Wie Jürgen Klinsmann mit Hertha BSC in die große Business-Welt starten will.

Hertha BSC und das „Commitment“ : „Klinsis“ schöne neue Welt

Mit viel Geld und großen Tönen startet Jürgen Klinsmann seine Arbeit als Erwecker des Berliner Fußballs. Die ersten Zwischenergebnisse sind bescheiden.

Die Revolution findet im Wörterbuch statt. Und der Verdacht liegt nahe, dass der führende Fußball-Revolutionär die wesentlichen Wörter vorgegeben hat. Das wichtigste Wort für Jürgen Klinsmann ist „Commitment“. Nachschlagewerke übersetzen es mit „Verpflichtung, Engagement, Einsatz“. Bei Hertha BSC kennt inzwischen jeder dieses Wort. Denn es vergehen kaum zehn Minuten, in denen der neue Trainer nicht irgendjemand für sein „Commitment“ öffentlich belobigt, sich selbst eingeschlossen.

Vor allem der große Investor Lars Windhorst kommt in den Genuss verbaler Streicheleinheiten im Stil des so herrlich globalen Business-Sprech. „Sein Commitment“, sagt Klinsmann, „ist unglaublich.“ Rund 220 Millionen Euro hat Windhorst in den Klub gepumpt. Das nährt nicht nur bei Klinsmann Vorstellungen, die sich nicht mehr auf dem biederen Boden der Berliner Fußball-Tatsachen bewegen. Einen „Mega-Klub“ sieht der einstige Nationaltrainer wachsen. Und weil dazu außergewöhnliches Personal gehört, hat sich der hochbegabte Selbstverkäufer Klinsmann in Alexander Nouri einen ehemaligen Bundesliga-Coach für die sportliche Drecksarbeit an die Seite gestellt.

Mehr noch: Für den ehemaligen Nationalspieler Arne Friedrich hat er den Posten des „Performance Managers“ geschaffen. Weil niemand so genau weiß, was das wohl ist, vernebelt Friedrich die Jobbeschreibung, indem er so ausdauernd von Benchmarking und intrinsischer Motivation schwafelt, dass sich seine Zuhörer im wirtschaftswissenschaftlichen Seminar wähnen und darüber friedlich wegdämmern.

Sie wachen erst wieder auf, als Friedrich am Rande des Wintertrainingslagers in Orlando diesen schönen Satz sagt: „Wir wollen uns größenwahnsinnige Ziele stecken.“ Das finden Berliner auf jeden Fall ganz toll. Um den Größenwahn zu unterstreichen, wollte sich die Hertha im Winterschlussverkauf schnell mal mit Granit Xhaka (Arsenal) oder Emre Can (Juventus Turin) verstärken. So viel Commitment musste einfach sein. Verpflichtet wurde schließlich Santiago Ascacibar vom Zweitligisten VfB Stuttgart.

Vorerst glitzern in Berlin also erst Windhorsts Millionen und Klinsmanns Visionen. Der Rückrundenstart passt. Klinsmanns ehemaliger Mega-Klub Bayern München verabreichte der Hertha eine 4:0-Packung. Statt schöner neuer Business-Welt schnöde Wirklichkeit. Nichts für Visionäre.