FC Liverpool: Das Erfolgsgeschäft mit der zweiten Reihe

Vor dem Champions-League-Halbfinale : Liverpools Erfolgsgeschäft mit der zweiten Reihe

Der FC Liverpool nimmt Millionen mit dem Verkauf seiner Reservisten ein und investiert das Geld in Weltstars. Der Lohn ist die Chance auf das zweite Champions-League-Finale in Folge.

Ende April, ein Dienstagabend in New York. Acht Tage vor dem Hinspiel im Champions-League-Halbfinale beim FC Barcelona hat Mohamed Salah sein rotes Trikot ausnahmsweise gegen den roten Teppich getauscht. Der Offensivspieler des FC Liverpool wurde vom „Time“-Magazin unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt und flog für die Gala kurzerhand über den großen Teich. An den Glamour der Zeremonie scheint sich der schüchterne Ägypter noch gewöhnen zu müssen, dabei ist Salah wegen seiner beeindruckenden Leistungen in Liverpool inzwischen ein Weltstar.

Vom „Big Apple“ geht es ins wenig glamouröse Watford, mitten in den Premier-League-Abstiegskampf. An jenem Dienstagabend empfängt der FC Watford den FC Southampton. Bei den Gästen sitzt Stürmer Danny Ings 90 Minuten auf der Bank. Was Salah und Ings verbindet, ist eine gemeinsame Zeit in Liverpool – sportlich trennen die beiden im Frühling 2019 aber Welten. Im vergangenen Sommer hat Ings beschlossen, den FC Liverpool zu verlassen. Das Offensiv-Trio bestehend aus Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino ist einfach zu stark.

Im Gegensatz zu Scheich-Klubs wie Paris Saint-Germain und Manchester City wollen die „Reds“ Spieler aus der zweiten Reihe nicht ziehen lassen, ohne größtmögliche Einnahmen zu erzielen. Der Weiterverkauf dieser Spieler hat sich in Liverpool zu einem wertvollen Geschäftsmodell entwickelt. Während Manchester City seit 2016 ein Transferminus von 420 Millionen Euro vorweist, bewegen sich die „Reds“, seitdem Jürgen Klopp im Herbst 2015 verpflichtet wurde, bei Mehrausgaben bei Ein-und Verkäufen von 100 Millionen Euro.

Vorangetrieben wurde dieses Geschäftsmodell von Michael Edwards. Seit Sommer 2015 ist der Engländer in verantwortlicher Position beim FC Liverpool tätig – erst als technischer Direktor und seit Herbst 2016 als Sportdirektor. Im Falle von Ings gelang es Edwards, 23 Millionen Euro einzunehmen. Damit ist mehr als die Hälfte der Ablöse für Salah (ca. 40 Millionen Euro), den der Sportdirektor 2017 nach Liverpool lotste, wieder abgedeckt. Im Vergleich: Während es Ings kaum in den Spieltagskader schaffte, wurde Salah in seiner ersten Saison unter Klopp Spieler des Jahres und Torschützenkönig in England.

In der Vermarktungsmaschine Premier League sitzt das Geld auch bei Teams aus der unteren Tabellenhälfte sehr locker, mögliche Abnehmer gibt es also zu Genüge. Jordon Ibe, Brad Smith und Dominic Solanke wurden nach Bournemouth verkauft. Zuletzt ging der dritte Torhüter Danny Ward zu Leicester. Allein für das Quartett wurden rund 60 Millionen Euro eingenommen. Dem steht der Rekordtransfer für Virgil van Dijk gegenüber. Für den Verteidiger wurden im Januar 2018 rund 85 Millionen Euro an Southampton überwiesen. Er sorgte für Stabilität, aktuell stellen die „Reds“ die beste Defensive der Liga (20 Gegentore in 36 Ligaspielen). Am Sonntag wurde van Dijk zum Spieler des Jahres gekürt.

Edwards fädelte auch den van-Dijk-Deal ein, im Konzert der Großen und Reichen bleibt der Sportdirektor aber gern im Hintergrund. Interviews gibt er keine. Anlässlich seiner Beförderung 2016 veröffentlichte der Verein überhaupt zum ersten Mal ein Bild von Edwards. Erfreut war er nicht: Laut der „Times“ befürchtete der Sportdirektor, nicht mehr inkognito auf Spielersuche gehen zu können.

Zu den Leistungsträgern bei Liverpool gehört neben der Defensivachse, bestehend aus Torhüter Alisson Becker und van Dijk, den Offensivkünstlern Mané und Salah auch der Schotte Andrew Robertson – bei allen Transfers war Edwards federführend. Robertson kam 2017 von Absteiger Hull, dafür ging Mittelfeldspieler Kevin Stewart in die zweite Liga. Während Stewarts Leistungen bei Hull unauffällig sind, zählt Robertson inzwischen zu den besten Linksverteidigern der Welt. Da spricht man gern vom berühmten goldenen Händchen und das bei einem Mann, der überhaupt nicht berühmt sein will.

Champions-League-Halbfinale,
Mittwoch, 20.45 Uhr, FC Barcelona - FC Liver­pool (live bei Sky und Dazn).

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