Fehleinkäufe, Rücktritte, Erfolgslosigkeit Der Niedergang von Ajax Amsterdam

Amsterdam · Ajax Amsterdam galt einst als Vorzeigetalentschmiede. Doch zuletzt ging quasi alles schief. Aktuell steht der niederländische Rekordmeister nur auf Platz 16. Chronologie eines Chaos.

 Fans von Ajax Amsterdam zünden Pyrotechnik während der Partie gegen Feyenoord Rotterdam. Das Spiel wird abgebrochen.

Fans von Ajax Amsterdam zünden Pyrotechnik während der Partie gegen Feyenoord Rotterdam. Das Spiel wird abgebrochen.

Foto: dpa/Olaf Kraak

Für einen Moment herrscht Stille im gesamten Stadion. Die Spieler liegen auf dem Rasen, gebrochen, nachdem sie in den letzten Minuten das entscheidende Gegentor kassiert haben. Doch dann schwillt der Applaus in der Johan-Cruijff-Arena an. Die Enttäuschung, so groß sie auch ist, geht in Stolz über. Ajax Amsterdam, ein Verein aus der bescheidenen niederländischen Eredivisie, steht fast im Finale der Champions League. Ein Hattrick von Tottenham-Spieler Lucas Moura hat es verhindert.

Die Unnachgiebigkeit von Matthijs de Ligt, die Klugheit von Frenkie de Jong, die Magie von Hakim Ziyech. Die Erfahrung von Dusan Tadic und Daley Blind. Ajax ist schon lange nicht mehr so gut – vielleicht nicht mehr seit den 1990er-Jahren, als die Mannschaft unter Louis van Gaal alles gewann, was es zu gewinnen gab.

Die Niederlage gegen Tottenham ist schmerzhaft, aber in Amsterdam überwiegt der Stolz. Europa wurde mit großartigem Fußball fast erobert. Ajax ist wieder in die europäische Spitze aufgestiegen. Der Sportdirektor und ehemalige Spieler Marc Overmars äußert die Hoffnung, das „Bayern München der Niederlande“ zu werden – sportlich und finanziell eine Nummer größer als alle anderen.

Das alles war 2019. Wie anders sieht die Welt in Amsterdam jetzt aus. Ajax erlebt den schlechtesten Ligastart in seiner 123-jährigen Geschichte. In der Tabelle steht der niederländische Rekordmeister (36 Titel) auf dem 16. Platz. Zur Veranschaulichung: Die Teams auf den Plätzen 17 und 18 steigen direkt ab. Seit Ende August gab es keinen Sieg mehr, obwohl ein Spiel gegen RKC Waalwijk diesen Monat wegen einer schweren Verletzung des Torwarts abgebrochen wurde. Ajax lag damals mit 3:2 in Führung.

Die Geschichte des Niedergangs von Ajax ist eine Erzählung von Chaos auf dem Spielfeld und auf der Führungsebene. Von Interessenkonflikten und Interimsdirektoren. Und auch von grenzüberschreitendem Verhalten.

Auf dem Rasen wird den Zuschauern jede Woche das Chaos vor Augen geführt. Der absolute Tiefpunkt war ein Spiel gegen Feyenoord Rotterdam, dem Meister der vergangenen Saison. Vor zwei Wochen wurde das Spiel in Amsterdam in der 55. Minute beim Stand von 0:3 abgebrochen, weil Ajax-Fans Feuerwerk und Plastikbecher auf das Spielfeld geworfen hatten. Die restlichen 35 Minuten werden einige Tage später ohne Zuschauer gespielt. Das Endergebnis: 0:4. Gegen den Erzrivalen. Zu Hause.

Der Mannschaft fehlt es an Struktur und möglicherweise auch an Qualität, obwohl viele Spieler neu und jung sind. Mindestens ebenso groß ist jedoch das organisatorische Chaos. De Ligt, De Jong und Ziyech sind nicht mehr auf dem Feld zu bewundern, aber auch die Verwaltungsspitze hat sich seit 2019 völlig verändert.

Der Exodus begann im Februar 2022. Sportdirektor Marc Overmars trat nach einer Untersuchung der Tageszeitung NRC zurück. Er hatte unangemessene Nachrichten an Mitarbeiterinnen geschickt, darunter sollen intime Bilder gewesen sein. Seine Entlassung war unvermeidlich, und (fast) alle stimmten zu. Doch Overmars galt als einer der Architekten des Erfolgs von Ajax. Er war unter anderem für die Transfers von Tadic, Ziyech, Blind, Lisandro Martinez und Antony verantwortlich. Jemand mit einem umfassenden Netzwerk, der den Klub in- und auswendig kannte.

Seit Jahren bildete Overmars außerdem ein erfolgreiches Duo mit Trainer Erik ten Hag. Derselbe ten Hag wurde 2022 noch Meister, zum dritten Mal in Folge. Allerdings wechselte er danach zu Manchester United. Sein Nachfolger Alfred Schreuder wurde nach fast einem halben Jahr entlassen nach einer Serie von sieben sieglosen Spielen.

Kein ten Hag, sein Nachfolger entlassen. Kein Overmars und noch kein dauerhafter Erbe, sondern Klaas-Jan Huntelaar und der relativ unbekannte Gerry Hamstra als Interimssportdirektoren. Aus der „erfolgreichen Ära“, lediglich einige Jahre zuvor, war damals nur noch der Geschäftsführer Edwin van der Sar übrig.

Dennoch. Nach einem schlechten Transfersommer voller Fehlkäufe wählte van der Sar letztlich einen neuen Sportdirektor: einen Deutschen, Sven Mislintat. Zuvor war er unter anderem bei Borussia Dortmund, Arsenal und Stuttgart tätig. Wenig später trat aber auch van der Sar zurück. Nach elf Jahren bei Ajax war er erschöpft.

Ajax ging auf die Suche nach einem Nachfolger. Mittlerweile hatte Mislintat, der Neuling, plötzlich die entscheidende Stimme in sportlichen Fragen. Auch ohne den Rückhalt einer Vereinsikone wie van der Sar. Für einige Medien und Klub-Ikonen war Mislintat inakzeptabel. Er war weder ein Kind des Vereins noch ein ehemaliger Spitzenspieler – eine Kombination, die in den letzten Jahren mit Overmars und van der Sar so gut funktioniert hat. Eine Kombination, für die sich Johan Cruijff, die größte aller Ikonen, stets starkgemacht hat.

Zusätzlich beschloss Mislintat, seinen eigenen Weg zu gehen. Was die Verkäufe betrifft, gab es wenig zu beklagen. Fehleinkäufe wurden verkauft, manchmal sogar mit Gewinn. Es waren die neuen Spieler, über die es bald Diskussionen gab. Schlicht gesagt: Mislintat ging nicht auf Nummer sicher. Er kaufte eine Menge relativ unbekannter Spieler. Zum Beispiel Chuba Akpom, der Torschützenkönig der zweiten englischen Liga. Kosten: mindestens 12,3 Millionen Euro. Auch der Top-Torjäger der zweiten französischen Liga, Georges Mikautadze, wurde von Ajax geholt. Mindestens 16 Millionen Euro wurden für ihn gezahlt.

Beide haben noch keinen Treffer erzielt. Aber fair: Sie haben auch noch nicht viel Spielzeit bekommen. Trainer Maurice Steijn, der von Mislintat ernannt wurde aufgrund seiner Leistungen bei kleineren Vereinen, wählt meist andere Spieler aus. Als die guten Leistungen ausblieben, wurden die Risse in der Beziehung zwischen Steijn und Mislintat immer deutlicher. Der Trainer sagte sogar öffentlich, dass er bei den Einkäufen kaum ein Mitspracherecht hatte.

Dann platzte eine Bombe. Niederländische Medien berichteten, Mislintat habe neue Spieler unter Druck gesetzt, sich für einen befreundeten Spielerberater zu entscheiden. Außerdem habe es einen Interessenkonflikt durch Mislintats Beteiligung an der Fußballdatenfirma Matchmetrics gegeben. Mislintat wurde entlassen.

Schlechte Ergebnisse auf dem Spielfeld, kein Sportdirektor, kein Geschäftsführer: Ajax steckte in einer tiefen Krise. Und dann trat auch der Vorsitzende des Aufsichtsrates auf Druck des harten Kerns zurück. Die glorreiche Vergangenheit scheint weiter entfernt als je zuvor.

In gewisser Weise hofft Ajax, die Lösung auch in der Vergangenheit zu finden. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Louis van Gaal seinen Ruhestand beendet und als Berater zurückkehrt. Michael van Praag, der in den erfolgreicher 1990er Jahren von van Gaal Vorsitzender war, kehrt ebenfalls zurück. Jetzt. Ins Aufsichtsgremium. Es sind altbekannte Namen, die den Verein in ruhigeres Fahrwasser bringen sollten.

Die Vereinsspitze wird sich nun viele Fragen stellen müssen. Wer wird der neue Geschäftsführer sein? Wer wird Sportdirektor? Und was wird aus Trainer Maurice Steijn, der trotz dramatischer Leistungen immer noch im Sattel sitzt? All diese Fragen sind miteinander verknüpft: Normalerweise entscheidet der Sportdirektor über den Trainer, und der Geschäftsführer entscheidet über den Sportdirektor. Aber normal ist aktuell eben nichts bei Ajax Amsterdam.