Maurizio Sarri: Zehn Besonderheiten aus der Karriere des Trainers von Chelsea

Zehn Dinge über Chelsea-Trainer Maurizio Sarri : Wandervogel, Kettenraucher, „Mister 33“

Beim Wechsel-Eklat im englischen Ligapokal-Finale stand Chelsea-Coach Maurizio Sarri im Mittelpunkt. Wir blicken auf zehn Besonderheiten in der Karriere des italienischen Trainers zurück.

Es war die kurioseste Szene des Fußball-Wochenendes: Im Finale des englischen Ligapokals zwischen dem FC Chelsea und Titelverteidiger Manchester City steht es nach 119 Minuten noch 0:0. Chelsea-Coach Maurizio Sarri möchte kurz vor dem entscheidenden Elfmeterschießen Stammtorwart Kepa Arrizabalaga vom Feld nehmen und den Argentinier Willy Caballero einwechseln.

Doch Kepa weigert sich, bleibt auf dem Feld und bestreitet das Elfmeterschießen, das City am Ende für sich entscheidet. Ein Eklat, der selbst für die lange und ereignisreiche Laufbahn von Sarri ein absolutes Novum ist. Wir blicken auf zehn Besonderheiten seiner Karriere zurück.

1. Wander- statt Paradiesvogel: 19 Vereine in 28 Jahren
Sarri ist ein Wandervogel, der seit 1990 bereits 19 verschiedene Vereine trainiert hat. Bei keinem Team blieb der knorrige Italiener länger als drei Jahre. Sein aktueller Job in London ist dabei allerdings der erste außerhalb seines Heimatlandes. Im aktiven Bereich kam der in Neapel geborene Italiener nie über den Amateurbereich hinaus: “Ich war ein rustikaler, respekteinflößender Innenverteidiger mit wenig fußballerischem Talent“, sagt Sarri selbst über sich.

Mit 31 Jahren wechselte er die Seiten und nahm seinen ersten Trainerjob an - in den absoluten Niederungen des italienischen Fußballs. Sarri trainierte Teams an Orten wie Stia, Faellese, Cavriglia und Tegoleto - seine ersten Stationen als Trainer lesen sich wie eine Ochenstour durch die Toskana. 2000 übernimmt er Sechstligist AC Sansoviono und führt den Verein in die vierte italienische Liga. Es folgen unzählige Jobs bei unterklassigen italienischen Klubs, ehe er 2014, nach 24 Jahren als Trainer, mit dem FC Empoli in die Serie A aufsteigt. Von dort führte der Weg über seinen Herzensverein SSC Neapel nach Chelsea.

2. Sie nennen ihn „Mister 33“
In seiner erfolgreichen Zeit bei Sansovino Anfang des Jahrtausends bekommt Sarri auch seinen Spitznamen „Mister 33“ verpasst. Grund für diesen Namen soll die Anzahl an Varianten bei Standardsituationen sein, die er seinen Teams beibringt. „Am Ende haben wir davon immer nur noch vier oder fünf benutzt“, verriet Sarri mal in einem Interview. Dennoch: Es zeigt wie detailversessen der Italiener seine Mannschaften einstellt und an Taktiken feilt.

Das bestätigte auch der Engländer Nathaniel Chalobah, der 2015 von Chelsea an den SSC Neapel unter Trainer Sarri ausgeliehen war: „Als ich dort ankam, hatte ich noch nie in meinem Leben einen Einwurf trainiert. Aber Neapel hatte zehn verschiedene Signale, wie sie einen Einwurf ausführen. Man gab mir an meinem ersten Tag eine Übersicht der Signale, um sie zu lernen.“

3. Der ehemalige Banker im Trainingsanzug
Vor seiner Laufbahn als Trainer im Profibereich machte Sarri Karriere beim italienischen Kreditinstitut „Banca Monte dei Paschi di Siena“. Damals kam der Sohn einer Arbeiterfamilie, dessen Vater Amerigo als Kranfahrer beim Stahl-Giganten „Italsider“ angestellt war, nicht umhin einen feinen Anzug zu tragen. Seitdem er hauptberuflich Fußballmannschaften coacht, hat der Italiener seinen Kleidungsstil rapide verändert und trägt an der Seitenlinie ausschließlich Trainingsanzüge. Dabei spielt es keine Rolle, ob es in der Serie A gegen Chievo Verona ging, oder im Champions-League-Achtelfinale gegen Real Madrid. Der 60-jährige Coach präsentiert sich stehts mit seinem geliebten Trainingsanzug - auch beim FC Chelsea.

4. Für Kettenraucher Sarri baut RB Leipzig seine Kabine um
Dass der Italiener als starker Kettenraucher gilt, ist hinlänglich bekannt. Auf bis zu 60 Zigaretten soll Sarri täglich kommen. Grund genug für RB Leipzig, gleich einen ganzen Raucherbereich für den damals noch an der Seitenlinie von Neapel stehenden Trainer einzurichten. In der vergangenen Europa-Leauge-Saison traf Neapel im ersten K.o.-Spiel auf den deutschen Klub. Für das Rückspiel in Leipzig baute der Bundesligist kurzerhand einen Raucherraum, der zuvor von Physiotherapeuten in Benutzung war. Die Kosten von 1.200 Euro übernahm übrigens Neapel.

5. Neapels Espresso-Mitarbeiter
Nikotin scheint nicht die einzige Schwäche Sarris zu sein. In seinen drei Jahren bei Neapel stellte der Verein extra einen Mitarbeiter an, der hauptsächlich zum Espresso kochen und ausschenken während der Trainingszeiten zuständig war. Davon profitierte übrigens nicht nur der Coach, sondern auch die anwesenden Journalisten.

6. Der Gegenentwurf zur „englischen Attitüde“
In London steht der Italiener aktuell nicht nur wegen des ausbleibenden, sportlichen Erfolges in der Kritik. Die britische Zeitung „The Sun“ meldete zuletzt, dass sich Klubbesitzer Roman Abramowitsch mehr „british attitude“ von seinem Coach an der Seitenlinie wünsche: Demnach störe sich der russische Milliardär am übermäßigem Zigarettenkonsum, den Sarri in England auch dadurch stillt, dass er während des Spiels auf Zigarettenstummeln kaut. Auch der legere Kleidungsstil soll Abramowitsch ein Dorn im Auge sein.

7. Kein Interesse am Transfermarkt-Theater
Der im Winter bekannt gegebene Wechsel von BVB-Jungstar Christian Pulisic zum FC Chelsea offenbarte eine weitere untypische Seite Sarris: „Ich wusste gestern noch nichts von dem Pulisic-Transfer. Sie haben vor einem Monat nach meiner Meinung über ihn gefragt. Meine Einschätzung war positiv und heute weiß ich auch, dass der Transfer durch ist. Vorher wusste ich aber nichts“, meinte der Trainer damals.

Dies war nicht etwa eine böswillige Aktion des Vereins, um seinen Coach zu diskreditieren, sondern entspricht der Vorstellung des Italieners. Er sieht sich nicht als Teammanager, wie vor allem in England üblich, sondern als reiner Trainer, der mit den Spielern arbeitet, die ihm der Verein zur Verfügung stellt. Das hat einen einfachen Grund. Sarri ist genervt vom Wechsel-Theater im Profifußball: „Ich bin einer der wenigen Trainer, die vom Transfermarkt gelangweilt werden. Interessiert mich nicht.“

8. „Italienischer Fußball ist verkommen“
Sarri gilt als Taktik-Genie mit Hang zum spektakulären Offensivfußball. Allerdings ist der 60-Jährige auch ein Hitzkopf an der Seitenlinie. Das brachte ihm 2016 einen handfesten Skandal ein. In einem Pokalspiel gegen Inter Mailand soll er Inters damaligen Trainer Roberto Mancini als „Schwuchtel“ beleidigt haben. „Typen wie er gehören nicht in den Fußball. Er ist ein Rassist“, kritisierte Mancini damals. Nachträglich entschuldigte sich Sarri auf seine ganz eigene, knurrende Art und Weise: „Das Adrenalin während eines Spiels führt dazu, dass man schlechte Witze macht, aber das sollte nach dem Spiel kein Thema mehr sein.“

Bereits 2014 soll sich Sarri gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ mit einem ähnlichen Vokabular geäußert haben: „Der italienische Fußball ist zu einem Schwuchtelsport verkommen - hier werden viel mehr Fouls gepfiffen als in England, als sei das hier eine Homosexuellen-Liga".

9. Sexismus-Skandal in Italien
Neben Homobophie, die Sarri vehement von sich weißt, wurde dem Italiener zudem auch schon Sexismus vorgeworfen. Das lag an einer Aussage, die er zu Neapel-Zeiten einer Journalistin entgegnete: „Du bist eine Frau und hübsch, daher antworte ich dir nicht, du sollst dich verpissen.“ Sarri entschuldigte sich im Anschluss für seine Worte.

10. Fluch und Segen: Die direkte Art eines Arbeiterkindes aus Neapel
Für seine Skandale entschuldigte sich Sarri nachträglich. Die direkte, manchmal zu forsche Art, des Italieners ist zugleich Fluch und Segen. Das können vor allem seine Ex-Spieler aus Neapel bestätigen. Dem argentinischen Stürmer Gonzalo Higuain, den er im vergangenen Winter nach London holte, sagte er damals in Neapel: „Du bist zu faul. Wenn du nichts an dir und deiner Einstellung änderst, wirst du nie ein guter Stürmer.“

Higuian erzählte später, dass er vor allem durch diese Worte weiter angespornt wurde. 2015/2016 wurde er Torschützenkönig der Serie A - unter Sarri. Auch Spieler wie Hamsik, Mertens und Callejon machte der Italiener sichtlich besser.

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