Brasiliens Fußball ächzt unter zu vielen Spielen

Mehrere Wettbewerbe parallel : Brasiliens Fußball ächzt unter zu vielen Spielen

Der Spielplan für Profi-Fußballer in Brasilien ist erbarmungslos. Durch Zusatzwettbewerbe kommen Spieler wie Rafinha schon mal auf mehr als 83 Partien in der Saison.

Findige brasilianische Journalisten haben es schon einmal ausgerechnet. In seiner langen Karriere auf europäischem Boden hat Rafinha nie mehr als 50 Mal in einer Saison den grünen Rasen betreten müssen. Sowohl bei Schalke 04 als auch bei Bayern München zählte der Brasilianer dennoch zu jenen Akteuren, die bei einem Klub unter Vertrag standen, deren Profis als Vielspieler gelten. Vor allem beim FC Bayern, der neben seinen 34 Bundesliga-Spieltagen auch oft das DFB-Pokalfinale erreichte und in der Champions League weit kam. In seiner letzten Saison bei Bayern München beklagte sich Rafinha, er habe bei Trainer Nico Kovac nicht so viele Spiele bekommen. Diese Gefahr besteht bei seinem neuen Arbeitgeber nun ganz bestimmt nicht mehr.

Inzwischen steht Rafinha beim Traditionsklub Flamengo aus Rio de Janeiro unter Vertrag und gab am Wochenende im Maracana sein Debüt im Heimspiel gegen Goias. Anpfiff der Partie: Sonntagmorgen um 11 Uhr Ortszeit, den TV-Rechteinhabern zu Liebe. Es war zugleich auch das Heim-Debüt von Neu-Trainer Jorge Jesus (ehemals Benfica und Sporting Lissabon). Mehr als 60.000 Zuschauer wollten die Debüts live miterleben. Flamengo gewann mit 6:1 (4:1). Rafinha wurde nach einer Stunde beim Stand von 5:1 unter dem Beifall der Zuschauern ausgewechselt.

Weil in Brasilien der Profi-Fußballer einen noch viel erbarmungsloseren Terminkalender hat, beginnt für Rafinha nun die große Hatz. Der brasilianische Pokal, die „Copa do Brasil“, wird nach der Vorrunde in Hin- und Rückspiel ausgetragen. Die brasilianische Meisterschaft, die Seria A, prügelt ihre 38 Spieltage ab Ende April in knapp sieben Monaten durch unzählige englische Wochen. In den ersten Monaten des Jahres bleibt dann noch Zeit für die sogenannten Staatsmeisterschaften, im Fall von Rafinhas neuem Klub Flamengo ist das die des Bundesstaates Rio de Janeiro.

Bei der „Campeonato Carioca“ gibt es nach einer Vorrunde noch einmal Halbfinal- und Endspiele mit Hin- und Rückspielen. Und natürlich ist Flamengo auch noch international aktiv, in der südamerikanischen Variante der Champions League, der Copa Libertadores. Ein Wettbewerb, um die Vereinskasse zusätzlich etwas füllen zu können. Ein kleiner Blick auf Rafinhas Terminkalender verrät ein sportliches Programm: Bis Ende des Monats wird er in den ersten 14 Tagen nach seinem Debüt drei Meisterschaftsspiele, mindestens ein Pokal-Rückspiel sowie zwei Copa-Libertadores-Spiele bestreiten: Macht also schon einmal sechs Spiele in 14 Tagen, die ihn aus Rio unter anderem bis ins ecuadorianische Guayaquil (eine Flugstrecke 4675 Flugkilometer) einmal quer über den Kontinent von der Atlantik- bis an die Pazifikküste führen wird.

Bleibt Flamengo in allen Wettbewerben bis zum Ende aktiv, könnte eine ähnlich hohe Zahl an Spielen herauskommen wie bereits im Jahr 2017, als Flamengo sage und schreibe 83 offizielle Pflichtspiele in einem Kalenderjahr bestritt. Zum Vergleich: Das wäre eine komplette zusätzliche Bundesliga-Saison zu den ohnehin schon 50 Spielterminen, die Rafinha mit einem Vielspielerklub wie Bayern München gewohnt ist. Mit Reisen, die innerhalb des Landes bis zu fünf Stunden und innerhalb der internationalen Wettbewerbe bis zu zehn Flugstunden Stunden für eine Strecke quer durch verschiedene Zeit-­, Höhen-, und Klimazonen bedeuten können. Das alles hat Rafinha nicht abgeschreckt: „Bayern war ein Gigant in Europa, Flamengo ist ein Gigant in Brasilien. Ich bin gekommen, um Titel zu gewinnen.“ Und vor allem, um viel zu spielen.

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