Pierre Littbarski gibt Lukas Podolski Tipps für Japan

Pierre Littbarski im Interview : "Poldi muss für Japan keine Wurst einpacken"

Ex-Japan-Legionär Pierre Littbarski gibt Lukas Podolski Tipps für seinen anstehenden Wechsel nach Kobe. Der Weltmeister von 1990 sieht Parallelen zwischen sich selbst und "Poldi".

Grinsend setzt sich Pierre Littbarski an den Tisch im modern gestalteten VfL-Center. "So, dann wollen wir mal", sagt der 56-Jährige, der in Wolfsburg Chef der Abteilung "Spielerbeobachtung und Entwicklung" ist. Er wird gleich über Japan sprechen dürfen. Die Freude darüber ist in "Littis" Augen zu erkennen. Zehn Jahre war er als Spieler und Trainer dort und hat sich in Land und Leute verliebt.

Herr Littbarski, Sie haben 14 Jahre für den 1. FC Köln gespielt, wurden Weltmeister. In der vergangenen Woche hat ein weiterer Kölner Weltmeister die Karriere in der Nationalelf beendet. Wie haben Sie das Abschiedsspiel von Lukas Podolski verfolgt?

Littbarski Ich war im Stadion und habe es mehr als Fan geschaut. Poldi und ich haben ein gutes Verhältnis, wir treffen uns zwischendurch. Und da ich seinen Lebensweg verfolgt habe — auch durch den Bezug zu Köln — hat mich das Tor so sehr gefreut. Das passte wie der Deckel auf den Topf. Ein toller Abschluss.

Sehen Sie Parallelen zwischen Litti und Poldi, der nach der Saison von Galatasaray Istanbul nach Kobe in Japan wechseln wird?

Littbarski Er hatte — vielleicht bis auf die vergangenen zwei Jahre — durch sein Wesen immer diese Leichtigkeit im Spiel. Das hat er auch auf die Zuschauer übertragen. Da sind schon Parallelen da. Dass jetzt zuletzt die Anerkennung nicht mehr so vorhanden war, ist auch vergleichbar mit meiner Situation damals. Der Aufbruch nach Japan ist jetzt die nächste Parallele. Und ich hoffe, dass er dort, wie ich früher, seine Spielfreude wiederfindet. Er weiß ja noch gar nicht, was auf ihn zukommt. Aber das wird Balsam auf die Fußballwunden sein.

Haben Sie bei Podolskis Entscheidungsfindung mitgewirkt?

Littbarski Ich weiß nicht, ob ich die Entscheidung beeinflusst habe. Ich habe aber mit seinem Berater gesprochen. Der wollte wissen, wie es in Japan im Allgemeinen und Kobe im Speziellen aussieht. Sehr wichtig waren ihm Informationen über die Menschen. Ich konnte insgesamt nur Positives berichten.

Persönlich haben Sie nicht mit Podolski über den Wechsel gesprochen?

Littbarski Noch nicht. Ich glaube, dass er sich noch melden wird.

Was würden Sie ihm raten?

Littbarski Ich habe dem Berater schon gesagt, er soll sich schnell um einen guten Dolmetscher kümmern. Der wird ein sehr wichtiger Begleiter im täglichen Leben sein.

Die Sprachbarriere ist somit das größte Hindernis?

Littbarski (lacht) Speziell bei Lukas natürlich ja. Er will sich ja auch präsentieren und richtig ausdrücken. Sprach- und Kulturbarrieren gehören da zusammen. Wenn ich einen Witz mache, lacht meine Frau, die aus Japan kommt, nicht immer. Die Übersetzung des Humors ist recht schwierig. Der Dolmetscher muss also auch menschlicher Berater sein. Er muss verstehen, wie bringe ich den Charakter Podolski richtig rüber.

Und Sie glauben, es gibt einen japanischen Poldi als Dolmetscher?

Littbarski Es ist wie mit Fußballern, es gibt gute und schlechte. Ein paar Sachen werden Lukas überraschen. Japaner sind Perfektionisten. Bei Interviews kommen die guten Dolmetscher zwei Stunden vorher und wollen die Antworten wissen, um sich vorzubereiten. Dann muss aber die Antwort auch so bleiben. Das ist natürlich ein bisschen schwierig. Poldi redet ja aus dem Bauch heraus. Auf der anderen Seite: Ohne Vorbereitung kommt es nicht so rüber, wie es rüberkommen sollte.

Passt denn der Charakter Poldi nach Japan? Funktioniert das?

Littbarski Das kann funktionieren. Er muss vielleicht ein bisschen zurückschalten. Die Freundlichkeit muss er aufrechterhalten und dann langsam austesten, was wie ankommt. Aber dafür hat er ein feines Gespür.

Welche Tipps haben Sie noch?

Littbarski Ich bin damals mit einem Koffer mit Brot, Wurst und Schokolade eingereist. Das braucht er nicht. Da ist auch wieder der Dolmetscher gefragt, der ihm zeigt, wo er essen kann, wo er sich wohlfühlen kann. Poldi ist auch kein Schicki-Micki-Typ. Der will irgendwo locker mit der Familie sitzen und Spaß haben. Diese Plätze gibt es in Kobe en masse. Zur Not gibt es in der Ginza in Tokio auch ein deutsches Lokal mit Schweinshaxe und Kölsch. Ich bin nach Japan gegangen und habe Fisch gehasst, jetzt liebe ich Fisch. Er wird ein paar Sachen kennenlernen müssen, die ihm aber dann bestimmt gefallen werden.

Noch etwas?

Littbarski Es gibt auch das Problem des Zurechtfindens. Am Anfang wird man erschlagen. Tipp: Nicht in der Innenstadt parken, es gibt keine Parkplätze, nur Parkhäuser. Aber wenn er abgeschleppt wird, sind die Japaner so nett, dass sie den Ort, wo er das Auto holen kann, mit Kreide auf den Boden schreiben. Er muss nur hoffen, dass kein anderes Auto auf der Schrift steht oder dass es stark regnet. Insgesamt muss er dafür sorgen, dass sich seine Familie dort wohlfühlt. Ich bin aber sicher, dass es funktionieren wird.

Es gibt ein japanisches Lehrbuch "Japanisch im Sauseschritt", das Sie mitentwickelt haben und in dem die Figur Litti vorkommt. Bekommt Podolski ein Exemplar?

Littbarski Angelegt war es, um im Sauseschritt zu lernen, aber es dauert tatsächlich sehr lange. Ich gucke mal, ob ich noch ein Exemplar finde. Es ist auf jeden Fall hilfreich. Als ich nach Japan gekommen bin, gab es nur Lernbücher Japanisch-Englisch. Daraufhin meinte mein Lehrer, lass uns doch ein Japanisch-Lernbuch für Deutsche machen. Neben diesem Lernbuch gibt es auch DVDs. Die japanische Sprache ist jedenfalls extrem schwierig zu lernen.

Das heißt? Wie lange dauert der Lernprozess?

Littbarski Ich habe zehn Jahre gebraucht, um mich richtig verständlich zu machen. Sieben, acht Jahre hatte ich nebenbei noch einen Dolmetscher, auf den ich mich verlassen habe. Währenddessen habe ich mit Frank Ordenewitz zusammen Vokabeln gepaukt. Richtig lernt man dann Japanisch erst, wenn man niemanden mehr zur Hilfe hat. Aber die Japaner verzeihen einem Fehler. Poldi wird sagen: ,Hüre Se, ich ben jetz zwei Johr he un dann geht´ s widder noh Hus'. Ich kann mir bei Poldi aber auch sehr gut vorstellen, dass es eine längere Liebe wird. Dann wäre es wichtig, die Sprache immer besser zu sprechen.

Beim VfL sind Sie für "Spielerbeobachtung und Entwicklung" zuständig. Was genau ist Ihr Aufgabenfeld?

Littbarski Am meisten Spaß macht es, im Stadion zu sitzen und einen Spieler zu sehen, den man vorher noch nicht auf dem Schirm hatte. Wenn einen plötzlich ein Junge an Messi oder Ronaldo erinnert. Das ist aber nur ein Bruchteil meiner Arbeit. Zusätzlich kümmer ich mich um Spieler-Datenbankpflege, Entwicklung der Kamerasysteme, Spielvorbereitung und -nachbereitung, Motivationslehrgänge und noch einiges mehr.

Wenn Sie sich an ihre aktive Zeit zurückerinnern: Wie irrwitzig erscheint der Aufwand im Scouting heute?

Littbarski 1983 war ich in Köln die rechte Hand des Trainers und da habe ich so ein bisschen angefangen, Daten zu sammeln. Damals gab es vielleicht eine Torschussstatistik, mehr nicht. In Japan habe ich dann auch ein paar Daten mit einem analogen Modem für meine Mannschaft heruntergeladen. Der Sprung zu heute ist enorm. Wir haben den gläsernen Spieler. Die Spieler kriegen schon sehr viel Input. Fußball ist aber auch so, wie Poldi das spielt. Los geht's und hau das Ding in den Winkel. Diese Art geht dabei vielleicht etwas verloren. Es gibt also Vor- und Nachteile.

Kann man diesen Instinktfußballer in der heutigen Zeit noch finden und einfach so sein lassen?

Littbarski Man muss die Daten richtig bewerten. Felix Magath hat mich mal um Laufdaten gebeten. Ich bin in der Halbzeit zu ihm und habe gesagt: ,Wir haben viel schlechtere Daten als der Gegner!' Später hat mich der Dienstleister angerufen und gesagt, sie hätte falsche Daten übermittelt. Die Laufdaten waren tatsächlich viel besser. Die Trainer, die erfolgreich sind, machen sich die Daten zunutze, aber ziehen auch andere Komponenten heran. Durchsetzungsvermögen, Führungsqualitäten, gefühltes taktisches Verständnis und mehr.

Sie waren Trainer. Jetzt sind Sie im Scouting tätig. Kehren Sie noch mal zurück?

Littbarski Für mich ist wichtig, dass man sich auch weiterentwickelt. Das Scouting in Wolfsburg aufzubauen, hat Spaß gemacht. Ich bin 15 Mal umgezogen. Irgendwann wollten wir als Familie mal etwas mehr Ruhe. Und die habe ich hier gefunden — in Verbindung mit einem guten Job. Aber: Das Trainerleben ist voller Adrenalin. Da kann mir keiner sagen, dass er einfach so aufhört. Aber momentan passt es bei mir eben nicht rein.

Wir werden aber Litti nochmal auf der Bank sehen?

Littbarski In Japan habe ich zwei Mannschaften durch eigene Fehler in den Sand gesetzt, weil ich die Kultur und den Verein nicht richtig kannte. Das wurmt mich und da würde ich gerne irgendwann nochmal arbeiten.

Als Trainer von Poldi?

Littbarski (lacht) Dann lasse ich ihn aber laufen. Alle Einheiten ohne Ball.

Wissen Sie, was Sie seit vergangenem Monat mit Joachim Löw gemeinsam haben?

Littbarski (lacht) Nicht so viel, oder? Er hatte deutlich mehr Erfolge als Trainer.

Es geht dabei gar nicht um Fußball. Löw wurde, genau wie Sie, zur Bundespräsidentenwahl in die Bundesversammlung eingeladen.

Littbarski Oh, ja. Das war 1989 und wirklich interessant. Allerdings haben die Medien daraus mehr gemacht. Für mich war es eine Überraschung, dass ich von der CDU eingeladen wurde, um Richard von Weizsäcker zu wählen. Eigentlich war ich politisch gar nicht so engagiert. Es war mehr so eine Art Werbegag.

Zu dieser Zeit waren Sie beim 1. FC Köln aktiv. Wie intensiv verfolgen Sie noch die Entwicklungen rund um den FC?

Littbarski Sehr intensiv. Allein schon durch unser Scouting. Aber natürlich habe ich noch eine Verbundenheit zum FC. Jörg Schmadtke und Peter Stöger gelingt es, den Spagat zwischen Euphorie und Erfolg zu meistern. Ich gucke mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge nach Köln. Denn wir wären mit dem VfL natürlich auch gerne da, wo sie derzeit stehen.

Gibt es denn Kölner Spieler, die Sie interessieren? Yannick Gerhardt ist ja im Sommer aus der Dom- in die Autostadt gewechselt.

Littbarski Vielleicht müssen wir uns jetzt etwas zurückhalten. Yannick Gerhardt ist ein klasse Spieler, den Köln bestimmt nicht gerne abgegeben hat. Dass die Kölner gut spielen, kommt nicht von ungefähr. Jonas Hector entwickelt sich prima, Timo Horn auch. Mich freut, dass Yuya Osako als Japaner auch für Furore sorgt und zu Anthony Modeste brauche ich nichts zu sagen. Sie haben eine sehr gefestigte Mannschaft mit vielen soliden Spieler und ein paar Ausnahmekönnern.

Sie waren nach der aktiven Karriere in Japan, Australien, der Schweiz und Liechtenstein tätig. In Deutschland für Leverkusen und Duisburg. Warum nie beim FC?

Littbarski Die Kontakte sind ein bisschen abgerissen. Dann bin ich nach Leverkusen gegangen. Eigentlich nicht der Weg für einen, der nach Köln gehört. Aber ich hatte kein Angebot vom FC. Die Liebe für den Verein ist zwar noch da, aber es wäre nicht vernünftig zurückzukehren. Außerdem bin ich in Wolfsburg glücklich.

Einen, mit dem Sie den WM-Titel 1990 gewannen, Thomas Häßler, zog es im Januar ins Dschungelcamp. Haben Sie das verfolgt?

Littbarski Ich habe mal reingeschaltet. Er wirkte ein bisschen gelangweilt. Aber ich habe Respekt für seinen Mut. Ich könnte das nicht.

Haben Sie noch engen Kontakt zu Icke Häßler?

Littbarski Zwischendurch haben wir immer mal Kontakt, ja. Leider schaffte er es nie zu den Treffen mit der Nationalmannschaft. Es wäre schön, wenn er da mal kommen würde.

(erer)