Chaos inmitten von Chaos: Die ukrainische Premjer Liga kickt wieder

Chaos inmitten von Chaos : Die ukrainische Premjer Liga kickt wieder

In der Ukraine läuft die Premjer Liga seit vergangenem Wochenende wieder. Über den Spielen liegt der Schatten der brisanten politischen Lage, denn in kaum einem europäischen Land sind Politik und Fußball so verzahnt wie hier.

Als die Fußballer von Tawrija Simferopol im Exil ihr erstes Heimspiel des Jahres austrugen, bekannten sich die anderen Bürger der Krim gerade an der Wahlurne zu Russland. Die 1:2-Niederlage gegen Dynamo Kiew im dortigen Olympiastadion am Sonntag könnte für lange Zeit das letzte Duell der beiden Vereine gewesen sein - die explosive politische Lage entzweit die ukrainische Liga genauso wie das Land.

Foto: dpa, sc sh

Auch wenn der Ball nach historischen 16 Wochen wieder rollt, ist die Rückkehr der Premjer Liga nach den revolutionären Protesten auf dem Maidan in Kiew und mitten in der Krim-Krise kein Anzeichen dafür, dass wieder ansatzweise Normalität herrscht. Im Gegenteil: Das aktuelle Machtvakuum und die Annektierung der Schwarzmeer-Halbinsel im Land des EM-Gastgebers 2012 belasten auch den Fußball, die Zustände sind ebenso chaotisch wie in der ganzen Nation.

Denn in kaum einem europäischen Land sind Politik und Fußball so verzahnt wie in der Ukraine. "Viele der Vereine sind Instrumente der Oligarchen, um deren politisches Profil zu stärken", sagt der deutsche Ukraine-Experte Manuel Veth vom King's College in London. Große Erfolge werden schamlos zu Propaganda-Zwecken ausgenutzt. So ließ sich der damalige Ministerpräsident Wiktor Janukowitsch nach dem UEFA-Pokal-Sieg "seines" Vereins Schachtjor Donezk 2009 gegen Werder Bremen ausgiebig mitfeiern - und wurde ein halbes Jahr später zum Staatspräsidenten gewählt.

Dazu kommt, dass viele der Klubs aus der Premjer Liga durch ihre Verbindung zu den Oligarchen auch Teil großer Medienunternehmen sind - eine ähnlich undurchschaubare Verzahnung wie beim AC Mailand, fachsprachlich auch nach dessen Präsidenten als "Berlusconisierung" bekannt.

Sobald diese fragwürdige Unterstützung wegfällt, bekommen die Vereine enorme Probleme. Vizemeister Metalist Charkow steht am Rande der Insolvenz. Vergangene Saison hatte Sergej Kurtschenko, Geschäftsführer von GasUkraina, den Verein gekauft. Ukraine-Experte Veth geht allerdings davon aus, "dass Kurtschenko nur eine Frontfigur für das Janukowitsch-Regime war". Gerüchtehalber soll der Verein auch als Geldwäsche-Instrument gedient haben.

Im Zuge der Revolution und der Absetzung Janukowitschs ist Kurtschenko nach Weißrussland geflohen, sein Vermögen wurde von der EU eingefroren, der Verein ist momentan zahlungsunfähig. Erfolgstrainer Myron Markewytsch ist bereits ebenso weg wie der ehemalige HSV-Sportvorstand Frank Arnesen, Stars wie der Argentinier Alejandro Gomez oder der Brasilianer Cleiton Xavier drohen bald zu folgen. Falls nicht wieder Charkows alter Mäzen Alexander Jaroslawski einspringt - auch, um seine Ansprüche auf den Posten als Gouverneur der Region zu stärken.

Unabhängig von der finanziellen Lage ihrer Arbeitgeber, sondern vielmehr aus Angst vor einer weiteren Eskalation, haben bereits einige ausländische Spieler ihre Verträge aufgelöst. Fünf Profis des diesjährigen Europa-League-Teilnehmers Tschernomorez Odessa sind in ihre Heimat zurückgekehrt, Starspieler wie der Brasilianer Bernard von Tabellenführer Donezk und sein rumänischer Trainer Mircea Lucescu stehen kurz vor dem Absprung. Für eine Liga, die ihren Status aus der Weiterentwicklung und dem Weiterverkauf südamerikanischer Profis generiert hat, ist die derzeitige politische Destabilisierung der Super-GAU.

Was die Krim-Krise für die beiden Vereine auf der Halbinsel bedeutet, ist noch nicht absehbar. Simferopol und PFK Sewastopol werden die Saison wohl in der Premjer Liga beenden, wollen aber mittelfristig in den russischen Verband wechseln. Entsprechende Briefe an FIFA, UEFA und den ukrainischen Verband sind vorbereitet, ein klärendes Treffen soll kommende Woche in Kasachstan geplant sein. Der gebürtige Potsdamer Denys Prytschynenko in Diensten Sewastopols durfte sich auf SID-Anfrage nach Intervention seines Vereins nicht zur politischen Lage äußern.

(sid)