Rassismus-Debatte im Fußball: Ärger für Blatter wegen Kritik an Boateng

Rassismus-Debatte im Fußball : Ärger für Blatter wegen Kritik an Boateng

Der Fifa-Präsident hält den eigenmächtigen Spielabbruch des 25-Jährigen nach rassistischen Rufen der Fans für falsch. Der deutsche Profi Asamoah kritisiert in seiner Autobiografie seine ehemaligen Teamkollegen in der DFB-Auswahl.

Sepp Blatter stand mal wieder unter akutem Sprechzwang. In diesen Momenten ist dem mächtigen Präsidenten des Welt-Fußballverbands Fifa wohl ziemlich egal, zu welchem Thema er sich äußert. Man hätte sich gewünscht, es wäre diesmal keiner in der Nähe gewesen, der die Worte aufgenommen hat. Es gab von vielen Seiten Lob für die Aktion von Kevin-Prince Boateng, der nicht länger bereit war, sich rassistisch beleidigen zu lassen und bei einem Testspiel des AC Mailand gegen Pro Patria das Feld verließ und somit einen Spielabbruch auslöste. "Ich denke, dass ein Spieler nicht einfach vom Feld gehen kann, das ist nicht die Lösung", sagte also Blatter. Sonst könne man schließlich bei einer drohenden Niederlage einfach den Platz verlassen. Boateng hätte sich wohl lieber Rückendeckung als schlaue Sprüche vom obersten Funktionär gewünscht — der mutige Schritt, wenngleich nicht in einem entscheidenen Spiel, hätte auch von Blatter Anerkennung verdient gehabt.

Glücklicherweise steht der oberste Funktionär mit seiner Sicht der Dinge ziemlich alleine da — und muss sich massive Kritik für seine Worte gefallen lassen. "Blatters Reaktion war völlig aus der Zeit, zurück in die Achtziger. Sogar Silvio Berlusconi hat Boateng gelobt, was eigentlich schon wie Slapstick klingt", sagt der Soziologe Gerd Dembowski, früher Vertreter in der DFB-Task-Force gegen Diskriminierung. "Es war dämlich. Und in meinen Augen auch falsch. Lange wurde auf so ein Signal gewartet, Boateng hat absolut richtig gehandelt. Man muss die Spieler zu solchen Aktionen ermutigen." Boateng und weitere dunkelhäutige Spieler wurden wiederholt beleidigt, nach 30 Minuten hatte er genug und stapfte vom Feld — seine Mitspieler folgten ihm daraufhin.

Rassismus im Fußballstadion ist allgegenwärtig. Auch hierzulande werden Spieler aufgrund ihrer Herkunft immer wieder verbal angegriffen. Bundesliga-Profi Gerald Asamoah hat wirft früheren Nationalmannschaftskollegen vor, sich vor Jahren nicht deutlich genug gegen Rassismus in deutschen Stadien positioniert zu haben. In seiner Autobiografie ("Dieser Weg wird kein leichter sein — Mein Leben und ich")berichtet er über ein Pokal-Erstrundenspiel 2006 mit Schalke 04 bei Hansa Rostock II, bei dem er rassistisch beleidigt worden war. "Schon beim Warmmachen spürte ich den Hass, der mir von den Rängen entgegenschlug", schreibt der gebürtige Ghanaer. "Die Zuschauer schienen sich abgesprochen zu haben, als wollten sie ein Zeichen setzen nicht gegen, sondern für Rassismus. Bei jedem meiner Ballkontakte waren Affengeräusche, Sprechchöre und Beleidigungen zu hören."

Danach habe er von den Auswahl-Kollegen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und in erster Linie Kapitän Michael Ballack vergeblich auf eine Reaktion gewartet.

"Fest steht, dass ich mir gewünscht hätte, dass aus dem Kreis der ehemaligen Spieler der Nationalmannschaft und vor allem vom Kapitän eine Reaktion gekommen wäre", schreibt der 34-Jährige. "Dass dies nicht passiert ist, hat mich enttäuscht." Wenige Wochen nach dem umjubelten dritten Platz bei der Heim-WM habe er damals an einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft gedacht, verrät Asamoah. "Was macht es für einen Sinn, dachte ich, für ein Land zu spielen, dessen Fans mich nicht wollen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Rassistische Gesänge – Boateng verlässt den Platz

(RP/can)