf der Tagesordnung, die Geschäfte leitet derweil der bisherige Stellvertreter Frank van Vorshelen.

Die geplante Fahrt zum Auswärtsspiel des MSV am Samstag bei Jahn Regensburg (14 Uhr) haben die Mitglieder des Vereins abgesagt. "Uns ist nicht nach Party und Feiern, dazu sind wir nicht in der Stimmung", sagt Haasper, der hofft, dass "die Sache für den Fußball-Verein, den Fanclub und die Szene glimpflich ausgeht. Wir können froh sein, dass der MSV jetzt in Regensburg spielt und nicht irgendwo im Osten".

Hier geht es zur Infostrecke: Wie entdeckt man, ob ein Kind missbraucht wird?

(ame)