Toni Kroos: Dokumentarfilm über den stillen Anführer von Real Madrid

Dokumentarfilm über Nationalspieler Toni Kroos : Der stille Anführer

Er gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Fußballern aller Zeiten. Er spielt beim wohl schillerndsten Fußballklub der Welt. Jetzt gibt es einen Film über Toni Kroos, der den Fans intime Einblicke in das Leben eines außergewöhnlichen Sportlers gewährt.

Deutschland hat es geschafft. Bei der WM 2014 in Brasilien krönt sich das DFB-Team in Rio de Janeiro zum vierten Mal zum Weltmeister. Dicht an dicht gedrängt posieren die Nationalspieler nach der Pokalübergabe in der Kabine für ein Foto mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Ein Schnappschuss, der um die Welt geht. Doch einer fehlt in der Jubeltraube: Toni Kroos. Der Taktgeber der deutschen Mannschaft sitzt nach seinem wohl größtem Erfolg allein und unbeteiligt auf der Bank und öffnet seine Schuhe.

Falls es ein Bild gibt, das den Menschen Toni Kroos treffend charakterisiert, ist es eben jenes Kabinen-Foto nach dem WM-Triumph. Er wolle lediglich „auf dem Weg zum Ziel eine Rolle spielen“, sagt der 29-Jährige im Dokumentarfilm „Kroos“, der ab dem 4. Juli in den deutschen Kinos zu sehen ist. Die große Bühne und Feierei überlasse er gerne anderen. Dabei hat der 92-malige Nationalspieler die Größe, sich ins Rampenlicht zu stellen. Auf dem Platz gehört er seit Jahren zu den Besten, ist Kopf und Herz beim größten Klub der Welt (Real Madrid) und hat eine beeindruckende Trophäensammlung vorzuweisen. Er ist Weltmeister, mehrfacher deutscher Meister und Pokalsieger, spanischer Meister, vierfacher Champions-League-Sieger. Aber er zeigt das nicht, mag keinen Protz, ist bescheiden und zurückhaltend. Die Rolle des Lautsprechers behagt ihm nicht, er definiert sich lieber über Leistung auf dem Platz.

Während sich die Spieler der deutschen Nationalmannschaft nach dem WM-gewinn jubelnd um Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck drängeln, sitzt Toni Kroos (r) unbeteiligt auf der Bank und schnürt seine Schuhe auf. Foto: Getty Images / BROADVIEW Pictures

Nun also ein Film. „Kroos“ gewährt den Fans intime und außergewöhnliche Einblicke in das Leben und die Karriere von einem „der größten Dirigenten, die der deutsche Fußball je hatte“, wie der ehemalige Fußballprofi Matthias Sammer ihn bezeichnet. Ein Schritt, den man von ihm eigentlich nicht erwartet hat. Ausgerechnet er, der nicht gerne über sich redet. Kategorisch sein Privatleben abschirmt. Seine Frau Jessica spricht von einer „emotionalen Mauer“, die Kroos um sich errichtet habe. Und trotzdem ließen er und sein Umfeld sich darauf ein, über mehr als ein Jahr hinweg von Regisseur Manfred Oldenburg und der Kamera begleitet zu werden. Das Filmteam sprach mit ihm, seiner Frau, seinem Bruder Felix, seinen Eltern und Weggefährten. Auch Pop-Star Robbie Williams taucht als glühender Kroos-Fan auf.

Die Doku verfolgt den Weg, den Kroos von seinem Geburtsort Greifswald bis nach Madrid zurückgelegt hat – mit Stationen in München und Leverkusen. Zu seiner erfolgreichen Karriere gehören aber auch Rückschläge und Enttäuschungen, wie zum Beispiel das verlorene „Finale Dahoam“ 2012 mit Bayern gegen den FC Chelsea, für welches er noch immer als Sündenbock herhalten muss. Oder das Debakel bei der WM in Russland 2018. Es gibt auch interessante Blicke hinter die Kulissen, die Kroos bei seiner Vertragsverlängerung bei Real zeigen oder auf der Fifa-Gala zum Weltfußballer des Jahres.

Als Kroos zwölf Jahre alt ist, bekommt er ein Angebot von Hansa Rostock. Für den Traum von der Profi-Karriere zieht die ganze Familie aus Greifswald um. Sein Vater Roland ist als Jugendtrainer der Entdecker des Talents gewesen. Dabei sei „auf der Papa-Sohn-Ebene etwas auf der Strecke geblieben“, sagt Toni Kroos. Nach vier Jahren in Rostock folgt der Wechsel in die Akademie des FC Bayern. Ein Abschied der schmerzt. Tonis Mutter Birgit erklärt, „viel geweint“ zu haben, nachdem ihr Sohn das gemeinsame Zuhause verließ.

In München ist man von seinem Talent überzeugt. Nur spielen tut er nicht. Kroos wird an Bayer 04 ausgeliehen. Es ist ein Glücksfall. Unter Trainer Jupp Heynckes blüht er auf, wird zum Stammspieler und Leistungsträger. Für die Bayern steht fest, Kroos muss zurück nach München.

Doch nach seiner Rückkehr stagniert seine Entwicklung. Erst als Bayern Heynckes als Trainer verpflichtet, geht es aufwärts. Kroos bringt nun zwar seine Leistung, spielt aber unauffällig und unspektakulär. Für viele Bayern-Fans ist er der „Querpass-Toni“. Und auch für den Mittelfeldspieler ist der FC Bayern nur ein Arbeitgeber und keine Herzensangelegenheit.

Kurz nach dem Triumph von Rio wechselt er für rund 25 Millionen Euro zu Real Madrid, um „etwas Neues auszuprobieren“. Der Rekordmeister kann und will ihm zudem nicht das bieten, was er für sich veranschlagt. „Ein Verein muss manchmal harte Entscheidungen treffen – und das war eine harte, vielleicht die falsche“, sagt Bayern-Präsident Uli Hoeneß heute.

In Madrid trifft er auf eine ganze Reihe Weltstars, in deren Reihen er sich beweisen muss. Doch mit seiner Art, Fußball zu spielen, sticht er heraus. Seine Pässe und seine Gelassenheit, das Spiel der Königlichen zu dirigieren, überzeugen das kritische Madrider Publikum. Teamkollege Casemiro erklärt ehrfürchtig, dass sich das Spiel von Real nach dem Rhythmus von Kroos richte.

Der Film zeigt aber auch, wie der Mensch Kroos tickt. Er dürfte einer der wenigen Fußball-Stars sein, die ihre Schuhe noch selber putzen. So zu sehen in der Anfangs- und Endszene. Kroos gibt zu, dass er sich „nicht wohl“ fühle, wenn er keine weißen Fußballschuhe anhabe.

Seit mehr als vier Jahren lebt er mit seiner Frau und den drei Kindern nun schon in Madrid. Die Innenstadt kennen sie eigentlich nur vom Hörensagen. Sie leben zurückgezogen. Er liebe es, zu Hause zu sein, sagt Kroos, für den die Familie an erster Stelle steht. So lässt sich er sich nach einem Spiel auch mal zum Privatflieger chauffieren, um so schnell wie möglich wieder zu Hause zu sein. „Zu anstrengend gibt es nicht, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen“, erzählt Kroos. Aufnahmen zeigen, wie er mit seinen Kindern im heimischen Pool rumalbert. Sohn Leon durfte sogar schon an der Hand seines Papas ins Stadion einlaufen.

Zu Kroos' Leben gehört eben nicht nur der Fußball. Nach einem Besuch in einem Madrider Kinderhospiz gründet er 2015 die Toni Kroos Stiftung, deren Ziel es ist, gesundheitlich beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien Unterstützung anzubieten. Die karitative Arbeit ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Er weiß, wie privilegiert er lebt – und möchte etwas zurückgeben. Treu bleibt er sich auch hier. Sein Einsatz für die Kinder geschieht im Stillen und ohne großes Aufsehen. Denn: Kroos will nur auf dem Weg zum Ziel eine Rolle spielen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Eindrücke aus dem Film „Kroos“

(old)
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