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FC Barcelona und Co.: Der Handel mit Fußballkindern blüht

Fifa bestraft FC Barcelona : Der Handel mit Fußballkindern blüht

Im Fall des FC Barcelona wurde erstmals der grenzüberschreitende Transfer von Talenten bestraft. Doch nicht nur die Katalanen verpflichten Kinder aus der Ferne. In Südamerika und Afrika wird das Geschäft im großen Stil betrieben.

Der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa) sprach Klartext. "Ein Kind zu bezahlen, damit es gegen einen Ball tritt, unterscheidet sich kaum davon, ein Kind zu bezahlen, am Fließband zu arbeiten. In beiden Fällen handelt es sich um die Ausbeutung von Minderjährigen", sagte Michel Platini. Und: "Wenn man ein Kind oder seine Eltern dafür bezahlt, dass es einen Ozean überquert, es kulturell entwurzelt, es seiner wichtigen Bezugspersonen beraubt, dann nenne ich das Kinderhandel." Gut gesagt. Konsequent vorgegangen ist der Franzose gegen die Machenschaften aber nie.

Länderübergreifende Wechsel von Talenten sind — bis auf wenige Ausnahmen — verboten und doch gängige Praxis. In Lateinamerika, Asien und Afrika machen die europäischen Großklubs hemmungslos Jagd auf minderjährige Talente. Der Fall des vom Weltverband Fifa mit einer einjährigen Transfersperre bestraften FC Barcelona bringt das Thema an die Öffentlichkeit.

Klubs umgehen die Regeln

Bislang gelang es den Klubs stets, die Regeln zu umgehen. Die norwegischen Buchautoren Jens Johansson und Lars Madsen ("Der verschwundene Diamant. Eine Geschichte über die dunkle Seite des Fußball") berichten, dass die Vereine "ganze Rechtsanwaltsbataillone beschäftigen, um Schlupflöcher in den Regeln zu finden". Statt Ablösesummen werden dann "Ausbildungsentschädigungen" bezahlt. 16- oder 17-Jährige reisen mit gefälschten Papieren, in denen sie als volljährig deklariert werden. Die Klubs arbeiten mit dubiosen Internaten etwa in Südostasien oder Zentralafrika zusammen. Manchmal werden Talente aus Afrika zur Ausbildung nach Asien gebracht, um danach in Europa angepriesen zu werden. Nach Informationen der norwegischen Autoren hielten sich zeitweise 20.000 junge afrikanische Fußballspieler illegal in Europa auf.

Die Gier der internationalen Profiligen wuchs, als in den 1990er-Jahren die Beschränkungen fielen, die die Zahl der ausländischen Spieler in einer Profimannschaft festlegte. Seitdem geraten immer mehr Kinder in den Fokus der Talentspäher.

Der Traum, einen Lionel Messi zu entdecken, wie es dem FC Barcelona mehr aus Zufall gelang, treibt Blüten. Vor allem im WM-Gastgeberland Brasilien. Jugendturniere sind dort längst zum Tummelplatz von internationalen Scouts geworden, die den Jungen und deren nicht selten bettelarmen Eltern das Märchen vom europäischen Fußball-Paradies erzählen. Talentierte Kinder sind das Beuteschema von Klubs geworden, die sich dadurch erhoffen, hohe Ablösesummen zu sparen und eigene Stars heranzuzüchten. Bezahlen müssen für diesen Traum vor allem die Kinder selbst. Eine Karriere bei Real oder Barca bleibt das, was es immer war: ein unerfüllbarer Traum.

Casting-Shows für den neuen Superstar

Fußballschulen in Lateinamerika sind die vermeintlichen Casting-Shows für den nächsten Superstar. Und ganz wie im Fernsehen und der Musikbranche wird die Sehnsucht nach Erfolg und großem Geld nicht wahr. Ob am Strand in Rio de Janeiro oder im honduranischen Bergdorf: Es wird Kasse gemacht mit den Träumen von Fußballtalenten, die hoffen, bei einem Ex-Profi den entscheidenden Schliff für eine Karriere zu bekommen. Die Erfolgsaussichten sind gleich Null.

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Oft tragen private Schulen den Namen großer europäischer Spitzenklubs, obwohl diese weder die Erlaubnis dazu gegeben haben noch überhaupt wissen, dass mit ihrem Emblem geworben wird, wie das Beispiel der "Bayern-Schule" in Sao Paulo zeigt. Die großen Stars, die ihren Namen für die Schulen geben, kommen allenfalls zur Abschlussveranstaltung, um beim Erinnerungsfoto dabei zu sein.

Der Export von Fußballprofis vor allem aus Brasilien ist ein riesiges Geschäft. Statistiker haben ausgerechnet, dass jedes Jahr etwa rund 700 Talente in die Profiligen der Welt wechseln, von der Serie A in Italien bis zur zweiten Liga in Thailand. Dieser lebende Rohstoff bringt Brasilien angeblich rund 100 Millionen Euro pro Jahr — und damit doppelt so viel wie der Export von Kaffee. Die Fußballschulen rechnen knallhart. Für Ernährung, Training, Unterkunft und Erziehung veranschlagen sie jährlich 3000 Euro pro Kind.

Die Mehrzahl der Transfers wird abseits der Öffentlichkeit abgewickelt. Oft verdient daran nur der Spielerberater. Immer wieder kommt es zu tragischen Ereignissen, wenn alleingelassene Kicker in Einsamkeit und Depression verfallen. Von Selbstmorden in Thailand, Osteuropa oder Nordafrika nimmt niemand Notiz. Michel Platinis Vorgänger als Uefa-Präsident, der Schwede Lennart Johannson, nannte das Geschäft mit Talenten "Kindesentführung und nichts anderes".

(RP)