FC Liverpool: Jürgen Klopp wartet auch nach vier Jahren noch auf einen Titel

Vier Jahre ohne Titel : Jürgen Klopp, der Unvollendete

Jürgen Klopp ist in Liverpool angetreten, um Titel zu gewinnen. Das wird ihm auch im vierten Jahr womöglich nicht gelingen. Das öffentliche Urteil darüber ist ihm jedoch herzlich egal.

Der Teufel ist ein Eichhörnchen. Damit ist er längst aufgeflogen, aber der Trick hat Schule gemacht. Wenn sich im Champions-League-Halbfinale Barcelona und der FC Liverpool gegenüberstehen, ist die beste Tarnung die von dem, der dem ganzen Rummel schlicht entsagt. So kam es, dass der wichtigste Akteur des Spektakels am Mittwochabend mal wieder ein scheinbar zu kurz geratener Phlegmatiker war, der mutmaßlich nur auf Anraten hartnäckiger PR-Berater inzwischen wenigstens einen Bart und die alte Tätowierung von Arturo Vidal aufträgt. Doch noch immer schlurft dieser Lionel Messi vorzugsweise mit hängenden Schultern und gesenktem Blick über den Platz und würde auf einem Ascheplatz wohl gelangweilt Steinchen vor sich herkicken, nur um dann im Ballbesitz spontan zum Fabelwesen zu mutieren.

Im anderen Team zappelte derweil ein Trainer an der Seitenlinie, der den Anlass dieses Fußball-Feiertags damit würdigte, dass er sich den scheinbar bollerigsten Trainings-Zwirn aus seiner Sammlung rausgelegt hatte, begleitet vom fast schon ikonischen Dreiklang aus Bart, Brille und Kappe. Dem Anlass gerade noch angemessen – wenn es denn ein Kreispokalfinale gewesen wäre. Dass beide wenig auf Blendwerk geben, konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im Stande sind, alle anderen Akteure dieser Partie zu überstrahlen.

Ja, das gilt explizit auch für Jürgen Klopp. Sollte die Erinnerung daran in Deutschland zwischenzeitlich verblasst sein, gab er zuletzt in verschiedenen Gesprächen mit deutschen Medien einen Auffrischungskurs in eigener Sache. So pointiert wie keiner seiner Zunft plauderte er über sein Vorbild Winnetou, übers Biertrinken mit Boris Becker und gestand, dass er noch immer raucht. Da war er wieder, Jürgen Klopp, der Menschenfänger, der Überwältiger. Noch Generationen werden sich vermutlich an der Frage abarbeiten, ob dieser Mann nun arrogant oder sympatisch, eitel oder volksnah, authentisch oder schlicht der beste Jürgen-Klopp-Darsteller des Planeten ist. Eins kann man ihm nicht absprechen: beinahe unwiderstehliches Charisma. Klopp ist ein brillanter Redner, ein exaltierter Lacher mit stechenden Pointen, der sich selbst ganz nassforsch als „guten Freund“ charakterisiert. Viele würden gerne erfahren, wie das so ist, als Freund von Jürgen Klopp. Der große Blonde aus dem Schwarzwald könnte in Deutschland daher so ziemlich alles werden: Wer-wird-Millionär-Moderator oder Bundespräsident. Für die zweite und dritte Karriere wäre gesorgt. Für Menschen mit seiner Aura ist die Welt ein Ort ohne Türen.

Allein vermittels seines Wesens Spiele zu gewinnen, ist dem 51-Jährigen bislang jedoch noch nicht gelungen. Und deshalb eilt dem Fußballlehrer Jürgen Klopp seit dem vergangenen Mittwoch mehr denn je der Schatten seines eigenen Erfolgs voraus. Nach der 0:3-Niederlage im Camp Nou gibt es kein so wirklich glaubhaftes Szenario mehr, mit dem Liverpool erneut ins Champions-League-Finale einziehen könnte. In der heimischen Liga hat der Fußballgott vor das Erreichen eines Titels derzeit Manchester City gesetzt. So wird der FC Liverpool zwar am Ende der Spielzeit voraussichtlich nur ein einziges seiner 38 Saisonspiele verloren haben – und dennoch wieder nur Zweiter werden.

Silberware wird auf der Insel dabei durch die zahlreichen Wettbewerbe recht günstig gehandelt. Selbst einem sonst auf strikte Mittelmäßigkeit bedachten Laden wie dem FC Arsenal sind seit Klopps Einstand an der Merseyside im Oktober 2015 drei Titel vor die Füße gefallen. Dem deutschen Trainer fehlt in Liverpool seither Vergleichbares. Zwei Meisterschaften und ein DFB-Pokalsieg haben Klopp in Dortmund zur Ikone werden lassen, doch im Jahr seines vierten Amtsjubiläums als Liverpool-Coach wächst sich die Titellosigkeit zunehmend zum Makel aus. Schließlich war es Klopp selbst, der bei seinem Antritt in Liverpool einst unkte, dass er wohl eher in der Schweiz arbeiten würde, wenn er in den nächsten vier Jahren keinen Titel präsentieren könnte. Nachfragen nach seinem selbst gestellten Ultimatum moderiert er aber souverän: „Es ist einfach eine schwierige Zeit, um Titel zu gewinnen. Dementsprechend ist die Gefahr nicht wirklich groß, dass mich jemand entlässt, wenn wir keinen Titel gewinnen“, erklärte er bei Sky.

Von Misserfolg zu sprechen, wäre in der Tat eine sträfliche Verkürzung. Klopp hat einen darbenden Verein mit viel Tradition und mäßigen Erfolgen eine internationale Spitzenmannschaft transformiert, die wie selbstverständlich um die europäische Krone kickt. In der Liga wird Liverpool mit nicht viel weniger als 100 Punkten einlaufen. Eine lupenreine Meistersaison, die vielleicht nur nicht mit der Meisterschaft belohnt wird.

In Dortmund ging Klopp als Entschlüsselter, sein taktisches Konzept galt als dechiffriert, noch heute glauben viele, dass der Dortmunder Fußball der frühen 2010er Jahre auf große Mannschaften nicht zugeschnitten sei. Liverpool beweist das Gegenteil. Doch vor allem überzeugt der Coach in England als Teambuilder: Sadio Mané und Mohamed Salah erblühten unter seiner Ägide zu Weltstars. In den letzten Transferphasen nahm er sich mit chirurgischer Präzision den verletzlichen Stellen seines Teams an. Mit Alisson Becker verpflichtete er einen Weltklasse-Torwart und in Virgil van Dijk den teuersten aber derzeit wohl auch besten Innenverteidiger überhaupt.

Selbst die im Ergebnis deutliche Niederlage in Barcelona soll diese Errungenschaften nicht schmälern. Zwischen zwei herausragenden Mannschaften lag am Ende dieses Abends lediglich ein Messi - eine Währung, die im Weltfußball kaum aufzuwiegen ist. „Außer dem Ergebnis fand ich alles gut“, urteilte Klopp daher etwas überraschend. Es fällt schwer, das einem so ausgemachten Wüterich und leidenschaftlich schlechten Verlierer wie Klopp zu glauben. Ein verlorenes Halbfinale und eine Vizemeisterschaft alles sein, was Liverpool für eine solch herausragende Saison bekommt. Eine Vorstellung, gegen die doch jede Faser eines Typs wie Klopp rebellieren müsste. Doch es überwiegt die Erkenntnis, dass Liverpool kaum mehr hätte leisten können. Über die letzten Prozente entscheiden Glück und Pech. Schwierige Zeiten, um einen Titel zu gewinnen.

Um Klopps Rang im Weltfußball einzuschätzen, liegt ein Blick auf die letzten Liste der letzten Champions-League-Gewinner nahe: Das waren drei Mal Zinedine Zidane, Luis Enrique, Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes und Roberto di Matteo - aus unterschiedlichsten Gründen nun auch nicht das „Who is Who“ der Welttrainer. Würden allein Titel Klopp antreiben, man müsste ihm daher wohl einen Vereinswechsel anraten. Doch auch ein tiefer Blick in die Augen hinter der runden weißen Brille lassen nicht daran zweifeln, wenn dieser Trainer sagt, dass Ruhm für ihn zweitrangig ist.

Meist ist es ein zuverlässiger Ausweis echter Betroffenheit, wenn Menschen behaupten, dass Kritik an ihnen abperle. Bei Klopp ist das anders. Wie er etwa zuletzt im Interview mit der Deutschen Welle sagte: „Ich schere mich nicht darum, was andere Leute über mich denken. Ich interessiere mich sehr für andere Leute, aber es interessiert mich nicht, was sie über mich denken.

Sicher werden Titel wie kaum etwas anderes darüber entscheiden, wie man Klopps Wirken in der Rückschau betrachten wird. Man darf aber glauben, dass dem Trainer, der sich selbst einst zu „The Normal One“ verklärte, diese Einschätzung tatsächlich ziemlich egal ist.

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