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Brasilien: Ronaldinho und Co. unterstützen Rechtspopulisten im Wahlkampf

Ronaldinho und Co. : Brasilianische Sportstars unterstützen Rechtspopulisten im Wahlkampf

Ronaldinho und andere brasilianische Sportstars schlagen sich im Präsidentschafts-Wahlkampf demonstrativ auf die Seite des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro. Dafür nehmen sie auch Konsequenzen in Kauf.

Als Felipe Melo im September nach seinem Ausgleichstreffer zum 1:1 beim EC Bahia vor den Mikrofonen am Spielfeldrand halt machte, brach er bewusst beiläufig ein Tabu. "Dieses Tor widme ich unserem zukünftigen Präsidenten Bolsonaro", sagte der 35 Jahre alte Routinier, bei der WM 2010 Buhmann für Brasiliens Viertelfinal-Aus.

Ein politisches Statement auf dem Fußballrasen, noch in der Kleidung seines Arbeitgebers SE Palmeiras, für einen rechtspopulistischen Kandidaten: Im die Nation polarisierenden, emotional bis zur Körperverletzung gehenden Wahlkampf um das höchste Staatsamt schießen gar Brasiliens Sportler übers normale Maß hinaus, nehmen Sanktionen billigend in Kauf.

Wenn die Umfragen der letzten Monate wirklich Volkes Stimme wiedergeben, kürt der südamerikanische Gigant am Sonntag (28. Oktober) Jair Bolsonaro (63), vor sieben Wochen bei einer Messerattacke verletzt, mit der Eingabe der Nummer 17 auf der elektronischen Urne zum neuen Präsidenten. Eine Zahl, mit der der zweimalige Weltfußballer Ronaldinho beim FC Barcelona nun viele Sympathien verspielte.

Nur wenige Stunden vor dem ersten Wahlgang (7. Oktober) hatte der Weltmeister von 2002 in einem Twitter-Eintrag im Selecao-Trikot mit der 17 auf dem Rücken für den Hauptmann der Reserve, der seit drei Jahrzehnten im Abgeordnetenhaus die Hinterbank drückt, geworben. "Für ein besseres Brasilien wünsche ich Frieden, Sicherheit und einen, der uns die Freude zurückgibt", schrieb der 38-Jährige.

Der spanische Traditionsklub respektiere laut Pressesprecher Josep Vives zwar die Meinungsfreiheit, stellte aber klar: "Unsere Wertvorstellungen entsprechen nicht den Worten, die wir von diesem Kandidaten vernommen haben." Und so überlegen die Katalanen, Ronaldinhos Präsenz im Legenden-Team und bei weltweiten PR-Aktionen, für die das Klub-Idol gut kassiert, einzuschränken.

Auch Palmeiras distanzierte sich längst von Melos politischem Ausritt. Nationalspieler Lucas Moura bekam nach einem Twitter-Eintrag, in dem er Bolsonaro gegen Kritiker verteidigt, von Tottenham Hotspur gar einen Maulkorb verpasst. Denn der radikale Diskurs des Scharfmachers Bolsonaros kratzt am Marken-Image der Klubs, widerspricht Werten, für die die Vereinsfarben stehen.

Für seine Anhänger ist er schlicht "o mito", der mythische Held im Aufstand gegen das Establishment, das beim Krisenmanagement des wankenden Riesen total versagt hat. Rassistische Attacken, frauenfeindliche Sprüche, sein unverhohlener Ekel vor Schwulen, seine Treueschwüre auf die Militärdiktatur: All dies stößt mehr im Ausland als daheim am Zuckerhut auf Empörung, Unverständnis, gar Angst vor dem, was kommt.

"Deine Stimme wird einen Präsidenten wählen, und keinen Vater", entgegnet Rivaldo, mit Ronaldinho WM-Champion und vor ihm Weltfußballer, per Twitter und stellt klar: "Wir brauchen ihn, um die Probleme unseres Landes zu lösen, und nicht, um uns Werte beizubringen."

Ähnlich sieht das auch der zweimalige Formel-1-Weltmeister Emerson Fittipaldi, der Bolsonaro im Krankenhaus besuchte. Die Volleyball-Nationalspieler Wallace und Mauricio formten auf dem Foto einer offiziellen Verbandsmeldung die Zahl 17 mit ihren Fingern. Mixed-Martial-Arts-Idol Jose Aldo nahm ein Video für den Kandidaten auf. Futsal-Legende Falcao verbreitet seine Bewunderung über Instagram.

Die gegen Bolsonaro gerichtete Protestbewegung #EleNao scheint in Sportlerkreisen eher für den Gegenkandidaten zu gelten. Nur wenige halbwegs namhafte Athleten stärken Fernando Haddad den Rücken. Seine Arbeiterpartei PT wurde Mitte 2016 nach über 13 Jahren entmachtet und steht als Sinnbild für Krisen und Korruption am Pranger.

Und die Selecao? "Ich darf, ich will, aber ich sollte nicht sprechen. Meine Position erlaubt das nicht", antwortete jüngst stellvertretend Nationaltrainer Tite. Da denkt dann doch einer noch ans Image.

SID xhg rd

(sid/ako)