Ein Leben für den Fußball: Mit Zuckerbrot und Peitsche

Ein Leben für den Fußball : Mit Zuckerbrot und Peitsche

München/Düsseldorf (RP). Bei der Wahl zum beliebtesten Zeitgenossen hätte er vermutlich nie besonders gut abgeschnitten. Als Fußballtrainer pflegte er das Image des harten Hunds, indem er über Spieler sagte: "Sie vertragen kein Lob und müssen täglich die Peitsche im Nacken spüren." Als Fußball-Kolumnist polarisierte er mit zynisch überspitzten Sprachbildern und gezuckerten Gemeinheiten. Er wusste vieles besser und kannte keine Zwischentöne. Das nahmen ihm viele übel. Aber er fand immer sein Publikum. Gestern ist Max Merkel im Alter von 87 Jahren in seiner Wahlheimat Putzbrunn bei München gestorben.

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p class="text">Max Merkel war ein Medienstar, bevor die Bundesliga zur Glitzerwelt wurde, die sie heute ist. Als er mit München 1860 und dem 1. FC Nürnberg in den 60er Jahren Deutsche Meisterschaften feierte, lag auf der Liga noch der Grauton der Gründerzeit. Spitzenverdiener gingen mit 1200 Mark im Monat nach Hause, ein Nebenjob war eher die Regel als die Ausnahme. Die Bälle waren aus richtigem Leder und gefährdeten bei Regenwetter die Gesundheit der Kopfballspieler, weil sie schwer wie Blei wurden. Trainingsmethoden hatten mit Wissenschaft so viel zu tun wie Kühe mit dem Eierlegen. Trainer standen im Trainingsanzug am Spielfeldrand und fielen sonst nicht weiter auf.

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p class="text">Merkel schon. Er besetzte eine Bühne, die es noch gar nicht gab. Interviews mit ihm im Fernsehen hatten den Unterhaltungswert früher Talkshows. Das artige Fußball-Nachkriegsland freute sich über seine Frechheiten, wie es sich über das Kabarett der Münchner Lach- und Schießgesellschaft erheiterte.

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p class="text">So recht an sich heranlassen wollte das Fußballvolk ihn freilich nicht. Das hatte es mit den Klubs gemein. "Keiner mag mich - und alle wollen mich", hat er auf dem Höhepunkt seines Trainerruhms gesagt. Tatsächlich ist er gleich zweimal an Spielerrevolten gescheitert. München 60 entließ den Meistermacher mit dem Lästermaul, weil die Profis mit 14:3 gegen ihn abgestimmt hatten. Und bei den Bayern kam ein Engagement nicht zustande, weil die Spieler schon vorher in Treue fest gegen den Wunschkandidaten von Präsident Hermann Neudecker standen. Angeführt wurden die kleinen Aufstände jeweils von den Torhütern. Petar Radenkovic (1860) und Sepp Maier, ausgerechnet jene Akteure, die als Hauptdarsteller der aufdämmernden Unterhaltungsbranche Bundesliga wahrgenommen wurden, wollten das Scheinwerferlicht offenbar nicht (Maier) oder nicht mehr (Radenkovic) mit dem anderen Selbstdarsteller teilen.

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p class="text">Merkel hat das verkraftet. Und er hat in seiner zweiten Karriere zurückgezahlt. Immer ohne Ansehen der Person. So kündigte ihm der ehemalige Mitspieler Ernst Happel die Freundschaft, als Merkel über den Trainer des Hamburger SV spottete: "Der wirkt wie Beethoven in der Endphase." In seinen Kolumnen für die "Bild-Zeitung" verriss er die Bundesligaklubs jeweils vor Beginn der Saison mit derartiger Hingabe, dass sich hernach jeder wunderte, wenn am Ende der Spielzeit nur drei Klubs absteigen mussten.

Seine Maßstäbe lieh er selbstbewusst in der Vergangenheit. "Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war", sagte er, "aber früher war vieles anders. Und mir hat's besser gefallen." Da ist er nicht allein.

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