Die Gründe für den Absturz des MSV Duisburg

MSV Duisburg : Der Absturz des MSV Duisburg ist kein Zufall

Der fast sichere Abstieg aus der Zweiten Bundesliga ist das Ergebnis eines Versagens auf allen Ebenen. Sportdirektor Ivica Grlic scheiterte mit seiner Personalpolitik. Trainer Torsten Lieberknecht schaffte es nicht, das Team auf Kurs zu bringen.

Im Februar analysierte die Sportredaktion unter dem Tenor „Zeit für unerfreuliche Entscheidungen“ die Situation des Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg. Der Tenor: „Ein ,Weiter so’ darf es nicht geben.“ Die Vereinsführung setzte jedoch auf das „Weiter so“ – und muss das mit dem bevorstehenden Abstieg der Zebras nun teuer bezahlen. Der Absturz des MSV Duisburg ist kein Zufall, er ist auch nicht allein das Ergebnis zahlreicher falscher Schiedsrichter-Entscheidungen. Er ist vielmehr das Resultat des Versagens auf allen Ebenen.

Der Sportdirektor In der vergangenen Saison schlugen die Neuzugänge ein, in dieser Saison scheiterte Sportdirektor Ivica Grlic mit seiner Personalpolitik. Im Oktober hatte der 43-Jährige in einem Interview gesagt, er würde alle Neuzugänge erneut verpflichten. Das mutete schon damals grotesk an. Die Sommer-Neuzugänge spielen schon längst keine tragende Rolle mehr, in den vergangenen Wochen gehörte keiner dieser Kicker mehr der Startaufstellung der Meidericher an.

Im Winter degradierte der MSV Duisburg seinen neuen Torhüter Daniel Mesenhöler, indem er ihm mit Felix Wiedwald eine neue Nummer eins vor die Nase setzte. Verteidiger Yanni Regäsel erhielt den Laufpass, fand aber keinen neuen Verein. Der Ex-Frankfurter erstritt vor dem Arbeitsgericht, dass er dreimal in der Woche mit der Mannschaft trainieren darf. Solche Sorgen hat Stürmer Richard Sukuta-Pasu nicht. Er wechselte im Winter nach China, wo er vermutlich gutes Geld ohne einen quälenden Abstiegskampf verdient.

Die Mannschaft funktioniert in ihrer Struktur nicht. Es mangelt an Spielern, die vorangehen, die für den unbändigen Willen stehen, die Karre aus dem Dreck ziehen zu wollen. Vor drei Jahren gaben Typen wie Victor Obinna und Giorgi Chanturia die Richtung vor. Lediglich Ex-Kapitän Kevin Wolze sendete zuletzt entsprechende Signale. Der Mannschaft aus dem Jahr 2016 wäre es zuzutrauen gewesen, in den drei letzten Spielen noch einmal fünf Punkte aufzuholen. Es gibt nichts, das Hoffnung macht, dass die aktuelle Truppe dazu in der Lage ist. Das alles liegt auch in der Verantwortung des Managers.

An ihm lag es nicht: Der in der Winterpause verpflichtete Torwart Felix Wiedwald zeigte in den vergangenen Wochen gute Leistungen. Foto: firo/Ralf Ibing

Der Trainer Torsten Lieberknecht schaffte es nicht, die Mannschaft in der entscheidenden Saisonphase auf Kurs zu bringen – im Gegensatz zu seinen Kollegen in Sandhausen, Magdeburg und Ingolstadt, die zuletzt wichtige Siege einfuhren. Der April war der Monat der Wahrheit. Lieberknecht holte mit seinem Team aus den Schlüsselspielen gegen Ingolstadt, Sandhausen und Bielefeld nur zwei Punkte.

Der Trainer irritierte nach der enttäuschenden Partie gegen Sandhausen (2:2) mit der Feststellung, dass er stolz auf die Mannschaft sei. Stolz nach einer 60-minütigen leblosen Vorstellung? Zudem fand Lieberknecht in den letzten Monaten keine Stammmannschaft, die den Bock hätte umstoßen können. Auch wenn Verletzungen immer wieder Umstellungen notwendig machten – es fehlte grundsätzlich die Konstanz.

Der Vorstand Als Ex-Profi Hans Sondermann in der Pause des Sandhausen-Spiels als Interviewgast in der Arena die Mannschaft kritisierte und Applaus erhielt, sah sich der 77-Jährige später nicht nur von wüsten Beschimpfungen aus der Mannschaft konfrontiert. Präsident Ingo Wald bezeichnete Sondermanns Äußerungen, die den Kern trafen, als unangemessen. Als die Ex-Profis Andreas Voss und Ferry Schmidt in der Winterpause Sportdirektor Grlic kritisierten, bezeichnete Wald die beiden früheren Zebras als Heckenschützen.

Entsetzen und Enttäuschung nach dem Abpfiff – Trainer Torsten Lieberknecht schlägt die Hände vor das Gesicht. Foto: dpa/Guido Kirchner

 Es steht die Frage im Raum, ob der MSV-Vorstand das Ausmaß des Frusts und der Verärgerung innerhalb der Anhängerschaft realistisch einschätzt. Die Fans demonstrieren in dieser Saison eine große Leidensfähigkeit und viel Geduld. Die Mannschaft hat die emotionale Belastbarkeit ihrer Fans jedoch überstrapaziert. Angesichts des bevorstehenden Abstiegs gibt es aktuell kein Momentum, dass die Zuschauer mit einer „Jetzt-erst-recht-Einstellung“ in die Dritte Liga gehen werden. Bei einem Neustart in der Drittklassigkeit wird es aber auch auf die Fans ankommen. Der MSV dürfte im Sommer beim Dauerkartenverkauf zu spüren bekommen, wie viel Porzellan in dieser Saison zu Bruch gegangen ist.

Noch ist die Drittliga-Lizenz nicht gesichert, rund drei Millionen Euro muss der MSV noch aufbringen. Nicht nur die Fans sind sauer, auch viele Geldgeber sind ernüchtert. Es wird nur funktionieren, wenn der MSV ein Signal aussendet, dass er zukunftsfähig aufgestellt ist, dass eine Rückkehr in die Zweiten Liga realistisch ist. Ein Neustart mit einem neuen Sportdirektor könnte ein entsprechendes Signal sein.

Denn auch jetzt gilt: Ein „Weiter so“ darf es nicht geben.

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