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In der Coronakrise geht's um Solidarität, das System Fußball muss sich ändern

Kolumne „Anstoß“ : Das System Fußball muss sich ändern

Der Profifußball ist ein an Gewinnmaximierung und Konkurrenzdenken orientiertes Geschäft. Eine Lehre aus der Corona-Krise: Das System muss sich ändern, es braucht Hilfe der Großen für die Kleinen.

Andrea Agnelli (44) ist ein einflussreicher Mann. Er sitzt im Vorstand des Autokonzerns Fiat, er ist Präsident des italienischen Rekordmeisters Juventus Turin, und er führt die Vereinigung der europäischen Fußballklubs (ECA). Sein Wort hat Gewicht. Weil er das weiß, hat er den Mitgliedern der ECA jüngst einen Brief geschrieben, der an Deutlichkeit schwer zu übertreffen ist. Die beiden Kernsätze: „Niemand ist gegen diese Krise immun, wir müssen zügig handeln, das ist von wesentlicher Bedeutung. Wir sind mit der größten Herausforderung konfrontiert, die das Fußballsystem jemals bewältigen musste."

Vermutlich regt sich da kein Widerspruch. Die Corona-Krise hat den Profifußball zum Stillstand gebracht. Das war vor ein paar Monaten, vor ein paar Wochen überhaupt nicht vorstellbar. Vor allem für jene nicht, die den Profifußball in seiner ganzen Art, in seiner Entwicklung und in seiner Bedeutung für selbstverständlich halten. Für so selbstverständlich, dass sie sich mit Gedanken an eine derartige Krise gar nicht beschäftigen mochten.

Das müssen sie aber nun. Und Agnelli hat sicher Recht, wenn er von der größten Herausforderung für das System spricht. Eine wesentliche Frage ist: Kann das System, wie es ist, diese Krise meistern?

Das ist eher unwahrscheinlich. Denn das System Profifußball beruht auf dem Grundsatz der Gewinnmaximierung und der Konkurrenz. Es geht darum, auf dem Markt möglichst der Größte zu sein. Das schließt ein vergleichsweise kollegiales Miteinander aus. Kollegen sind die großen Klubs im Profifußball nur, wenn sie gemeinsam gegen die internationalen oder nationalen Verbände ihre Interessen vertreten können, und wenn diese gemeinsame Interessenvertretung gemeinsamen Gewinn in Aussicht stellt. Auch in der ECA, die vor Agnelli vom Bayern-Präsidenten Karl-Heinz Rummenigge geführt wurde, geht es nur darum, eine Basis fürs Geschäft herzustellen. Wenn diese Basis steht, ist sich wieder jeder selbst der Nächste.

Dieses System passt nicht in einer Krise, die für alle mit starken finanziellen Verlusten verbunden sein wird und die ganz besonders die vergleichsweise Kleinen treffen wird. Weil die Großen diese Kleinen brauchen, um einen vernünftigen Wettbewerb zu spielen, müssen die Großen das System ändern, das bislang vor allem sie bediente. Sie kassieren höhere Einnahmen aus der TV-Vermarktung, das erleichtert den Einzug in die europäischen Wettbewerbe, das wiederum bringt mehr Geld ein, und das Geld sichert Spitzenplätze. Es ist ein Kreislauf, der nun unterbrochen werden muss. Denn ohne Solidarität zwischen den Konkurrenten auf dem Markt (Solidarität von oben nach unten) wird es diesen Markt nicht mehr geben.

Ob das alle begriffen haben? Zweifel sind erlaubt. So hat der einstige Torwart-Titan und künftige Bayern-Chef Oliver Kahn (50) gerade über Solidarität gesprochen. Er sagte dem „Kicker“, „dass es heute mehr denn je um Solidarität geht“. Und er erklärte damit den Gehaltsverzicht von Spielern, Funktionären und Trainern im Klub, der den kleinen Angestellten das wirtschaftliche Überleben sichern soll. „Mir ist es nicht egal, was mit meinem Arbeitgeber, meinem Verein passiert“, sagte er noch.

So ehrenwert wie diese Haltung zum eigenen Unternehmen ist, so selbstverständlich sollte sie sein, und so wenig ist sie ein Zeichen der Gemeinsamkeit mit anderen Vereinen, mit dem Fußball an sich. Kahn hat aber zumindest über den Horizont des eigenen Vereinsgeländes hinausgeschaut. „Wir werden durch diese Krise unsere Einstellung in vielen Lebensbereichen ändern“, erklärte er, „für den Fußball könnte das eine Umkehr von seiner chronischen Überhitzung zu mehr Maß bedeuten.“ Schön wär’s.