Mythos Grünwalder Straße - Uerdingen in der Heimat des TSV 1860

Fussball: Wo einst Radi die ersten Ausflüge wagte

Endlich ist der TSV 1860 wieder „dohoam“ – an der Grünwalder Straße. Die Stimmung ist beeindruckend und verleiht dem Spiel Wucht.

(ths) Der Junge, der mit seinem Vater am Rosenheimer Platz steht und auf die Tram 25 wartet – so heißen die Straßenbahnen in Bayern – ist glücklich. „Es ist eine Blaue“, sagt er freudestrahlend; tatsächlich ist sie blau pur. Die Umstehenden nicken. Das ist wichtig, denn blau ist ihre Lieblingsfarbe, weil die Blauen die Münchner Löwen sind. Deshalb haben sie auch alle hellblaue Trikots an. Die Löwen sind wieder in, und dass sie wieder „dohoam“ an der Grünwalder Straße sind, steigert ihre Popularität: bodenständig, traditionell, bayerisch eben.

Das Stadion an der Grünwalder Straße ist ein Begriff, für eingefleischte Fans des TSV 1860 München gar so etwas wie ein Mythos. Ich kenne es seit über 50 Jahren. Es war damals die Zeit, in der ich mich erstmals recht intensiv mit dem Fußball beschäftigte, als die Münchner Löwen 1966 Deutscher Meister wurden und Fortuna Düsseldorf in die Bundesliga aufstieg.

Eine ganze Reihe Namen der Sechziger sind mir noch heute geläufig: Timo Konietzka, Rudi Brunnemeier, Peter Grosser oder Alfred Heiß werden nur noch die Älteren und den Fußballfreunden kennen, einige mehr noch Trainer Max Merkel. Doch unvergessen ist Torhüter Petar Radenkovic, der einfach nur Radi genannt wurde. Er war vielleicht erste, der erkannt hatte, dass Fußball nicht nur Sport und Spiel, sondern auch Unterhaltung ist. Er war ein Entertainer – auf und neben dem Platz. Er war in doppelter Hinsicht ein Vorreiter: fußballerisch, in dem er als Torhüter Ausflüge nach vorn wagte, als Unterhaltungskünstler, in dem er eine Schallplatte aufnahm und sang: „Bin i Radi, bin i König“.

Die „Sechzger“ waren in München die Nummer eins. Und einige sind den Blauen bis heute treu geblieben, obwohl diese längst von den Roten, dem FC Bayern München, in den Schatten gestellt worden sind. Es waren aber nicht nur die Erfolge der Bayern, die den Wechsel an Münchens Fußball-Spitze bewirkten, sondern auch die vielen Fehler und Skandale des TSV 1860.

Schwamm drüber, die Blauen sind wieder da – an der Grünwalder Straße, endlich! Denn weder im großen Olympiastadion, noch in der modernen Allianz-Arena sind sie glücklich geworden. Doch in dem volksnahen Hexenkessel an der Grünwalder Straße mitten in einem Wohngebiet, in den früher 45.000 Zuschauer drängten und der heute mit 15.000 Anhängern ausverkauft ist, feiern sie in diesen Tagen fröhliche Urständ.

Allein der Name! Das ist etwas anderes als das einstige Playmobil-Stadion in Fürth oder die künftige Merkur-Spielarena in Düsseldorf. Die Stadien an der Grünwalder Starße in München, an der Castroper Straße in Bochum oder der Hafenstraße in Essen – das sind Fußballplätze in den Herzen der Städten, wo man zu Fuß hin pilgert, sich kennt, wie der Betzenberg in Kaiserlautern oder das Millerntor in St. Pauli.

Im Stadion an der Grünwalder Straße gibt es keine VIP-Lounge und keinen Champagner. Hier gibt es auch keine Knappenkarte wie auf Schalke, hier werden Semmeln, Brezen und die Halbe noch bar bezahlt. Und weil nur ganz, ganz wenige mit dem Auto kommen können, weil es keine Parkplätze gibt, darf auch ordentlich getrunken werden.

Auf Giesings Höhen geht es nicht um Umsatz und Gewinn, sondern ums Gewinnen, weniger ums Geschäft als vielmehr ums Spiel, vor allem aber ums Dabeisein, um Kontakt zu den Spielern und Beziehung zum Verein. Da sind wieder echte Typen: Sascha Mölders, Christian Köppel, Aaron Berzel und Trainer Daniel Bierofka.

Dass der TSV München von 1860 heutzutage eine GmbH & Co. KGaA ist und in Hasan Ismaik einen äußerst umstrittenen Geldgeber hat, vergessen wir für ein paar Stunden. Schließlich habe ich schon alle großen Stadien besucht, aber an der Grünwalder Straße bin ich das erste Mal – Fußball dahoam.

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